Tropensturm abgeschwächt "Irene" geht in New York die Puste aus

Überschwemmungen, Stromausfälle, umgestürzte Bäume: New York kam bei Sturm "Irene" vergleichsweise glimpflich davon. Die Einwohner nehmen die Schäden gelassen hin. Benachbarte Bundesstaaten wurden weit härter getroffen.

AFP

Von , New York


"Irene" hat elend lange gebraucht, um in Manhattan anzukommen, doch verschwindet dann erstaunlich schnell wieder. Ein letztes Aufbäumen, Windböen fegen durch die Straßenschluchten, die Bäume biegen sich stöhnend, die Tropfen werden noch einmal zu feinen Nadelstichen - und dann ist alles vorbei.

Wie auf Kommando geht "Irene" die Puste aus, wird es fast windstill. Der Regen lässt nach, statt Guss nur noch Nieseln. Der bleiern-graue Morgenhimmel erhellt sich, fast bricht sogar die Sonne durch. Am frühen Vormittag wälzt sich das Auge des Sturms über New York hinweg. Dahinter kommen zwar noch mal schwere Winde, doch mit den Wasserfluten ist es vorbei.

Kurz darauf degradieren die Meteorologen "Irene" vom Hurrikan zum tropischen Sturm. "Die Dinge sehen besser aus, als wir befürchtet hatten", sagt Christopher Gilbride, Sprecher der New Yorker Katastrophenschutzbehörde OEM.

Die Metropole, die sich in einem historischen Kraftakt vor "Irene" verbarrikadiert und verkrochen hat, atmet auf. Auf den ersten Blick scheint sie glimpflich davongekommen zu sein, mal abgesehen von ein paar gefluteten Promenaden und Nebenstraßen, umgestürzten Bäumen und Stromausfällen. Während die Lage in anderen US-Bundesstaaten ernst bleibt, fühlen sich manche hier in ihrem Berufszynismus bestätigt.

"War doch nicht so schlimm", sagt die Kellnerin im Schnellrestaurant "Bonbonniere" an der Hudson Street, das nur drei Blocks vom Wasser liegt, aber schon im Morgengrauen wieder Frühstück serviert. "Wir hatten Glück."

Vielen anderen ergeht es jedoch schlechter. Bevor "Irene" New York erreicht, fordert der Sturm mindestens zwölf Todesopfer in fünf Bundesstaaten, allein vier in North Carolina, wo er am Samstag erstmals das US-Festland erreichte. Millionen Amerikaner entlang der Nordostküste sitzen ohne Strom da. Der Sachschaden dürfte nach Schätzungen von Chris Christie, dem Gouverneur von New Jersey, in die "Zig-Milliarden Dollar" gehen.

Keine "Wasserwand" fü die TV-Teams

In New York jedoch bleibt das Schlimmste zunächst aus. Dutzende TV-Teams, die die Nacht in Battery Park City an der Südspitze Manhattans ausgeharrt haben, um auf die selbst von der sonst so zurückhaltenden "New York Times" prophezeite "Wasserwand" zu warten, bekommen kaum nasse Füße.

Um 8 Uhr früh steht der Gezeitenpegel auf dem Höchststand, und "Irene", so war die Sorge, würde nun noch mehr Wassermassen in die Hafenenge, den Hudson River und East River drücken, zwischen denen Manhattan liegt. In der Tat schwillt das Meer bedenklich an, schwappt sogar über den Schutzwall am Terminal der Staten Island Ferry, und bald verschwinden alle Uferpromenaden des Hudson River Parks unter der trübe glucksenden Brühe.

Aber eine dramatische Flutwelle durch den Financial District, die sich manche ausgemalt haben, bleibt aus. Nur in ein paar Straßen steht das Wasser knietief, Müll und Unrat treiben darin herum, und Touristen machen fleißig Fotos.

Der West Side Highway, die Schnellstraße am Hudson-Ufer, ist teilweise überflutet, doch Autos fahren trotzdem vereinzelt. Jim Dyers Keller steht hier unter Wasser, er hat sich das T-Shirt ausgezogen und hantiert halbnackt mit Feuerwehrschläuchen, um die sprudelnden Massen abzuleiten. "Ziemlicher Mist", sagt er, "aber es hätte schlimmer kommen können."

Dasselbe Problem hat Modedesignerin Stella McCartney in ihrem Laden an der 14th Street im Meatpacking District, da steht das Wasser im Untergeschoss gut einen Meter hoch. "Wir pumpen seit der Nacht", sagt Jose Vega, ein Arbeiter, der mit drei Kollegen ums Kellerloch herumsitzt, aus dem zwei Schläuche kommen.

"Irene" knickte zahlreiche Bäume um

Im Greenwich Village haben sich abgebrochene Baumstämme über einige der kleinen Kopfsteingassen gelegt. Bis zum Morgen gehen bei den New Yorker Behörden 176 Berichte über umgestürzte Bäume und geknickte Stämme ein. Über Verletzungen ist bisher nichts bekannt.

Dabei ist "Irene" am späten Abend mit ominösem Tosen und einem einzigen Blitz- und Donnerschlag hier angelangt. Zuvor war es noch völlig windstill gewesen, die Luft fast schon erdrückend schwer und schwül. Dann auf einmal, innerhalb von Minuten, nahm der Himmel eine grün-graue Färbung an, und von weit oben erhob sich ein erstes, leises Jaulen.

Hoch oben über den Dächern rappelte und klapperte es, unten in den Straßenschluchten pfiff es durch parkende Autos, Bäume, Zäune und Briefkästen. Ein steter Regen setzte ein, wurde dann immer stärker. Die meisten New Yorker verschliefen das Naturspektakel jedoch.

Die Sturmvorbereitungen der 8,5-Millionenstadt waren einzigartig. Erstmals in der Geschichte wurde der gesamte U-Bahn- und Busverkehr eingestellt, Brücken wurden geschlossen und rund 370.000 Bewohner aus den tiefstgelegenen Vierteln zur Evakuierung genötigt. Viele missachteten die Warnung aber. In den Notunterkünften war Platz für 71.000 Menschen, doch nur knapp 10.000 erschienen. "Die meisten schliefen anderswo", sagte Marc La Vorgna, ein Sprecher von Bürgermeister Mike Bloomberg, der "New York Times".

Im ausklingenden Sturmchaos lassen es sich ein paar Wagemutige im fahlen Morgenlicht nicht nehmen, ihre Hunde auszuführen. Wer sich allzu nahe an die überflutete Promenade des Hudson-Parks wagt, wird jedoch von einem Streifenwagen verscheucht. "Park ist gesperrt", bellt ein Cop über ein Megafon. "Bitte gehen Sie woanders lang. Hier gibt es nichts zu sehen."

insgesamt 38 Beiträge
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archie, 28.08.2011
1. New York, USA
Hatte der Herrgott ein Einsehen und verschonte die Orchideenmenschen in ihrem heiligen Jerusalem?
sorbic 28.08.2011
2. Katastrophenjournalismus ist
wenn der Spiegel wöchentlich den Untergang des Abendlandes verkünde, die Katastrophe aber regelmäßig ausbleibt. Was darf es denn diese Woche sein, die Herren?
brooklyner 28.08.2011
3.
Peter und der Wolf...
ikke2 28.08.2011
4. Genau
Da gibs ein bisschen Wind und Regen in New York, und schon wird ein Live-Ticker eingerichtet. Wenn irgenwo auf den Phillipinen ein paar Häuser weggeweht werden,interessierts keine Sau. We all living in America!
goedeking1 28.08.2011
5. fotostrecke
Das ist aber nicht die Brooklyn Bridge...
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