Tsunami-Alarm im Pazifik Hawaii rüstet sich für die Riesenwelle

Nach dem schweren Erdbeben vor der Küste Chiles bereiten sich die Pazifik-Anrainer auf den befürchteten Tsunami vor. In Hawaii laufen Evakuierungsmaßnahmen an, die Menschen decken sich mit Lebensmitteln und Trinkwasser ein. Die Frage ist: Wie groß wird die Welle?


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Tsunami-Alarm: Die Angst vor der Welle

Washington/Honolulu - Auf der amerikanischen Pazifikinsel Hawaii heulten am frühen Morgen die Tsunami-Sirenen: Nach dem enormen Erdbeben in Chile bereitet sich die Touristeninsel auf meterhohe Wellen vor. Die Behörden begannen damit, Bewohner aus tiefgelegenen Küstengebieten in Sicherheit zu bringen. "Die Evakuierungen auf Hawaii haben begonnen", berichtete CNN. Viele Menschen deckten sich in Supermärkten mit Lebensmitteln und Trinkwasser ein.

Die erste Welle wird um 11.19 Uhr Ortszeit (22.19 Uhr MEZ) auf der Inselgruppe erwartet. "Es werden mehrere Wellen sein, die erste dürfte nicht die höchste werden", sagte ein Meteorologe. Die Wellen könnten sich bis zu drei Meter auftürmen, hieß es. "Alle Menschen müssen die Gebiete an den Stränden verlassen." Hawaii verfügt seit längerem über detaillierte Tsunami-Notpläne, die vorsehen, aus welchen Gebieten die Menschen fliehen müssen. Besonders gefährdet seien die Küstenstreifen im Süden und Osten.

In Französisch-Polynesien verursachte die Flut nur geringe Schäden. Die weniger als einen Meter hohe Welle habe zunächst die Inselgruppe Gambier getroffen, teilten die Behörden mit. Die Bevölkerung war mit Sirenen und Lautsprecherdurchsagen geweckt und vor dem Tsunami gewarnt worden, auf allen Inseln wurde der Autoverkehr in Küstennähe untersagt.

Zuvor hatte der Tsunami auf der Robinson-Crusoe-Insel schwere Zerstörungen hinterlassen. Mindestens fünf Menschen starben, weitere elf Menschen wurden vermisst. In Ufernähe seien ein Lagerhaus, die Schule und das Bürgermeisteramt sowie einige Pensionen und Wohnhäuser von den Wassermassen zerstört worden, meldete die Fluglinie Ata unter Berufung auf Angaben eines Mitarbeiters auf der Insel etwa 670 Kilometer westlich vom chilenischen Festland. Es habe sich nicht um eine einzige große Welle gehandelt, sondern um mehrere, die jedes Mal höher und gewaltiger geworden seien. Deshalb hätten sich die meisten Menschen rechtzeitig in höher gelegene Gebiet der Insel flüchten können.

Wenige Minuten nach dem Beben war die chilenische Stadt Talcahuano von einer rund zwei Meter hohen Welle getroffen worden. Der Tsunami richtete schwere Schäden an.

Mindestens 200 Todesopfer in Chile

Durch das schwere Erdbeben der Stärke 8,8 waren in der Nacht zum Samstag in Chile mehr als 200 Menschen getötet worden. Die Zahl der Toten sei auf mindestens 214 gestiegen, teilte Innenminister Edmundo Pérez Yoma mit. Es handele sich um "eine Katastrophe von enormem Ausmaß", weshalb es schwer sei, präzise Zahlen zu nennen, sagte Yoma.

Der Erdstoß ereignete sich nach Angaben der US-Erdbebenwarte (USGS) um 3.34 Ortszeit (8.34 Uhr MEZ) vor der chilenischen Küste im Pazifik. Das Epizentrum lag demnach in 35 Kilometern Tiefe etwa 115 Kilometer nordöstlich der Stadt Concepción.

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Erdbeben in Chile: Zerstörung, Chaos, Angst
Die Präsidentin Michelle Bachelet rief für die Regionen um das Epizentrum den Katastrophenzustand aus. Das Fernsehen zeigte Bilder von eingestürzten Wohnhäusern und Verletzten auf Tragen. Straßen waren zerstört, Überführungen zusammengefallen, die Telefon-, Strom- und Wasserversorgung war unterbrochen. Auf den gewaltigen Erdstoß folgten zahlreiche Nachbeben, von denen 21 die Stärke 5,0 oder mehr hatten, wie die US-Erdbebenwarte mitteilte. Eines der Nachbeben erreichte sogar die Stärke 6,9.

Viele Gebiete waren zunächst von der Außenwelt abgeschnitten. Das zweigeschossige Parkhaus eines Mietshauses in Santiago fiel in sich zusammen und begrub etwa 50 Autos unter sich. Am Rand der Hauptstadt stürzte eine Brücke ein. Der Flughafen wurde für mindestens 24 Stunden geschlossen, weil das Passagierterminal schwer beschädigt worden war.

In Concepción stürzte ein 15-stöckiges Hochhaus ein. Der Erdstoß war nach Behördenangaben entlang des Gebirgszugs der Anden auch in Argentinien zu spüren. In der Hauptstadt Buenos Aires und in Córdoba schwankten Gebäude. Schäden oder Verletzte habe es aber nicht gegeben, sagte ein Sprecher der Stadtregierung von Buenos Aires.

