Trauer in Erfurt Die Kerzen brannten die ganze Nacht

Nach den tödlichen Schüssen und den 17 Toten im Erfurter Gymnasium steht die Stadt unter Schock. In der Kirche und auf den Plätzen versuchten die Erfurter nach der Tat, sich gegenseitig Trost zu spenden.

Von , Erfurt


Trauer überall: Elektronisches Informationsschild in Erfurt
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Trauer überall: Elektronisches Informationsschild in Erfurt

Die Trauer ist in Erfurt allegegenwärtig. Wo immer sie zusammentreffen, sprechen die Bürger der Stadt über die tödlichen Schüsse, berichten sich gegenseitig von den neuesten Details und wer aus dem Bekanntenkreis von dem Blutbad direkt betroffen war. Auf den elektronischen Schildern der Stadtinformation wurde schon wenige Stunden nach den Schüssen der Toten "einer sinnlosen Tat" gedacht. Rund um die Gutenberg-Schule versammelten sich Schüler, ihre Eltern, die Familien der Getöteten und andere Erfurter, die von dem Unglück gehört hatten. Viele von ihnen hielten Kerzen in der Hand und weinten.

"Ich kann jetzt nicht allein sein": Trauernde Schüler in Erfurt
EPA/DPA

"Ich kann jetzt nicht allein sein": Trauernde Schüler in Erfurt

Kaum jemand mochte nach Hause gehen. "Ich kann jetzt nicht allein sein", sagte eine Schülerin, die den Amoklauf in der Schule miterlebt hatte. Die Stadt trauert gemeinsam. Um neun Uhr am Abend läuteten alle Kirchenglocken Erfurts und für einige Minuten kehrte überall Stille ein, auch um die Gutenberg-Schule. Zuvor hatten Hunderte an einem ökumenischen Trauergottesdienst in der Andreaskirche teilgenommen, zu dem die örtlichen Pfarrer spontan geladen hatten. Dutzende Kerzen brannten in der Kirche und vor dem Gebäude standen viele, die wegen Überfüllung keinen Einlass mehr fanden.

Kerzen und Fassunslosigkeit: Lichtermeer vor dem Erfurter Dom
DDP

Kerzen und Fassunslosigkeit: Lichtermeer vor dem Erfurter Dom

Sogar die Empore der Kirche war völlig überfüllt, doch die Enge störte niemanden, war vielen wohl eher willkommen. Vielfach brachen Jugendliche in Tränen aus und mussten von Freunden nach draußen geleitet werden. Andere klammerten sich an Blumen fest und starrten ins Leere. "Gott, wo warst Du heute?", fragte die Pastorin in die Menge und versuchte, Trost zu spenden.

Der Dom blieb die ganze Nacht offen

"Gott, wo warst Du": Betende Schüler in der Andreaskirche
AP

"Gott, wo warst Du": Betende Schüler in der Andreaskirche

Nach dem Gottesdienst zogen viele Jugendliche zum Dom in die Altstadt. Auch hier breitete sich ein Meer von Kerzen aus, die Treppe zum Eingang schimmerte im Licht der vielen kleinen Flammen. Die Kirche blieb die ganze Nacht geöffnet und blieb ein Treffpunkt für Hunderte bis in die frühen Morgenstunden. Im Innern war es still und mit jedem Besucher kam eine Kerze auf dem Altar hinzu.

Moment der Andacht: Vor dem Altar des Erfurter Doms
DPA

Moment der Andacht: Vor dem Altar des Erfurter Doms

Auf allen Gesichtern stand die gleiche Frage: Warum? Niemand, auch die Polizei, weiß bislang eine schlüssige Antwort. Vor dem Kircheneingang erregten sich die vielen jungen Leute in hilflosen Debatten. "Wie kann es sein, dass man in Deutschland so leicht an eine Waffe kommt", fragte ein Schüler, der sich während des Amoklaufs gemeinsam mit seinen Mitschülern in einem Raum verschanzt hatte.

An der Schule war es taghell

Blumenmeer: Der Eingang des Gutenberg-Gymnasiums
REUTERS

Blumenmeer: Der Eingang des Gutenberg-Gymnasiums

Neben dem Dom zog auch der Tatort, das Gutenberg-Gymnasium, die Menschen immer wieder an. Von den grellen Scheinwerfern der Polizei der vielen Kamerateams aus aller Welt hell erleuchtet, fanden sich auch hier die ganze Nacht lang Menschen ein, um ihrer Trauer Ausdruck zu geben. Aus einem Fenster im dritten Stock des Gebäudes aus dem 19. Jahrhundert mit den hohen Torbögen und den großen Fenstern hing noch immer der trotzige Spruch des Abiturjahrgangs: "Abi trotz Pisa", hatten die Schüler auf ein Plakat gemalt - vor dem Amoklauf. Seitdem spricht kaum einer von ihnen über die Reifeprüfung. Das andere Schild, das mehrere Stunden an einem Fenster hing, ist das Symbol der Stunde: Nach "Hilfe" riefen die Schüler damit, die sich in einem Klassenraum verbarrikadiert hatten.

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