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Beisetzung von 23-jähriger Studentin Tugce, die Mutige

Sie sah nicht weg. Sie ging dazwischen, als sie Zeugin einer Pöbelei wurde - und zahlte dafür mit ihrem Leben: Tugce Albayrak. Jetzt nahmen Familie, Freunde, eine ganze Gemeinde Abschied von der jungen Frau. Was tröstet sie?
Von Gesa Mayr

Immer wieder erzählen sie die Geschichten. Tugce, die Mutige. Tugce, der Engel. Lehrerin wollte sie werden. Ein Sturkopf sei sie gewesen. Eine, die immer ihre Meinung sagte. Die immer für andere da war. Und damals, als sie den Hund gerettet hat. Als sie der alten Dame geholfen hat. Und sie hat ihre Organe gespendet.

Es sind Geschichten, die den Hunderten Trauernden auf dem Friedhof in Bad Soden-Salmünster Trost spenden. Familie, Freunde, Gemeindemitglieder. Vorne am Grab Eltern und Familie, weiter hinten Freunde, Bekannte, Mittrauernde. Junge Männer in Jeans und Turnschuhen, Frauen mit und ohne Kopftuch, Familien. Sie halten sich an den Händen, beten, weinen.

Viele halten weiße Rosen in den Händen, die sie später auf Tugces Grab legen werden. Die meisten haben einen Zettel an ihre Winterjacken geheftet. Tugce, 28.11.1991 - dann das Symbol für "unendlich". Sie wird immer weiterleben, ist die Botschaft. Darüber ein Foto der 23-Jährigen, deren Schicksal die Deutschen zutiefst berührt hat.

Vielleicht, sagen manche, liegt das daran, dass sie so ein großes Vorbild war. Dass man sich wünscht, in einem kritischen Moment ebenso zu handeln.

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Hessen: Abschied von Tugce Albayrak

Foto: Boris Roessler/ dpa

Tugce war eine gute Freundin, eine gute Tochter, eine gute Schülerin. Außerdem wird sie in den Medien dafür gefeiert, ein Beispiel von gelungener Integration gewesen zu sein, in Zeiten, in denen Integration so oft scheitert. Vielleicht ist es auch einfach die Bestürzung darüber, dass eine junge, hübsche, zielstrebige Frau so früh starb.

Foto: Thomas Lohnes/ Getty Images

"Sie hat eine Brücke zwischen den Herzen der Menschen gebaut", sagt ihr Onkel Yasin. "Sie hat auf einen Schlag Hunderttausenden Menschen gezeigt, was Zivilcourage ist", sagt Ismail Tipi.

Tipi steht vor der kleinen Kapelle auf dem Friedhof. Der CDU-Landtagsabgeordnete hat heute viele Hände geschüttelt, mittlerweile sind sie eiskalt. Auch an seinem schwarzen Mantel steckt das Bild von Tugce Albayrak. Sofort hatte er sich bei der Familie gemeldet, als er von dem Unglück hörte. Die vergangenen Tage hat er sie begleitet in ihrer Trauer. Kein böses Wort über den Täter habe er von der Familie gehört. Kein Wort.

Tugce wurde auf dem Friedhof in ihrem Heimatort begraben. Heimat, das sei Hessen gewesen, sagte Tipi. Die Familie wollte, dass Tugce hier beerdigt wird. "Tugce, du Engel wirst immer in unseren Herzen bleiben", steht auf einem Gesteck. Und: "In tiefer Verbundenheit."

Diese Verbundenheit zeigte sich schon zuvor bei der Trauerfeier im benachbarten Wächtersbach. Die Moschee liegt in einem Industriegebiet, neben Bahngleisen und Bettenlager. Der Ministerpräsident ist da und kondoliert, ebenso wie der türkische Botschafter. Als der Imam betet und die Gemeinde mit einem Seufzen antwortet, spürt man neben der Trauer einen echten, tiefen Zusammenhalt.

Eine Werbetafel am Ortseingang von Wächtersbach, darauf steht: "Was einem im Leben wichtig erscheint, dafür sollte man kämpfen. Nachher zu bereuen, nicht gekämpft zu haben, ist schlimmer, als den Kampf zu verlieren". Es ist ein Zitat von Tugce.

Den Ermittlungen zufolge war Tugce am 15. November mit Freundinnen unterwegs, feiern. Auf dem Rückweg kehrten sie bei McDonald's in Offenbach ein. Auch Senal M. war dort, mit einer Gruppe junger Männer. Zeugenaussagen zufolge pöbelte der 18-Jährige Gäste an. Als er auch auf zwei Mädchen vor der Toilette losging, ging Tugce dazwischen.

Senal M. und seine Begleiter verließen das Restaurant, doch draußen stieß er erneut auf Tugce und ihre Freundinnen. Was genau geschah, wird noch ermittelt. Sicher ist, dass Tugce zu Boden fiel und mit dem Kopf aufschlug. M. wird später aussagen, er habe ihr nur eine Ohrfeige gegeben.

Am Tatort ist an diesem Tag der Trauerfeier nicht viel los. Mittwochnachmittagskundschaft. Die Filiale gilt als "sicherheitssensibel", wie das Unternehmen sagt. Samstagsabends sei hier immer viel los, es sei laut und unübersichtlich, sagt ein Sprecher. Das Personal habe die Gruppe junger Männer, zu der auch Senal M. gehörte, zur Ruhe ermahnt. Die Pöbeleien später, als Tugce offenbar zwei Mädchen zur Hilfe kam, seien jedoch nicht als massiv wahrgenommen worden.

Tugce, die Mutige, soll jetzt vielleicht das Bundesverdienstkreuz bekommen. In Offenbach gibt es die Überlegung, eine Straße nach ihr zu benennen. "Das ist eine große Geste", sagt Tipi. "Aber Tugce hat sich in die Herzen der Menschen eingraviert." Sie wird nicht vergessen werden.