"Es war brutal"

Wie wohl jeder Einwohner der chilenischen Hauptstadt wurde auch Macarena Lescornez, 43, von dem Beben aus dem Schlaf gerissen. "Es war brutal", teilte die Journalistin, die im staatlichen Radio eine Sendung moderiert, per Facebook SPIEGEL ONLINE mit. Sie sei aus dem Bett gesprungen und habe es bis zum Fenster geschafft. Dort habe sie hören können, wie Dinge umkippten. "Ich wusste nicht, ob die Decke einstürzte oder Möbel umfielen, es war stockdunkel", so Lescornez. Das Beben sei lang und laut gewesen. "Ich habe ernsthaft gedacht, dass unser Apartmentblock einstürzt, er schien wie Pudding."

Sofort nach dem ersten lange Erdstoß floh sie mit ihrer Familie ins Freie: "Wir Chilenen sind an Erdbeben gewöhnt und kennen den Drill." Sie hätten sich in Windeseile angezogen, Taschenlampen, Geld und die wichtigsten Papiere eingepackt und seien zu Fuß die fünf Stockwerke heruntergerannt. Im Treppenhaus trafen sie ihre Nachbarn, einige noch im Pyjama, einige in Tränen aufgelöst. "Panisch war aber niemand", so Lescornez.

Draußen erwartete sie eine Szenerie "wie bei einem Luftangriff", beschienen von einem leuchtenden Vollmond. "Die Alarmanlagen der Autos und der Privathäuser heulten, es war ohrenbetäubend laut." Die Familie holte ihr Auto aus der Garage, setzte sich rein - es war kalt in den frühen Morgenstunden.

"Wir wussten, dass es einen Tsunami geben könnte"

Menschentrauben bildeten sich um den Wagen: Die Umstehenden wollten vom staatlichen Radio hören, welchen Wert auf der Richter-Skala das Beben hatte. "Als wir 8,8 hörten, wussten wir, dass es einen Tsunami geben könnte."

In Chile werden nach jedem Beben Wasser und Strom routinemäßig abgestellt, das Telefon- und Handynetz ist immer noch unterbrochen. Als Stunden nach dem Beben der Strom und damit das Internet wieder funktionierten, machte sich Macarena Lescornez daran, Nachrichten ins Ausland zu übermitteln. "Wir hatten relativ früh wieder Internet, Freunde und Nachbarn haben uns angefleht, Nachrichten an ihre Familien im Ausland zu schrieben, dass es ihnen gut geht."

Bundesaußenminister Guido Westerwelle sprach unterdessen dem chilenischen Volk seine Anteilnahme aus. Hinweise auf deutsche Opfer lagen zunächst nicht vor, wie eine Sprecherin des Auswärtigen Amts in Berlin mitteilte. Die deutsche Botschaft vor Ort sei eingeschaltet. Das Auswärtige Amt kündigte die Entsendung eines Erkundungsteams des Technischen Hilfswerks nach Chile an.

Das stärkste jemals registrierte Beben wurde am 22. Mai 1960 ebenfalls in Chile gemessen. Bei dem Erdstoß der Stärke 9,5 kamen damals 1655 Menschen ums Leben, zwei Millionen wurden obdachlos. Der davon ausgelöste Tsunami tötete Menschen in Hawaii, Japan und auf den Philippinen, an der Westküste der USA richtete er Schäden an.

jdl/otr/upz/apn/AFP/dpa

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Joachim Baum 30.09.2009
1.
Ampeln, Verkehrsschilder, Leitplanken, Navi, StVO und Flensburg - Unfälle und Staus sind doch an der Tagesordnung. Wenn schon menschengemachte Probleme nicht hundertprozentig in den Griff zu bekommen sind, wie dann Naturphänomene?
SeltenPoster 30.09.2009
2. Hilfe!
Wenn man sowas liest: "Von einer Anhöhe aus sahen sie, wie zwei riesige Wellen, geschätzte sechs Meter hoch, mit mehr als 5000 Kilometern pro Stunde den Süden von Samoas Hauptinsel Upulo erreichten." dann scheinen viele Menschen (Spiegelredakteure leider eingeschlossen) noch nicht einmal die physikalischen Grundlagen der Ausbreitung von Wasserwellen zu kennen.
FatherMacKenzie 30.09.2009
3.
Zitat von sysopBei dem Tsunami auf Samoa wurden mehr als hundert Menschen getötet, viele konnten sich in Sicherheit bringen - hat die Welt aus der Katastrophe von 2004 die richtigen Schlüsse gezogen? Sind wir nun besser gerüstet?
Offensichtlich nicht. Daher: Tsunamis verbieten und aus die Laube!
Rübezahl 30.09.2009
4. Die Technik haben wir
Die Technik zur Vorwarnung haben wir, nur die armen Länder können sich die Installation nicht leisten. Hier muss Entwicklungshilfe ansetzen !
The Godfather 30.09.2009
5.
Zitat von SeltenPosterWenn man sowas liest: "Von einer Anhöhe aus sahen sie, wie zwei riesige Wellen, geschätzte sechs Meter hoch, mit mehr als 5000 Kilometern pro Stunde den Süden von Samoas Hauptinsel Upulo erreichten." dann scheinen viele Menschen (Spiegelredakteure leider eingeschlossen) noch nicht einmal die physikalischen Grundlagen der Ausbreitung von Wasserwellen zu kennen.
noch nicht einmal das, sowas aber auch.
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