Trennungen Die Leiden der Barbara Becker

Sie hat den Nationalhelden Boris Becker vorgeführt und will nun 30 Millionen Mark von ihm, um als Siegerin von Florida nach München zurückzukehren. Doch Barbara Becker ist auch Opfer. Mit ihrer Rolle als Society-Prinzessin wurde sie nie fertig.

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Am Ende kann die Sucht stehen, das wusste Barbara Becker schon 1993. Wenn sie sich all diese berühmten Männer und besonders diese schönen schlanken Frauen an deren Seite ansehe, sagte sie damals, dann sehe sie die Gefahr, "dass sie sich anlügen und pseudomäßig beschäftigen". Dann sehe sie "Frauen, die alkoholsüchtig sind oder kaufsüchtig".

Barbara Becker
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Barbara Becker

"Wir sind die Ausnahme", sagte Boris Becker, denn damals fand er seine Frau noch berauschend. Und glamourös. "Königin" nannte er sie und "Göttin" - "meine Göttin".

Vielleicht hatte die ja damals, 1993, so etwas wie eine Ahnung. Es gibt Menschen, die Barbara Becker, 34, gut kennen, und diese Menschen erzählen, sie habe in den letzten Jahren kein Kleid und keine Bluse zweimal getragen. Wenn sie ein Kostüm gesehen habe in vier verschiedenen Farben und wenn die Entscheidung wieder so verdammt schwer fiel, dann habe sie eben vier Kostüme gekauft für 60.000 Mark. Sie habe die Sekretärin, das Kindermädchen, ihre Freundinnen und ihren Vater ausgestattet, Monat für Monat die 25.000 Mark netto von ihrem Konto geräumt und und bei Frisör, Masseur, Maniküre und Pediküre trotzdem anschreiben lassen.

"Und die Rechnung ging an den Alten", sagte Boris Becker, 33, im Kreis von Freunden. "Es ist so wirr", sagte er, "ich weiß nicht, was sie tut, was sie nimmt." Am Ende fand er seine Göttin nur noch dekadent.

Es hat eine komische Komponente, dass ausgerechnet beim Ehepaar Becker Geld zum Grund und Gegenstand des Scheidungskrieges wurde. Eigentlich sollte reichlich da sein. Aber Boris, der ewige Leimener, hat seine rund 200 Millionen Mark ja im Kampf erstritten, Mann gegen Mann; so sieht er es, und einer wie er verschenkt nicht gern, jedenfalls keine Millionen.

"Ich habe dreimal Wimbledon gewonnen und nicht 30-mal", sagte er.

Seine Frau, die ihn "Bose" nannte, wollte Sängerin und Schauspielerin sein, und damit verdiente sie nichts. Am Anfang, 1993, hatten sie davon gesprochen, dass sie die Rollen tauschen würden nach seiner Karriere in kurzen Hosen, aber als es so weit war, traute er ihr wenig zu. "Seien wir ehrlich, eine Whitney Houston wird sie nicht mehr und eine Mariah Carey auch nicht", sagte er.

Dass seine Millionen für seine Frau "die Tür zum Paradies" waren; dass sie "mit dem plötzlichen Reichtum nicht fertig wurde"; dass sie Klamotten kaufte "wie ein Fixer den Stoff" - all das irritierte ihn seit 1997, und dann widerte es ihn offenbar an.

Darum dieser Schauprozess um den Schatz der Beckers im Gerichtssaal von Dade County (US-Staat Florida). Und darum diese zähen Verhandlungen der vergangenen Woche.

Beide Beckers waren in Miami, Boris im Marriott, Barbara in der Ferienwohnung auf Fisher Island. Er hielt seine Rituale ein: Laufen, Mittagsschlaf, Espresso trinken. Dann trafen sie sich, jeden Tag, und einmal spielten sie Football am Strand; aber meistens verhandelten sie. Es gab auch schon eine Einigung, und die entsprach weitgehend dem Ehevertrag: Sieben Millionen Mark sollte sie bekommen (fünf Millionen wie 1993 vereinbart plus zwei Millionen "Inflationszulage") sowie ein paar Extras für Leibwächter und Kindermädchen. Seine Anwälte formulierten das Papier, ihre Anwälte änderten die meisten Sätze wieder.

