Trauerfeiern Rom erwartet den größten Pilgerstrom seit Gründung der Stadt

Niemand weiß, wie viele Pilger in den nächsten Tagen nach Rom kommen werden. Gewiss ist, dass es mehr sein werden als je zuvor. Die Stadtverwaltung rechnet mit 4000 Bussen täglich, auf einem Feld entsteht der größte Campingplatz der Welt - für eine Million Rucksackpilger.


Der jetzt mächtigste Mann der katholischen Welt hat Schwierigkeiten, sich seinen Weg zu bahnen durch den Strom der Leute auf der Via di Porta Angelica. In vollem Ornat versucht Kardinal Joseph Ratzinger die Straße zu überqueren, wird immer wieder angehalten, um sich den Ring küssen zu lassen. Es scheint ihm nicht lästig zu sein. Dann nestelt er einen Schlüsselbund aus dem Umhang und öffnet die Tür jenes Gebäudes an der Piazza della Città Leonina, wo er seine Wohnung hat. Es wird noch ein langer Tag werden für den Dekan der Kardinäle.

Rund um den Vatikan ist Notstandsgebiet. Die Pilger kommen. Der Petersplatz ist längst nicht mehr zu betreten, zentimeterweise drängen sich die Menschen dort aneinander vorbei. Es ist kein Platz zum Niederknien, kaum Luft genug, um die Hände zu falten. Die Gassen sind mit Menschen gefüllt wie sonst nur die Metrozüge zur Stoßzeit um halb sechs.

Freiwillige Helfer versuchen, die beiden Flutwellen, Verkehr und Passanten, voneinander zu trennen, rufen, gestikulieren, trillern mit ihren Pfeifen. Aus der ganzen Region Lazium sind Mitarbeiter des Zivilschutzes nach Rom gekommen. Sie verteilen Trinkwasser, dirigieren und helfen. Auch der Borgo, das Handwerkerviertel zum Tiber hinunter, ist dunkel von Menschen, die Prachtstraße Via della Conciliazione längst dichtgefüllt: Ein Mönch mit weißer Kordeln um den Bauch und Sonnenbrille, junge Familien aus der Vorstadt, Touristen, Halbstarke, die ihre "Giovanni Paolo II."-Postkarten im Plastikbeutel tragen.

Die Straßenhändler aus Sri Lanka schieben stapelweise Broschüren durch den Strom: "Papa santo - Der heilige Papst". Es ist eine ruhige, fast heitere Stimmung. Erstaunlich heiter für den Anlass. Bereits gestern hatten sehr viel mehr Telefoninos, wie Handys hier heißen, als Kerzen auf dem Petersplatz geleuchtet. Die Menschen sprachen das "Ave Maria" mit, aber statt dem Rosenkranz hielten sie ihr Telefon in der Hand, tippten Meldungen oder lasen sie. So lange hatten sie auf diesen Moment gewartet. jetzt war er da - und nichts geschah. Kein Aufschrei, kein großer Gesang, der sich erhoben hätte, kein Glockenläuten in der ganzen Stadt. Viele weinten, viele beteten, und viele hielten ihr Fotohandy zwischen sich und das ungeheure Ereignis.

Es gibt keine Zeitungen mehr. Beim Kiosk auf der Piazza Risorgimente meldet ein Pappschild "Osservatore terminato!", der "Osservatore Romano" ist ausverkauft, wie auch alle anderen Tageszeitungen. Nur noch Fußballblätter sind zu bekommen, und auch sie machen auf mit dem Papst: "Ciao, grandissimo!".

"Noch nie habe ich so viele Menschen hier gesehen", sagt ein Herr namens Giovanni Rossi, vor 84 Jahren hier im Borgo geboren. Jetzt hilft er seinem Enkel im Souvenirladen gleich an der Porta Angelica aus. Und weil das Geschäft gut läuft, die Sonne scheint, und weil er schon viele Päpste hat gehen sehen verrät er auch jenes Römer-Wort, das heute eigentlich nicht angebracht ist: "Morto un Papa, se ne fa un altro... Wenn ein Papst stirbt, gibt's gleich `nen ander'n".

Niemand weiß, wie viele Pilger kommen werden. Gewiss ist, dass es mehr sein werden als je zuvor - wie, um noch einmal jenes letzte Wort Johannes Paul II. zu bekräftigen, das man ihm gestern von den Lippen abgelesen hatte: "Ich habe euch gesucht. Nun seid ihr zu mir gekommen."

Die Stadtregierung rechnet mit 4000 Reisebussen täglich. Die Staatsbahnen haben Sonderzüge bereitgestellt, auf den Flughäfen wurden bereits gestern Alarmpläne aufgestellt. Auf dem Messegelände sind Notunterkünfte bereitgestellt, Feldbetten, wie man sie aus Erdbebengebieten kennt. In Tor Vergata, am Südrand der Stadt, entsteht der größte Campingplatz der Welt, ausgelegt für eine Million Rucksackpilger. Der Zivilschutz hat verlangt, auch die Sportstadien Olimpico und Flaminio bereitzustellen, zudem das Kongresszentrum in Mussolinis alter Zukunftsstadt EUR. Alle Fußballspiele und Sportveranstaltungen sind abgesagt. Das Ferrari-Challenge in Imola annuliert, und die Rai hat entschieden, den Grand Prix der Formel 1 aus Bahrein nicht zu übertragen. Niemand, auch die Politiker nicht, redet mehr von den Regionalwahlen, die heute beginnen - eigentlich das politische Ereignis dieser Woche.



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