Tsunami-Warnung Erdbebenserie erschüttert Indonesien
Jakarta - Die beiden Beben erschütterten die Provinz Bengkulu gegen 18 Uhr abends Ortszeit auf Sumatra. Sie kamen unmittelbar hintereinander. Noch 600 Kilometer weiter östlich in der Hauptstadt Jakarta wurde Alarm ausgelöst. Die Bewohner der Stadt flohen in höher gelegene Gebiete, Bürogebäude wurden evakuiert. Auch in Singapur und Thailand war das Beben zu spüren.
Am Abend löste Indonesien einen zweiten Tsunami-Alarm für den Indischen Ozean aus. Nach Angaben von Meteorologen wurde die Westküste der Insel Sumatra von einem Nachbeben der Stärke 6,6 erschüttert. Das schwere Erdbeben, das sich wenige Stunden zuvor ereignet hatte, wurde unterdessen hochgestuft. Das Geologische Institut der USA meldete auf seiner Internetseite eine Stärke von 8,2. Ursprünglich war von 7,9 die Rede gewesen.
Vier Menschen kamen Behördenangaben zufolge bei dem Beben um Leben. Mehrere Personen seien zudem verletzt worden, teilte ein Behördensprecher am Abend auf der indonesischen Insel mit. "Ein Mann starb, als er von einem umfallenden Baum getroffen wurde", berichtete Salamun Haris aus der Region nördlich von Bengkulu einem Radiosender. "Dutzende Menschen wurden in einstürzenden Häusern verletzt."
"Das Erdbeben ereignete sich zwischen Padang und Bengkulu", erklärt SPIEGEL-Korrespondent Jürgen Kremb. "Und damit genau dort, wo es nicht passieren darf. Seismologen haben immer davor gewarnt, dass ein Erdbeben in dieser Region zu einer großen Katastrophe führen kann. Padang hat fast eine Million Einwohner." Es ist die Hauptstadt der Provinz Sumatra Barat. "Wie es aussieht sind nach Bengkulu die Telefonverbindungen zusammengebrochen", sagt Kremb. "Dort sind einige zwei und dreistöckige Häuser eingestürzt." Fernsehberichten zufolge stürzten auch in Padang einige Gebäude ein.
Rund 20 Minuten nach dem Beben habe eine Tsunami-Welle Padang erreicht, berichteten die indonesischen Behörden. Die Flutwelle sei ein bis drei Meter hoch gewesen. Der Fernsehsender n-tv berichtete von 35 Zentimetern.
Die indonesischen Behörden haben die Tsunami-Warnung mittlerweile aufgehoben. Eine Tsunami-Gefahr sei vorerst gebannt, sagte auch der Chef des indonesischen Wetteramtes, Suharjono im Radio. Wenn das Beben wirklich eine riesige Flutwelle ausgelöst hätte, dann hätte diese schon das Land erreichen müssen.
Im Geoforschungszentrum Potsdam geht man davon aus, dass bei dem Beben gar kein Tsunami entstehen konnte. "Das Epizentrum liegt nicht direkt im Graben, sondern an einer Stelle, wo das Wasser flacher ist", sagte Winfried Hanka im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Ein Tsunami könne nur entstehen, wenn das Beben an Stellen mit großen Wassertiefen stattfinde.
Hanka entwickelt gemeinsam mit Kollegen des Geoforschungszentrums ein Tsunami-Warnsystem für die Region. Der seismologische Teil des Projekts sei schon fast fertig, sagte er, das geplante Netz an Tsunami-Bojen müsse aber noch aufgebaut werden. "Bis jetzt sind zwei Bojen vor Sumatra in Betrieb, diese sind aber noch nicht verkoppelt." Ende 2008 solle das System stehen.
Das Problem bei Tsunami-Warnsystemen ist die Zuverlässigkeit: Ein starkes Beben allein muss keine Flutwelle auslösen. Und selbst wenn weitere Faktoren wie Wassertiefe oder Küstenverlauf für einen Tsunami sprechen, wird er nicht automatisch auftreten. Um Fehlalarme zu vermeiden, wollen die Forscher deshalb mit Bojen weit vor der Küste Auffälligkeiten registrieren und nur noch dann warnen, wenn tatsächlich eine Gefahr besteht.
Das Tsunami-Warnzentrum der USA hatte Tsunami-Alarm für den gesamten Indischen Ozean ausgelöst. Auch die Behörden einzelner Länder folgten: Nach Indonesien aktivierten auch die Regierungen von Sri Lanka, Indien und Malaysia den Tsunami-Alarmplan. Erdstöße dieser Stärke hätten eine Flutwelle verheerenden Ausmaßes auslösen können.
Die Nachricht, dass Sumatra nach dem schweren Seebeben nicht von einem Tsunami getroffen wurde, dürfte auch auf der anderen Seite des Indischen Ozeans, in Sri Lanka, mit Erleichterung aufgenommen werden. "Wenn ein Tsunami ausgelöst wird, dann nach allen Seiten und nicht nur in eine Richtung", sagte Hanka.
Das Zentrum des Unterwasserbebens lag den Berechnungen zufolge 15,6 Kilometer unter der Erdoberfläche im Gebiet von Südsumatra. Ein solches Beben hätte nach Behördenangaben einen Tsunami auslösen können, der Auswirkungen auf das gesamte Becken des Indischen Ozeans gehabt hätte. Die Wellen hätte innerhalb einer Stunde die Küsten von Indonesien und Australien erreichen können. Sri Lanka und Indien wären in rund drei Stunden betroffen gewesen.
Der Chef der Erdbebenwarte, Fauzi, sagte, er habe keine Informationen über die Ankunft eines Tsunamis in den betroffenen Gebieten. "Wir ziehen die Tsunami-Warnung aber so lange nicht zurück, bis wir sicher sind, dass die Gefahr vorüber ist." Es habe offenbar einige Schäden gegeben, "aber wir wissen noch nicht wie schwer sie sind", sagte Fauzi.
"Die Menschen sind in Panik geraten und haben versucht, sich selbst in Sicherheit zu bringen", sagte der Polizeichef von Bengkulu. Es gebe Berichte, dass ein dreistöckiges Gebäude eingestürzt sei. In der Region kam es zu mehreren Nachbeben. Die Provinz Bengkulu befindet sich an der Westküste von Sumatra. Ein Großteil des Gebietes gehört zum Barisangebirge.
Indonesien ist häufig von Erdbeben betroffen. Dort stoßen zwei tektonische Platten aneinander. Weihnachten 2004 hatte ein Beben der Stärke 9 unter dem Meeresboden östlich von Sumatra den verheerenden Tsunami ausgelöst, der allein in der Provinz Aceh 170.000 Menschen das Leben kostete.
jdl/hda/jjc/AP/Reuters/dpa/AFP