Und dann unterschrieb er. Sie nicht.

Abend für Abend, wenn Boris hinüberfuhr auf die Insel der Reichen, um seine beiden Söhne ins Bett zu bringen, stellte Noah Gabriel die Frage aller Scheidungskinder: "Warum bleibst du nicht bei uns?" Und Barbara saß mit ihrer besten Freundin, einer New Yorkerin, in der "Sunset Bar" von Fisher Island.

Dann bot Boris ihr zehn Millionen Mark an und am Freitag voriger Woche einen erneuten Nachschlag, aber am Ende ging er wieder davon aus, dass sie bis zum Schluss pokern wolle und dass es deshalb am 18. Januar, dem siebten Geburtstag Noahs, zur Anhörung vor Gericht kommen könnte. Sie habe Heimweh, heißt es auf Fisher Island, aber zuerst wolle Barbara 30 Millionen Mark, um dann als Siegerin nach München zurückkehren zu können.

Ist das die Rache der Betrogenen? Das Kalkül einer Abzockerin?

Vermutlich ist alles viel banaler, denn es geht beim Finale der Familie Becker ja zu wie am Endpunkt vieler Ehen: Er möchte höflich abwickeln, doch sie ist verletzt und mag keine Argumente mehr hören. "Ich muss ihr ihre eigene Strategie erklären", sagte Boris Becker Freunden neulich. Das war immer sein Part - der Rationale an der Seite der Romantikerin.

Becker war Anfang der Neunziger, als die beiden sich kennen lernten, wieder mal auf Sinnsuche. Er verkleidete sich, probierte diverse Rollen aus, und den Weg in die Zukunft zeigte ihm sein Anwalt und Berater Axel Meyer-Wölden. Boris bewunderte den ebenso kalten wie weltgewandten Advokaten, und er verehrte die Frau an dessen Seite, die charmante, dunkelhäutige Antonella. Darum hatte die Beziehung zu Barbara auch ein wenig von der Kopie eines Lebensmodells.

Da war sie noch seine Göttin: Boris und Barbara Becker kurz nach ihrer Hochzeit 1993
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Da war sie noch seine Göttin: Boris und Barbara Becker kurz nach ihrer Hochzeit 1993

Die Beckers trafen sich im "Königin-Garten" in München-Schwabing. Boris saß mit ein paar Freunden und einer Frau namens Sophie zusammen, als Barbara Feltus auftrat; sie war mit Sophie verabredet. Boris erblickte Barbara - "die Frau meines Lebens", wie er sagt. "Er hat etwas von meinem Teller genommen und mein Bier getrunken", erzählte sie, "ich habe gesagt: Vielleicht sollten wir auch mal was reden." "Du", sagte Boris, "eigentlich brauchen wir jetzt gar nicht mehr zu reden."

Es ist gewagt, heute zu behaupten, dass die beiden sich nie geliebt haben können; es war eher so, dass ihre Liebe mit Rollen und Funktionen zu tun hatte und dann zerbrach, als sich die Rollen änderten.

Am Anfang zeigte sie ihm ihre Welt und steckte ihn in Dolce & Gabbana-Anzüge; neben dem Kämpfer mit dem Tunnelblick war sie die Nette, die Journalisten Rosenbouquets in Herzform ("Von Boris und Barbara") zur Hochzeit schickte; außerdem und vor allem war sie eine Art Symbol seines Selbstverständnisses: Ich bin anders, ich bin Weltmann. Mit "Brother" grüßten ihn ihre Freunde, "und das fand ich cool", sagt er. Zum Pathos neigte er stets, und deshalb nannte er die erblühende Liebe sogleich "etwas Heiliges".

