Türkische Sprache Sag's mit einem Wort!

Türkischunterricht an Kölner Schule: Size matters
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Türkischunterricht an Kölner Schule: Size matters

Von , Istanbul


Wer Türkisch lernen will, muss sich auf ein hartes Stück Arbeit einstellen: Endungen lassen Wörter zu langen Würmern anschwellen, für den Anfänger kaum vorstellbar, dass sie einem wie selbstverständlich aus dem Mund sprudeln könnten. Doch wer sich darauf einlässt, wird mit Harmonie belohnt.

Türkisch ist eine agglutinierende Sprache. Agglutinieren kommt aus dem Lateinischen und bedeutet "anleimen, anheften". Person, Zeit und Fall werden durch Anhängsel ans Wort zum Ausdruck gebracht. Je nachdem, was man also sagen will, werden türkische Wörter immer länger. Gegen Agglutination gibt es leider kein anderes Mittel als: pauken, pauken, pauken.

Bei den Türken gilt: Size matters. Es ist eine ziemlich machomäßige Sprache. Sie legt allerdings auch Wert auf Ästhetik, denn es gibt etwas, das sich Vokalharmonie nennt. Die Verlängerungen müssen im Klang zu dem passen, was vorne steht.

Ideale Sprache für Vielredner mit wenig Zeit

Ein Beispiel: Für einen Satz wie "Ihr denkt nicht", der im Deutschen aus immerhin drei Wörtern besteht, genügt im Türkischen eins: "Düşünmüyorsunuz". Kein E, kein A stört hinten die Üs von vorne. Das Problem ist nur: Wenn man den Anfang des Wortes nicht richtig versteht, nützt einem auch der ganze hintere Teil nichts. Der Vorteil aber ist: Im Türkischen kann man mit genauso vielen Wörtern dreimal so viel sagen, wenn nicht sogar noch mehr. Es ist die ideale Sprache für alle, die viel reden, aber wenig Zeit haben.

Natürlich hat die Sache einen Haken: Selbst einfachste Wörter sind ganz schön lang. "Ja" zum Beispiel, das in den meisten Sprachen der Welt einsilbig ist ("yes", "oui", "si" oder eben "ja"), ist auf Türkisch gleich doppelsilbig: "evet". Ich kenne nur wenige Sprachen, in denen das auch so ist. Finnisch ("kyllä") beispielsweise oder Burmesisch ("hman te").

Immerhin kommen einem manche Wörter irgendwie bekannt vor. "Friseur" ist "kuaför", der "Fahrer" heißt "şoför" und "sürpriz" ist die "Überraschung". Fast 5000 Wörter aus dem Französischen stecken in der türkischen Sprache. Nur aus dem Arabischen gibt es noch mehr Lehnwörter: etwa 6500.

Dafür, dass so viele türkischstämmige Menschen in Deutschland leben, gibt es sehr wenige deutsche Wörter, die sich ins Türkische eingeschlichen haben, nicht einmal hundert. "Şalter" ("Schalter"), "şinitsel" ("Schnitzel"), "aysberg" ("Eisberg") und ausgerechnet "haymatlos" ("heimatlos") zählen dazu.

Sprache ist im Türkischen immer politisch

Und während Amerikaner und Briten sich damit herumplagen, das "Ö" und das "Ü" richtig anzuwenden und auszusprechen, fällt Deutschen das Sprechen und Schreiben relativ leicht. Nur ein paar andere Buchstaben gibt es: ç spricht man tsch, ş wie sch, außerdem gibt es das stille G, ğ geschrieben, das man kaum spricht. Und das i ohne Punkt, also ı, das sich eher wie ein achtlos dahingesprochenes, dumpfes E anhört.

Sprache ist immer auch politisch, vor allem im Türkischen. Eine ehrgeizige, aber umstrittene Reform betraf kurz nach Gründung der Republik die geschriebene Sprache. Die arabische Schrift wurde abgeschafft, das lateinische Alphabet eingeführt. Türkisch ist eine an Vokalen reiche Sprache. (Wir sparen uns an dieser Stelle einen Ü-Witz.) Die arabische Schrift, die Vokale meist weglässt, eignete sich daher nach Ansicht der Reformer wenig, jedenfalls nicht, wenn die Massen schreiben und lesen lernen sollten. Damals, in den zwanziger Jahren, waren etwa 90 Prozent der Menschen in der Türkei Analphabeten.

1928 setzte Mustafa Kemal Atatürk eine Kommission ein, die das neue Schrifttürkisch entwickelte. Kritiker mahnten, eine Umstellung werde nie funktionieren oder mindestens fünf Jahre in Anspruch nehmen. Atatürk hielt ihnen entgegen: "Der Wechsel wird in drei Monaten vollzogen - oder nie!"

Im August 1928 präsentierte er das neue Alphabet, mit den genannten türkischen Sonderbuchstaben. Er erklärte: "Wir müssen uns von den unverständlichen Zeichen der arabischen Schrift befreien, die uns wie eine eiserne Kette an vergangene Jahrhunderte klammert. Unsere Nation wird in ihrer Schrift fortan zeigen, dass sie zur zivilisierten Welt gehört!" Damit sollte die Brücke zur Vergangenheit, zum Reich des Kalifen, zerschlagen werden.

Q, W und X wieder erlaubt

Beamte, Lehrer und Journalisten hatten drei Monate Zeit, die neue Schrift zu lernen. Sie mussten Prüfungen ablegen. Wer nicht bestand, wurde gefeuert. Die Verwendung der arabischen Schrift wurde unter Strafe gestellt.

In dieser Welt fehlten drei Buchstaben: Q, W und X. Als ein halbes Jahrhundert später, 1982, nach einem Militärputsch die Verwendung der kurdischen Sprache in der Öffentlichkeit per Verfassung verboten wurde, war es endgültig vorbei mit Q, W und X. Denn im Gegensatz zu den Türken nutzen die Kurden diese Buchstaben sehr wohl. Buchstabenverbot wurde zum politischen Unterdrückungsmittel. Sogar Namen, die diese entsetzlichen Lettern enthielten, waren fortan verboten. Ein Bürgermeister der Stadt Diyarbakir, im Südosten der Türkei, wurde vor Gericht gestellt, weil er Neujahrskarten verschickt hatte, die diese Buchstaben enthielten.

Mit der Q-W-X-Unterdrückung soll es nun vorbei sein: Premierminister Tayyip Recep Erdogan kündigte an, dass diese Buchstaben wieder verwendet werden dürfen. Dieses Zugeständnis ist Teil eines Demokratiepakets. Es klingt ein wenig albern. Aber Buchstaben können große politische Kraft haben.

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23 Leserkommentare
noalk 08.10.2013
heinz.mann 08.10.2013
m.eberth 08.10.2013
berlin87 08.10.2013
terber 08.10.2013
ctzulu 08.10.2013
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Tom Joad 08.10.2013
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herkurius 07.01.2014
madmikel 27.10.2014

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