Tsunami-Folgen Tokio will Trümmer-Städte wieder aufbauen

Die Menschen an der japanischen Ostküste stehen vor dem Nichts: Ihre Häuser sind zerstört, ihre Lebensgrundlage vernichtet. Die Regierung will die Fischerorte im Katastrophengebiet wieder aufbauen - aber wollen die Überlebenden überhaupt zurück?

AP

Hamburg - Viel ist nicht übrig geblieben von Minamisanriku. Die verheerende Flutwelle hat die Stadt an der japanischen Ostküste völlig zerstört. Die Straßen sind von Schuttbergen bedeckt, an Land gespülte Schiffe stehen in der Gegend herum. Das Katastrophenzentrum, das am 11. März den Tsunamialarm ausgelöst hatte, ist nur noch ein Gerippe aus Stahl. "Die Zukunft ist nicht gerade glänzend", sagt Bürgermeister Jin Sato.

Während die Einsatzkräfte im Atomkraftwerk Fukushima gegen den drohenden Super-GAU kämpfen, während sie Lecks in den Reaktoren stopfen und radioaktives Wasser ins Meer leiten, stehen die Menschen aus Minamisanriku vor ganz anderen Problemen. Die Stadt ist so verwüstet, dass selbst der Bürgermeister unsicher ist, ob sie jemals wieder aufgebaut wird.

Tausende Fertighäuser will die Verwaltung der Präfektur Miyagi aufstellen. Aber das, so Sato, sei nur eine vorübergehende Lösung. "Meine Sorge ist nicht, ob wir die Stadt wieder aufbauen können", sagt der Bürgermeister. Man könne schließlich alles wieder aufbauen. "Die Frage ist, ob die Menschen es an diesem Ort tun wollen."

Vor dem Erdbeben und dem folgenden Tsunami lebten mehr als 17.000 Menschen in Minamisanriku. Ein paar Hundert Leichen wurden schon gefunden, Tausende Einwohner gelten noch immer als vermisst. Die Überlebenden haben ihre Heimat verloren - und ihre Aussicht auf ein geregeltes Leben.

"Man kann allein kein Leben aufbauen"

Toshiku Suda, 63, hatte sich mit ihrem Mann ein Geschäft mit Algenhandel aufgebaut. Doch die Fischer, die ihnen die Ware geliefert hatten, werden vermisst. Und die Schiffe stehen vermutlich irgendwo in den Trümmern herum. "Wir wollen nicht gehen", sagt Suda. "Aber wenn sonst niemand wiederkommt, können wir nicht bleiben. Man kann allein kein Leben aufbauen."

Viele junge Leute seien schon vor langer Zeit gegangen, sagt Suda. "Nun könnten ihnen die Eltern folgen". Wie viele Städte an der Ostküste leidet Minamisanriku unter einem strukturellen Problem. Seit Jahrzehnten zieht es die Jugend in die Metropolen, in die Hauptstadt Tokio. In den Orten an der Küste leben überwiegend ältere Menschen, viele von ihnen sind Fischer - so auch in dem kleinen Dorf Ryoishi.

In Ryoishi hat das Meer die Menschen ernährt, jetzt hat es ihnen alles genommen. Laut der "Mainichi"-Zeitung stehen in dem Dorf, in dem rund 500 Menschen lebten, nur noch zehn Häuser. Für die Fischer des Ortes ist der Tsunami auch eine wirtschaftliche Katastrophe. Bereits in der vergangenen Woche bildete sich ein Gremium bestehend aus zehn Bewohnern. Sie debattierten über den Wiederaufbau des Ortes. Wird es aber nach den Erfahrungen der Katastrophe überhaupt möglich sein, wieder so nah an der Küste zu bauen?

"Die Menschen aus einem Fischerdorf können nur in einem Fischerdorf leben", sagte der 70-jährige Ryuji Kubo. Viele von ihnen arbeiten als Selbständige, eine Arbeitslosenversicherung haben sie nicht. Die Flut hat ihnen nicht nur die Häuser und Boote genommen, sondern auch ihre Lebensgrundlage zerstört.

