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29. Oktober 2010, 13:20 Uhr

Tsunami in Indonesien

"Der Leichengeruch ist unerträglich"

Noch immer werden Leichen angespült an der Küste der Mentawai-Inseln. Die Zahl der Opfer nach dem verheerenden Tsunami in Indonesien ist inzwischen auf über 400 angestiegen. Doch auch für die Überlebenden wird die Lage immer dramatischer.

Jakarta - Vier Tage nach dem Tsunami vor der Küste Indonesiens haben Helfer am Freitag weiter nach Überlebenden gesucht und Tausende obdachlose Menschen mit dem Nötigsten versorgt. Die Zahl der Toten stieg nach Angaben des Krisenstabs der Provinz West-Sumatra auf 408 an, mehr als 300 Menschen galten demnach noch als vermisst. Die Rettungskräfte befürchten, dass viele der Vermissten von der Flutwelle am Montag ins Meer gerissen wurden.

Auf den vom Tsunami besonders betroffenen Mentawai-Inseln westlich von Sumatra sind nach Angaben der Rettungskräfte derzeit knapp 13.000 Menschen in Notlagern untergebracht und warten auf Hilfe.

Schlechtes Wetter erschwere zudem die Lieferung von Zelten, Medikamenten, Nahrungsmitteln und Trinkwasser. "Die Helfer haben mangels Transportmöglichkeiten große Probleme", sagte der Gouverneur von Westsumatra, Irwan Prayitno, Angaben der Nachrichtenagentur Antara zufolge. Vor allem die Bergung der Leichen sei schwierig, der Verwesungsgeruch unerträglich.

Die abgelegenen Inseln waren am Montag von einem Erdbeben der Stärke 7,7 erschüttert worden, wenig später traf sie eine drei Meter hohe Flutwelle. Trotz eines modernen mit deutscher Hilfe finanzierten Frühwarnsystems konnten viele Bewohner nicht rechtzeitig gewarnt werden. Am Donnerstag hatten die indonesischen Behörden kaum noch Hoffnung, Vermisste lebend zu retten und rechneten mit mehr als 500 Todesopfern.

Merapi stößt weiter Asche aus

Auch die Menschen auf der 1200 Kilometer entfernten Insel Java kommen nicht zur Ruhe: Dort war der Merapi am Freitag weiter aktiv. Der Vulkan habe am frühen Morgen riesige Wolken aus Lava und Asche ausgestoßen und seinen südöstlichen Hang auf dreieinhalb Kilometern damit bedeckt, erklärte der von der indonesischen Regierung bestellte Vulkanologe Heru Suparwoko. "Der Vulkan ist für jeden, der in die Nähe der Wolken kommt, weiterhin sehr gefährlich", fügte er hinzu.

Bewohner, die sich der angeordneten Evakuierung der Gefahrenzone nördlich der Großstadt Yogyakarta widersetzt hatten, mussten sich in Sicherheit bringen. "Ich war gerade dabei, Futtergras für meine Kuh zu schneiden, als ich dieses donnernde Geräusch hörte, lauter als beim letzten Ausbruch", sagte Kastomo aus dem Dorf Umbulharjo. "Gott sei Dank habe ich es geschafft, zu fliehen."

Die Zahl der durch den Ausbruch des aktivsten Vulkans des Landes am Dienstag ums Leben gekommenen Menschen erhöhte sich unterdessen auf 34, wie eine Sprecherin des örtlichen Krankenhauses am Freitag mitteilte. Unter den Toten ist auch der traditionelle Wächter des Merapi. 50.000 Menschen leben derzeit in Zeltstädten, nachdem das Gebiet im Umkreis von zehn Kilometern um den Vulkan evakuiert wurde.

Zuletzt war der Vulkan 2006 zum Leben erwacht.

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon bekundete Indonesien sein Mitgefühl und bot dem Land Hilfe an. Ban sei "tief betroffen angesichts der Todesopfer und der Zerstörungen", sagte ein UN-Sprecher in New York. Die Vereinten Nationen seien bereit, Indonesien bei den notwendigen Hilfsmaßnahmen zu unterstützen.

kng/AFP/dapd/dpa

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