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12. Juni 2003, 09:07 Uhr

TV-Talk

Friedman schweigt zu Drogenvorwürfen

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Unverdrossen zog er seine TV-Sendung durch: Mit keinem Wort ging der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Michel Friedman, gestern Abend auf Drogenvorwürfe gegen ihn ein. Fahnder hatten am Mittwochmorgen sein Appartement und sein Büro durchsucht, nachdem sein Name im Zusammenhang mit Ermittlungen gegen einen Menschenhändlerring aufgefallen war.

Moderator Michel Friedman: "Szenetypisch verpackte" Rauschgiftpäckchen
DPA

Moderator Michel Friedman: "Szenetypisch verpackte" Rauschgiftpäckchen

Mechanisch spulte der Talkmaster in seiner Live-Talk-Show "Friedman" seine Fragen ab. Hartnäckig, wenn auch zuweilen etwas konfus, diskutierte er mit seinem Gast Peter Scholl-Latour über Terrorismus, Afghanistan, den Einsatz der Bundeswehr. Auf die Ermittlungen gegen ihn ging er mit keinem Wort ein.

Am Mittwochabend hatte der Berliner Justizsprecher Björn Retzlaff einen Bericht der Tageszeitung "Die Welt" bestätigt, gemäß dem gegen den Frankfurter Rechtsanwalt, TV-Moderator, CDU-Politiker und stellvertretenden Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, wegen des Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz ermittelt werde. Bereits am Vormittag hatten Berliner Ermittler gemeinsam mit Frankfurter Kollegen die Kanzlei und die Privatwohnung Friedmans durchsucht.

Bei der Razzia in Frankfurt wurden nach Angaben der Justiz drei "szenetypisch verpackte" Rauschgiftpäckchen sichergestellt. Zwei der Päckchen waren bis auf Reste leer, die in der Ermittlersprache "Anhaftungen" genannt werden. In der dritten Verpackung hätten die Fahnder etwa die Hälfte der üblichen Menge eines weißen Pulvers finden können, wie Retzlaff sagte. Die Justiz konnte am Abend nicht bestätigen, dass es sich bei dem Pulver um Kokain handelt. Die Proben würden noch untersucht, sagte der Justizsprecher.

Bis zum Mittwoch waren die Ermittlungen gegen Friedman wie eine Geheimsache behandelt worden, von der nur wenige Beteiligte im Landeskriminalamt (LKA) und bei der Staatsanwaltschaft wussten. Friedman selber war bisher nicht für eine Stellungnahme erreichbar und will offenbar zunächst mit der Staatsanwaltschaft sprechen, bevor er sich zu den Vorwürfen öffentlich äußert.

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE waren die Ermittler zufällig auf Friedman gestoßen. Seit Monaten ermitteln sie gegen einen ukrainischen Ring von Menschenhändlern, deren Mitglieder Prostituierte, Waffen und illegale Waren nach Deutschland schleusen. Der Bande sollen mehr als zehn Personen angehören, die laut Medienberichten bevorzugt Frauen an zahlungskräftige Kunden in der Hauptstadt vermittelt haben.

In den letzten Monaten hatten die Fahnder bei ihren Ermittlungen mehrere der Verdächtigen beobachtet und ihre Telefone angezapft. Bei den Telefonüberwachungen sei man dann auf den Namen von Michel Friedman gestoßen, bestätigten mehrere hochrangige Beamte aus Justiz und der Polizei SPIEGEL ONLINE. Alle Beteiligten betonten, dass Friedman in dem Verfahren gegen den Menschenhändlerring kein Beschuldigter sei. Aus einem Anfangsverdacht durch die Telefonüberwachungen habe sich jedoch schließlich ein Ermittlungsverfahren wegen Drogenbesitzes ergeben, das letztlich am Mittwoch zu den Durchsuchungen führte.

Der am 25. Februar 1956 in Paris geborene Friedman ließ sich 1988 in Frankfurt am Main als Rechtsanwalt nieder und ist seit 1990 im Präsidium des Zentralrats der Juden in Deutschland. Nach dem Tod des langjährigen Zentralratspräsidenten Ignatz Bubis wurde er im Januar 2000 zu einem der Vizepräsidenten des Bubis-Nachfolgers Paul Spiegel gewählt. Seit zwei Jahren moderiert er die TV-Sendung "Friedman".

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