Mehr als die Hälfte der Bewohner von Ryoishi sind 60 Jahre oder älter. Für sie wird es besonders schwierig, von der Bank einen Kredit für den Wiederaufbau ihrer Häuser zu bekommen. "Ich weiß noch nicht, ob ich zurückkehren werde und hier weiterleben will", sagte eine 73 Jahre alte Frau, deren Mann noch immer als vermisst gilt. "Es wird schwierig, den Ort wieder aufzubauen."

In Minamisanriku steht Bauarbeiter Kazuhiro Watanabe auf den Trümmern, die einmal sein Haus waren. "Noch ist nicht die Zeit, an Wiederaufbau zu denken", sagt er. Die meisten Menschen würden vielleicht in die höhergelegenen Hügel ziehen - wenn sie überhaupt in der Gegend blieben, so Watanabe.

Tatsächlich prüft die Regierung laut der Nachrichtenagentur Kyodo Pläne, die Überlebenden aus den besonders stark betroffenen Gebieten auf höher gelegene Grundstücke umzusiedeln. Es dürften sich jedoch längst nicht alle Menschen überzeugen lassen, ihre Heimat aufzugeben. Daher will die Regierung gleichzeitig die Tsunamiabwehr der Städte massiv ausbauen, damit die Betroffenen die Wahl haben, wieder in den küstennahen Gebieten zu leben.

Aufbau von provisorischen Unterkünften läuft schleppend

Doch von einer einheitlichen Strategie sind die Verantwortlichen noch weit entfernt. Laut der Zeitung "Asahi" erklärte das Verkehrsministerium, dass vorerst im Küstenbereich keine neuen Wohnungen aufgebaut werden sollen, da dort jederzeit wieder ein Tsunami drohen könne. Landeinwärts sei es aufgrund der bergigen Region jedoch schwierig, geeignete Bauflächen zu finden.

Als Japans Premier Naoto Kan die Krisenregion am Wochenende erstmals besuchte, ließ er keinen Zweifel an den Plänen der Regierung zu, die Region wieder aufzubauen. Die Verwaltung der Präfektur Miyagi gab einen "Grundsatzplan zum Wiederaufbau" bekannt. Demnach soll die Region von Grundauf radikal neu gestaltet und unter dem Aspekt "Umweltschutz und Zusammenleben mit der Natur" gefördert werden. Ein Zehnjahresplan gliedert das Projekt in drei Teile: drei Jahre für die Wiederaufbauphase, vier Jahre für die Wiederbelebungsphase, drei Jahre für die Entwicklungsphase.

Doch ob die ehrgeizigen Pläne in der Krisenregion wirklich umgesetzt werden können, scheint unsicher. Laut einem Bericht der japanischen Zeitung "Asahi", kommt bereits der Aufbau der provisorischen Wohnungen nur schleppend voran. Von den 30.000 benötigten Wohnugen in der Präfektur Miyagi etwa seien gerade mal knapp über 1000 fertig. Und für die Präfektur Iwate seien 18.000 vorgesehen, aber bisher weniger als 2000 gebaut.

