Tschetschenien Regime der Top-Terroristen

Er soll Statthalter der Qaida in Tschetschenien sein und nun neben Terroristenführer Bassajew zum zweitwichtigsten Mann der abtrünnigen Kaukasus-Republik aufsteigen: Laut einem Zeitungsbericht schickt sich der weltweit gesuchte Terrorist Abu Chaws an, dem zum Nachfolger Maschadows gekürten Abdul Chalim Sadulajew Konkurrenz zu machen.


Untergrundpräsident Aslan Maschadow wurde von russichen Truppen getötet
REUTERS

Untergrundpräsident Aslan Maschadow wurde von russichen Truppen getötet

Hamburg - Seit russische Truppen den gemäßigten Rebellenführer Aslan Maschadow vergangenen Dienstag töteten, gilt ein Mann als sein offizieller Nachfolger: Der vermutlich aus Saudi-Arabien stammende Abdul Chalim Sadulajew - ehemaliger Vorsitzender des islamischen Gerichtes in Tschetschenien und einer von fünf Männern, die in die Führung der Rebellen aufstiegen, weil sie Gelder aus dem Ausland auftreiben konnten.

Doch welche Funktion der so eilig zum Interims-Nachfolger gekürte Sadulajew in Wahrheit haben wird, ist ungewiss. "Sadulajew ist ein Niemand", zitiert die "Sunday Times" in ihrer aktuellen Ausgabe einen russischen Geheimdienstler. "Jetzt, nachdem wir Maschadow getötet haben, sind es zwei Männer, welche die Fäden in Tschetschenien ziehen - (Schamil) Bassajew und Abu Chaws. Sie kontrollieren das Militär und die Gelder und sie sind diejenigen, die zukünftige Terroranschläge planen", so der russische Agent laut "Times".

Nachfolger Maschadows: Abdul Chalim Sadulajew
AFP

Nachfolger Maschadows: Abdul Chalim Sadulajew

"Propaganda", urteilt Wacha Chasanow auf der Rebellen-Website "Kavkazcenter" über den Artikel in der "Times". Es könne keine Rede davon sein, dass Abu Chaws "Bin Ladens Hauptgesandter in Tschetschenien" sei. Die Zeitungsmacher hätten sich ihr Honorar redlich verdient, indem sie "viele Widerwärtigkeiten über Abu Chaws" erzählt hätten.

Doch wer ist Abu Chaws? Der 40-jährige Wahabit gilt neben Schamil Bassajew, dem blutrünstigen Kriegsführer, der sich zu dem Massenmord in der Beslaner Schule bekannte, als meistgesuchter Terrorist Russlands. Unter seinem Kampfnamen Amdschet gelangte der in Jordanien geboren Rebell zu Ruhm. Der Internet-Dienst "msn.ru" behauptete in einer Analyse vom Oktober 2004, Abu Chaws sei lediglich ein Pseudonym - ebenso wie Taisir, Scheich Taisir Abdullah oder Abu Chadischach. Demnach hätten ausländische Geheimdienste längst die wahre Identität jenes Mannes erkannt, der hinter all diesen Namen steckt: Mohammed Atefa - der Mann, der weltweit gesucht wird, weil er die Anschläge auf die US-Botschaften in Daressalam (Tansania) und Nairobi (Kenia) im Jahr 1998 geplant und durchgeführt haben soll.

Der russische Inlandsgeheimdienst FSB vermutet, dass Abu Chaws die saudi-arabische oder ägyptische Staatsangehörigkeit besitzt. Anfang der neunziger Jahre soll er Osama bin Laden in Afghanistan getroffen haben. Auf dessen Geheiß soll er 1995 während des ersten Tschetschenienkriegs in die Kaukasusrepublik gekommen sein, um als Trainer in einem Terroristen-Ausbildungslager in der Nähe der Siedlung Serdschen-Jurt zu arbeiten. Er habe sich dann in der Region niedergelassen und eine Tschetschenin zur Frau genommen, heißt es.

1996 soll Abu Chaws vorübergehend Zuflucht in der Pankisi-Schlucht im benachbarten Georgien gesucht haben. Hier soll er in seiner Funktion als Qaida-Gesandter weitere Trainingslager sowie ein Militärkrankenhaus aufgebaut und eine Moschee errichtet haben. Zu seinen Aufgaben gehörte auch die Versorgung tschetschenischer Rebellen mit Waffen.

Korrespondenten der russischen Zeitung "Wremeni nowosti" berichteten im Oktober 2004, Abu Chaws habe nur 15 Minuten, nachdem am 11. September 2001 ein Flugzeug in das Pentagon geflogen war, einen Anruf erhalten. Internationale Geheimdienste hätten das Telefonat eines afghanischen Qaida-Führers mit dem in Georgien weilenden Gesandten aufgezeichnet. Darin teilte der Anrufer Abu Chaws mit, dass es Gutes zu berichten gebe, man allerdings "noch nicht alle Ziele erreicht habe". Kurz darauf stürzte die von Terroristen gekaperte Passagiermaschine im US-Bundesstaat Pennsylvania ab.

Seit Abu al-Walid, ein aus Saudi-Arabien stammender Finanzverwalter der tschetschenischen Rebellen, im April 2004 von russischen Truppen getötet wurde, verwaltet Abu Chaws Gelder, die zur Unterstützung der Rebellen aus dem Ausland nach Tschetschenien fließen.

Bereits Anfang Februar war es dem russischen Geheimdienst gelungen, sich Zugriff auf das persönliche Archiv von Abu Chaws zu verschaffen. Die Dokumente wurden auf der Computer-Festplatte des arabischen Söldners Abu Kuteib gefunden, der im vergangenen Sommer in Inguschetien getötet worden war. Unter den Computerdateien befanden sich Geheimdienstmeldungen zufolge Nachweise über Zahlungen ausländischer Sponsoren. Auch 15 Fotografien von Abu Chaws selbst sowie zahlreiche Aufnahmen seiner Mitstreiter befanden sich in dem Archiv.

Das Terror-Netzwerk, für das Abu Chaws arbeitet, sei eng mit al-Qaida verknüpft, betonen vor allem die regierungstreuen Medien in Russland. Der FSB ist davon überzeugt, dass Abu Chaws die Geiselnahme im nordossetischen Beslan nicht nur mitorganisiert, sondern auch finanziert hat. Über 330 Menschen kamen bei dem Anschlag auf eine Schule im September 2004 ums Leben - die Hälfte von ihnen Kinder.

Mindestens zehn Vertreter von al-Qaida, die im Nordkaukasus agieren, sind dem FSB bekannt. Etwa 150 Söldner aus arabischen und anderen Ländern sollen sich in dem Gebiet aufhalten. Die Einigkeit unter den Rebellen, was die Nachfolge Maschadows betrifft, darf bezweifelt werden. Der Vorsitzende des tschetschenischen Staatsrats, Taus Dschabrailow, sagte unlängst, er rechne nach Maschadows Tod mit einem Machtkampf an der Spitze der Separatisten. Der ohnehin einflussreiche Rebellenführer Bassajew werde der wirkliche Führer, sagte das Mitglied der Moskau-treuen Regierung in Grosny.

Annette Langer



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