Tschetscheniens Kriegskinder Die vergessene Generation

Vergewaltigung, Entführung, Exekution: Tschetschenische Kinder leben seit Jahren mit den Gräueln von Kriegs- und Nachkriegszeit. Ein neuer Fotoband erinnert an eine ganze Generation, die mit dem Tod vor Augen aufgewachsen ist und heute in kaum vorstellbarem Elend existiert.

Hamburg - Unvergessen, die markigen Worte des russischen Präsidenten Wladimir Putin, als er vor knapp drei Jahren seinen Freund Gerhard Schröder auf Schloss Gottorf in Schleswig traf. Von Journalisten auf die Situation im Kaukasus angesprochen, zischte Putin in lupenreinem Deutsch in die Kameras: "Seit drei Jahren gibt es keinen Krieg mehr in Tschetschenien. Sie können ruhig nach Hause gehen. Frohe Weihnachten!"

In der Tat: Krieg gibt es nicht mehr in Tschetschenien. Es gibt keine Luftangriffe, keine Panzer, keine brennenden Häuser in den Straßen des Landes. Aber es gibt Entführungen, Vergewaltigungen, Verhaftungen und Folter. Es gibt Kinder, die auf Minen treten, weil niemand sie wegräumt. Kinder, die kein Geld für eine Prothese oder eine Operation haben. Kinder, deren Eltern tot oder verschwunden sind. Kinder ohne ein Dach über dem Kopf, ohne eine Schule, in die sie gehen könnten. Kinder mit Polio, Tuberkulose, Krebs oder Lungenentzündungen.

Die Journalistin Andrea Jeska hat Putins Rat befolgt. Sie ist nach Hause gegangen. Dort packte sie ihre Koffer und reiste nach Tschetschenien, um sich selbst ein Bild von den "friedlichen Zuständen" zu machen. Was sie fand, war ein Land im Ausnahmezustand, ausgelaugt von zwei barbarischen Kriegen, in denen russische Soldaten ebenso wüteten wie die tschetschenische Separatisten oder die Todesschwadronen des von Putin gedungenen Präsidenten Ramsan Kadyrow.

Eine ganze Generation ist in Tschetschenien mit dem Tod aufgewachsen, ein Schicksal wie das der 16-jährigen Jakha ist keine Besonderheit: Ein Jahr nach Beginn des zweiten Krieges 1999 bombardierten russische Truppen Jakhas Heimatdorf, erzählt Andrea Jeska in ihrem neuen Buch "Tschetscheniens vergessene Kinder", einem Bildband mit Aufnahmen des Fotografen Musa Sadulajew.

Das Haus stürzte über Jakha zusammen, ein Bein wurde von den Trümmern zerquetscht. Es folgten Amputation bei örtlicher Betäubung, Wundbrand, erneute Amputation, Prothesenanpassung. Nichts im Vergleich zu dem, was der kleine Bruder ertragen muss. Der Vierjährige hat Krebs, verlor ein Auge, als man ihm einen faustgroßen Tumor aus dem Kopf herausholte. Jetzt ist das zweite Auge von Metastasen bedroht. Die Mutter macht Schulden, um den Sohn in Moskau operieren lassen zu können. Der Vater ist im Krieg gefallen.

Die Allgemeingültigkeit ihres Schicksals schützt Jakha nicht vor der Gnadenlosigkeit ihrer Altersgenossen. Die werfen mit Steinen nach ihr, rufen sie Krüppel und wünschen ihr, dass auch das andere Bein abfallen möge. Jakha schweigt und arbeitet im Straßenladen ihrer Mutter, um Geld für die Gläubiger und das tägliche Überleben herbeizuschaffen. Danach gefragt, was sie sich für ihr Leben wünsche, sagt sie: "Dass die Mutter nicht mehr weint."

Es sei schlimm zu beobachten, wie viele Eltern in ihrem Leid verharrten und den Untergang der Nation beweinten, anstatt ihren Kindern über die furchtbaren Erfahrungen hinwegzuhelfen, sagt Autorin Jeska im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE: "Hinter ihnen liegt nicht nur eine Kindheit im Krieg, sondern eine Kindheit allein im Krieg."

Viele Male hat Jeska Tschetschenien besucht. Ihr Bericht über das in Trümmern liegende Land erzählt von dem beißenden Geruch der Holzfeuer, der Feuchtigkeit klammer Ruinen und verbrannter Erde. Sie sah Kinder, "so verwahrlost, dass selbst ich sie nicht mehr streicheln mochte. Sie trugen graue Seelen in ihren Augen. Und der graue Staub der vor sich hin sterbenden Häuser hatte sich ihnen über die Haare, die Haut gelegt."

Die Journalistin geht nah an ihre Protagonisten heran. Sie ist emotional, wo die Realität sie überwältigt, umso kritischer, wenn niemand diese Realität verändern will.

Je nach politischer Lesart sollen zwischen 10.000 und 200.000 Menschen den beiden Tschetschenien-Kriegen zum Opfer gefallen sein. Die neue Generation ist in großen Teilen eine vaterlose und damit ohne Ernährer. Auf etwa 3500 schätzt die Menschenrechtsorganisation Memorial die Zahl jener Männer, die seit 1999 im Schutz der Dunkelheit aus ihren Betten gezerrt oder einfach auf der Straße einkassiert und nie wieder gesehen wurden. Sie wurden verschleppt von russischen Besatzern, aber auch von den "Kadyrowzy", jener Privatarmee des jungen Präsidenten, die - inzwischen in offizielle staatliche Strukturen integriert - noch immer Angst und Schrecken verbreitet.

