Türkeireise Extremisten bezeichnen Papst als Kreuzfahrer

Ein Ableger des Terrornetzwerks al-Qaida hat Papst Benedikt XVI. in einer Erklärung im Internet der Kreuzfahrerei bezichtigt. Der Pontifex sei in die Türkei gekommen, um dort den Islam auslöschen, hieß es. Die öffentliche Meinung im Land allerdings scheint eine andere zu sein.


Ephesus - Ein Ableger des Terrornetzwerks al-Qaida hat den Besuch des Papstes in der Türkei als "Kreuzzug gegen den Islam" bezeichnet. In einer dem selbsternannten "Islamstaat im Irak" zugeschriebenen und heute im Internet veröffentlichten Erklärung hieß es: Nach der Niederlage der "Kreuzzügler" im Irak und in Afghanistan, sei der Papst in die Türkei gekommen, "um für eine Kreuzzugskampagne gegen den Islam zu mobilisieren". In der Erklärung, deren Echtheit zunächst nicht bestätigt werden konnte, wird der Papst zudem beschuldigt, die "Flamme des Islams" unter den Muslimen in der Türkei auslöschen zu wollen, um sie in den "Schlamm des säkularen Staates" von Staatsgründer Kemal Atatürk zu stoßen.

Die türkischen Zeitungen hingegen fanden durchweg positive Worte über den bisherigen Verlaufs des Papst-Besuches. "Die Sorgen waren unnütz, der Papst-Besuch hat sehr gut begonnen", lautete der Tenor. Benedikt habe eine "Botschaft des Friedens" ausgesendet und "zum Dialog aufgerufen". Als "Überraschung" werteten die Zeitungen, dass sich Benedikt, der bislang im Ruf eines Türkeigegners stand, für einen türkischen EU-Beitritt ausgesprochen haben soll. Aufmerksam registrierten die Zeitungen, dass Benedikt das Kreuz am Hals nicht offen trug, als er gestern bei der Ankunft in Ankara aus dem Flugzeug stieg. Nach seiner Rede über Islam und Gewalt war dem Papst in der Türkei eine "Kreuzfahrermentalität" vorgeworfen worden. Angenehm überrascht reagierte auch die türkische Öffentlichkeit auf das bisherige Auftreten Benedikts, dessen erste Reise in ein islamisches Land im Vorfeld als politisch schwierig gewertet worden war.

Heute rief Benedikt zu Frieden und Versöhnung zwischen Christen, Juden und Muslimen im Nahen Osten auf. "Wir brauchen alle diesen universellen Frieden", sagte das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche heute bei einer Messe am Marienhaus in der antiken Stadt Ephesus. Für den Abend steht noch ein erstes Treffen Benedikts mit dem griechisch-orthodoxen Patriarchen Bartholomäus I. in Istanbul auf dem Programm.

"Frieden und Versöhnung für alle"

Gerade die Türkei sei "eine natürliche Brücke zwischen den Kontinenten", sagte Benedikt bei der Messe vor einigen hundert Katholiken in Ephesus, dem Höhepunkt seines zweiten Besuchstages. "Lasst uns daher von diesem Ort zu Frieden und Versöhnung für all diejenigen bitten, die in der Region leben, die Christen, Juden und Muslime als das Heilige Land betrachten."

Zugleich erinnerte der Papst an die große und einflussreiche christliche Gemeinde, die in der Antike in Ephesus lebte. Gegründet wurde sie vom Apostel Paulus. Nach kirchlicher Überlieferung verbrachte die Jesus-Mutter Maria ihre letzten Lebensjahre in Ephesus. Auch Muslime pilgern dorthin, weil Maria auch im Islam als die Mutter Jesu verehrt wird.

Bei der von strengsten Sicherheitsvorkehrungen begleiteten Messe auf einem kleinen, mit Blumen und Palmwedeln geschmückten Platz ging der Papst erneut auf die Klagen der Christen im Land ein. "Heute sind die Christen in der Türkei eine kleine Minderheit, die jeden Tag viele Herausforderungen und Schwierigkeiten erleben", sagte der Papst. Bereits am Vorabend hatte Benedikt vor dem Diplomatischen Korps in Ankara Religionsfreiheit eingefordert. Dies setze einen "gänzlichen Verzicht auf Gewalt als legitimen Ausdruck der religiösen Praxis" voraus.

In Istanbul feiert Benedikt morgen mit Bartholomäus das orthodoxe Fest des Heiligen Andreas, dem Patron des Patriarchats von Konstantinopel. Die Annäherung zwischen Rom und der Orthodoxie ist eines der Hauptanliegen der viertägigen Türkeireise des Papstes.

ffr/dpa/AFP



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