Beckers väterlicher Berater Meyer-Wölden sah Barbara, laut "Sunday Times" eine Frau der Kategorie "AMW" (Actress, Model, Whatever), ein wenig nüchterner. Er kannte ihre Dessous-Fotos, las die "Straps-Babs"-Schlagzeilen und überzeugte Boris, dass ein Mann seines Ranges auf der Hut sein müsse; dann setzte er den Vertrag auf. Barbara unterschrieb, doch seit 1997 sprach sie von "diesem Knebelvertrag, den wir ändern müssen".

Heute fragt sich Boris, ob sein Anwalt nicht womöglich Recht hatte. "Respekt und Status" seien schließlich "das Wichtigste" gewesen für sie, sagte er, und er habe sie groß gemacht, denn er habe "eine Werbekampagne" für sie organisiert, damit sie "den Stellenwert bekam, den ich hatte". In "Bild" las er eine ziemlich scheinheilige Geschichte über Drogen und ihre angeblichen Affären. Ob sie ihn von Anfang an ausnehmen wollte, fragte er.

Aber das müsste er besser wissen, denn die simple Wahrheit ist, dass Barbara Becker, die bis 1993 "nur ein bisschen herumprobiert" hatte und als Schauspielerin noch am Anfang stand, mit der Rolle ihres Lebens nie fertig geworden ist.

Barbara, Trennungskind einer Karlsruher Walldorf-Lehrerin und eines amerikanischen GI, ist eine Frau, die niemals stehen bleibt; sie rast von einem Gespräch zum nächsten, vom "Schumann's" ins "P1" und zurück, von der Boutique zum Schneider und manchmal eben von München nach Miami. Drei Mobiltelefone hat sie, und wenig macht sie so fassungslos wie ein Funkloch. Einmal, es war im Winter 1997, saß sie in South Beach in einer Strandbar und sinnierte über "meine Minderwertigkeitskomplexe" und diese dauernden Ängste: "Ich müsste das schönste Leben haben, aber ich kann es nicht spüren. Ich fürchte mich vor Entführungen, vor Katastrophen, vor irgendetwas habe ich immer Angst." Verhuscht und aufgedreht kam sie daher und selten entspannt.

Sie spielte die deutsche Lady Diana, und die "Bunte" war sehr zufrieden: "Sieht klasse aus, hat ein klasse Herz, ist eine klasse Mutter." Sie traf Nelson Mandela, aber schon ein unangemeldeter Fotograf ließ sie wieder zittern. Barbara wollte ihr Gesicht so in die Kamera halten, dass man diese Narbe nicht sehen konnte, die sie neben der Nase hat, seit ihr in früher Kindheit eine Mineralwasserflasche zersprang.

Die Ehe der Beckers geriet aus der Balance, als er ins Geschäftsleben wechselte; da träumte sie von Plattenaufnahmen mit Lionel Richie und einer Theaterkarriere. Die Kinder waren nur noch mit Leibwächtern zusammen, die Eltern diskutierten über Neid und Selbstverwirklichung, und danach "war es eine Woche gut und dann wieder wie vorher", wie Boris sagte.

Als er sich abwandte und wie früher durch die Städte streifte, reagierte sie mit Aktionismus, und das war falsch. Boris, das hatte sie ja oft genug erlebt, respektiert jene wenigen Menschen, die nach seinem Wertesystem - Charisma, Popularität, Erfolg - gleichrangig sind; wer sich unterordnet, kann für ihn arbeiten und eine Menge Geld verdienen, sollte aber eher bedingt auf seine Achtung hoffen.

Doch Barbara, die sich längst allein zu zweit fühlte, konnte nur noch über dieses eine Thema reden: Boris und Barbara. Sie zupfte an ihm herum, küsste und tätschelte theatralisch seine Wange - und er drehte sich hölzern weg, als sei seine Ehefrau ihm peinlich. Und als sie neulich auf Fisher Island auf ihn losging, ballte Boris die Fäuste in der Tasche und stand einfach da. "Lass dich nicht provozieren, das würdest du dein Leben lang bereuen", sagte er sich.

Als Barbara vor acht Jahren über das Leben dieser schönen Schlanken an der Seite prominenter Männer redete, sagte sie: "Du hast nichts Eigenes. Du musst für deinen Platz kämpfen." Auch das hatte etwas von einer Prophezeiung.



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