hut/han/rkv/AP



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frenchcurry 04.04.2011
1. also..
warum Nicht? aber dann vielleicht Massivbauweise auf soliden entprechend hoch gestellten Pfahlbauten? Wenn ich mir die Fotos angucke, war das meiste eher so Leichtbauweise - wie hier die Bungalows auf Campingplätzen. Wie diese "Häuser" im kalten japanischen Winter beheizt werden will ich gar nicht wissen
SakthiNYC 04.04.2011
2. Widersinniger Wiederaufbau
Zitat von sysopDie Menschen an der japanischen Ostküste stehen vor dem Nichts: Ihre Häuser sind zerstört, ihre Lebensgrundlage vernichtet. Die Regierung will die Fischerorte im Katastrophengebiet wieder aufbauen - aber wollen die Überlebenden überhaupt zurück? http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,754917,00.html
Tsunami's sind nicht besonders gefährlich wenn die Menschheit so klug wäre nicht näher als 500 meter von einer Küste entfernt zu bauen. Dieser ganze Wiederaufbauwahn ist nicht zu verstehen. WTC, Schloss, Tsunami Städte. Die Zerstörung all dieser Bauten beruht auf Konditionen die duch einen Wiederaufbau nicht verschwinden.
nipah 04.04.2011
3. Beheizung
Zitat von frenchcurrywarum Nicht? aber dann vielleicht Massivbauweise auf soliden entprechend hoch gestellten Pfahlbauten? Wenn ich mir die Fotos angucke, war das meiste eher so Leichtbauweise - wie hier die Bungalows auf Campingplätzen. Wie diese "Häuser" im kalten japanischen Winter beheizt werden will ich gar nicht wissen
Das müssten aber ziemlich hohe Pfähle sein, damit einem ein 7m-Tsunami nicht erwischt, wie es an vielen Stellen passierte in Einzelfällen gar bis etwa 15m Höhe. Das Haus wird üblicherweise überhaupt nicht beheizt. Im Winter sitzt man um einen Kotatsu herum, d.h. ein Tisch mit Heizung drunter und dicken Decken über dem Tisch damit die Wärme nicht von darunter entweicht, während man die Füße unter dem Tisch steckt.
LondoMollari 04.04.2011
4. Stichwort ....
Zitat von frenchcurrywarum Nicht? aber dann vielleicht Massivbauweise auf soliden entprechend hoch gestellten Pfahlbauten? Wenn ich mir die Fotos angucke, war das meiste eher so Leichtbauweise - wie hier die Bungalows auf Campingplätzen. Wie diese "Häuser" im kalten japanischen Winter beheizt werden will ich gar nicht wissen
... Erdbeben würde ich mal sagen. Bin mir nicht so sicher ob ihr Vorschlag da nicht nen Schuß ins eigene Kontor wäre.
almeo 04.04.2011
5.
Zuerst einmal stellt sich die Frage: Was denn sonst? Natürlich baut man die Städte wieder auf, oder sollen die Leute für immer Obdachlos bleiben? Es bleibt halt zu hoffen, dass man sich die Bilder des Tsunami nochmal anschaut und gescheite Schlüsse draus zieht. Fukushima zeigt zwar, dass Japaner im kreativen Lösen von Problemen kaum besser sind als hiesige Kindergartenkinder, aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Zwei Punkte die mir direkt auffallen würden: Betonbauten statt Holzhütten: Auf allen Bildern hat man gesehen, dass stabile Gebäude recht gut standgehalten haben. Ok, eine 7 Meter Welle ist heftig, aber die Dämme an den Stränden wurden überspühlt, nicht in einem gewaltigen Schlag zerschlagen, also bleibt da Hoffnung. Der Flughafen lief voll Wasser aber blieb stehen, das Bild aus dem Helikopter auf das Krankenhaus mitten in den Fluten und weitere Luftbilder von relativ gut intakten, mehrstöckigen Hochhäusern. Eine solide "deutsche" Bauweise aus Stein und Beton hätte vielleicht schon viel gerettet. Der zweite Punkt ist sicher, wenn ich rechts und links einen Hügel habe, weiß, das gerne mal Tsunamis anrollen, wieso um Gottes Willen quetsche ich meine Siedlung dann in das Tal, in welchem das Wasser nirgendwo hin kann und dann wütet wie nichts Gutes? Hoffentlich lernen die Menschen dort endlich - wobei ich es nicht glaube, sie hatten ja auch vorher schon Tsunamis! - und bauen ihre Siedlungen auf die Hügel. Die eine Grundschule hat ja so unbeschadet überstanden (und damit auch einige hundert Schulkinder), viele der Handyvideos wurden ja auch von Leuten gemacht, die auf den Hügeln gelebt haben oder dorthin geflüchtet sind. Nur weil Fischer Takahashi morgens keine 10 Minuten zu seinem Boot laufen will direkt am Strand zu bauen, ist ja doch sehr gewagt, die meisten Dörfer zumindest hätten genug Platz auf den Hügeln, größere Städte müssen sich etwas überlegen. Hochbahnen und Hochstraßen vielleicht, stabile mehrstöckige Häuser die gleichzeitig als Schutzwall dienen oder ähnliches...
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