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg hat die Menschenrechtsverletzungen der russischen Sicherheitskräfte mit zahlreichen Zeugenaussagen nachgewiesen und in bisher acht Fällen verurteilt. "Ich bin nicht sicher, ob die Menschen in Tschetschenien die eingeforderten Reparationszahlungen je erhalten werden. Aber ich weiß, dass sie froh sind, dass endlich jemand bestätigt: Ja, was euch passiert ist, war unrecht", erklärt Autorin Jeska.

Die Coolness des "King Ramsan"

Jahrelang hätten die Tschetschenen sich durch das weitgehende Schweigen der Weltöffentlichkeit im Stich gelassen gefühlt. "Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 hat niemand sich getraut, das Wort Völkermord in den Mund zu nehmen. Stets wurde nur das Putin'sche Mantra des Anti-Terrorkampfes nachgebetet." Auch einige seriöse Medien seien der russischen Propaganda erlegen, so der Vorwurf der Journalistin. Jetzt hoffen Menschenrechtler auf späte Gerechtigkeit: Etwa 200 weitere Verfahren sind in Straßburg noch anhängig.

Für viele unverständlich: Heute ruht die Hoffnung vieler Tschetschenen ausgerechnet auf den gestählten Schultern des erst 30-jährigen Präsidenten Ramsan Kadyrow - jenem Mann, von dem die "Gesellschaft für bedrohte Völker" behauptet, er gehöre "vor ein internationales Kriegsverbrechertribunal und nicht in ein Regierungsamt". Während Folter-Opfer davon berichteten, dass es ihm gefiele, persönlich der Sonderbehandlung Gefangener beizuwohnen, gilt "King Ramsan" - auch "Little Saddam" genannt - unter Jugendlichen als cool.

Vier Ehefrauen polygam verbunden, hält er sich einen Löwen als Haustier und einen millionenschweren Fuhrpark als Hobby. Er liebt die martialische Pose und schmückt sich mit illustren Figuren wie Mike Tyson oder den langbeinigen Teilnehmerinnen einer Miss-World-Wahl. Auf letztere ließ er Dollarscheine regnen, zur Vereidigung im Amt gab es Anfang April dieses Jahres Kaviar und Champagner im Wert von einer halben Million Euro.

Es sei eben dieses archaische Gebaren, das, gepaart mit Bildungsmangel und diffusen Rachegelüsten, eine "sehr ungesunde Mischung" ergebe, bedauert Jeska. "Der ewige Glaube an Männlichkeit und Ehre, das Bild vom Steppenwolf, der mit seinem Gewehr den großen Goliath umbringt, verstellen den Nordkaukasiern den Weg in einen lang anhaltenden Frieden."

Kadyrow befindet sich in einer denkbar vorteilhaften Position: Während die ehemaligen "Besatzer" das Schlachtfeld verwüstet hinterlassen haben, widmet er sich dem Wiederaufbau. Grosny, "die Perle des Kaukasus" soll wiederauferstehen. Angesichts der Massen von Menschen, die noch immer in Ruinen ohne Fenster hausen, ist allerdings Kosmetik gefragt: Im Rahmen nationaler Optimismus-Förderung entstanden ein nagelneuer, marmorverkleideter Flughafen, schicke neue Fassaden und blumenumrankte Boulevards. Cafés, Pizzerias und Boutiquen öffneten ihre Pforten.

"Krieg ohne Spuren" lautet das für viele zynische, für andere Heil versprechende Wiederaufbau-Motto des jungen Präsidenten. Hunderte Bauprojekte sind in Arbeit, eineinhalb Millionen Quadratmeter Wohnraum sollen saniert werden. Die russische Regierung stellt eigenen Angaben zufolge allein in diesem Jahr 200 Millionen Euro für die Beseitigung von Kriegsschäden zur Verfügung. Der Rest des Geldes soll überwiegend aus einem Fond der Kadyrow-Stiftung stammen. Dieser wiederum wird nachgesagt, sie erpresse Spenden von ganz normalen Bürgern und jenen, die bereits Reparationszahlungen aus Moskau erhalten haben.

In der Erde schlummern derweil noch immer Massengräber und etwa eine halbe Million Landminen, an deren Räumung die russische Regierung offenbar wenig Interesse hat. "Hunderte von Leuten" würden gebraucht, um die lebensgefährlichen Altlasten des Krieges zu entsorgen, sagt Zarema Sadulajewa von der tschetschenischen Hilfsorganisation "Rettet die Generationen". Doch es passiert wenig. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Russland selbst ist maßgeblicher Minenproduzent und laut Unicef im Besitz von etwa 50 Millionen Stück. Das Ottawa-Abkommen zur Ächtung von Anti-Personen-Minen hat das Land nie unterzeichnet.

Und nicht nur die Minen vernichten Gliedmaßen und Leben: Wie die "Gesellschaft für bedrohte Völker" berichtet, kommt auf Grund der unzureichenden medizinischen Versorgung über die Hälfte der tschetschenischen Kinder krank auf die Welt. Tuberkulose, Krebs und Herzinfarkt sind die häufigste Todesursache schon bei den ganz Jungen.

Was soll aus dieser verlorenen, von der Welt vergessenen Generation werden? Wer soll den Frieden in das Land tragen? Auf diese Frage antwortet in Andrea Jeskas Buch der Schulleiter Awalu Ajdamirow aus Aldy: "Was glaubst du? Dass der Frieden von allein kommt? Geh und lerne. Er beginnt in deinem Kopf."

Andrea Jeska und Musa Sadulajew: "Tschetscheniens vergessene Kinder", Brendow Verlag, 19,90 Euro.

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