Krawalle in Hamburg Polizeigewerkschaft bedauert Abschaum-Tweet

"Keine Demonstranten, sondern gewalttätiger Abschaum": Ein hessischer Polizeigewerkschafter hat die Proteste in Hamburg auf Twitter kommentiert - und im Netz für Empörung gesorgt. Der Berufsverband nennt den Vorfall bedauerlich.
Screenshot: Tweet von Björn Werminghaus zu den Auschreitungen in Hamburg

Screenshot: Tweet von Björn Werminghaus zu den Auschreitungen in Hamburg

Hamburg - Es ging hoch her am Wochenende in Hamburg. Eine Demonstration für den Erhalt eines besetzten linken Kulturzentrums eskalierte und artete zu schweren Krawallen aus. Auch auf Twitter verfolgten und kommentierten zahlreiche Menschen das Geschehen im Stadtteil St. Pauli - etwa Björn Werminghaus, stellvertretender Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) Hessen.

Die Protestler, schrieb er, seien "ja auch keine Demonstranten, sondern gewalttätiger Abschaum". Die Empörung im Netz über diese Äußerung ist noch immer gewaltig. Viele Nutzer bringen Ärger und Unverständnis ob der Entgleisung zum Ausdruck: "Ich bin entsetzt über Ihre Denke. Ich erwarte mehr als eine Entschuldigung für diese Äußerung", twitterte etwa Kersten Arthus .

Werminghaus, der Personalrat im Polizeipräsidium Wiesbaden ist, ließ eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE zu seiner Wortwahl unbeantwortet. Er hatte unter dem Account @dpolgbwer getwittert, das Profil ist mittlerweile deaktiviert. Mit seinem umstrittenen Twitter-Eintrag hatte Werminghaus auf einen Tweet des Nutzers @HerrVanBohm  geantwortet. Darin beklagte sich dieser darüber, dass er auch Stunden nach der Eskalation der Demo "in keinem renommierten Medium" etwas darüber gelesen habe, "wie viele verletzte Demonstranten es gab".

120 verletzte Polizisten

Laut Polizei hatten sich am Samstag im Hamburger Schanzenviertel rund 7300 Menschen zu der Kundgebung versammelt, darunter demnach etwa 4700 gewaltbereite Demonstranten. Die Proteste richteten sich gegen die drohende Räumung des linksalternativen Kulturzentrums Rote Flora. Zudem wehrten sich die Versammelten gegen die Zwangsräumung der einsturzgefährdeten Esso-Häuser an der Reeperbahn und setzten sich für ein Bleiberecht von Flüchtlingen ein.

Die Bilanz der Krawalle: 120 verletzte Polizisten, 19 von ihnen mussten im Krankenhaus behandelt werden. Aus dem linken Spektrum hieß es, rund 500 Demonstranten seien verletzt worden, 20 von ihnen schwer. Die Polizei nahm insgesamt 21 Protestler wegen Verdachts auf Landfriedensbruch fest, 320 mussten vorläufig in Gewahrsam.

Wegen der Krawalle hatte die Polizei die Demonstration rasch aufgelöst. "Es hat von Anfang an eine aggressive Grundstimmung geherrscht, wir sind massiv angegriffen worden", begründete der Hamburger Polizeisprecher Mirko Streiber das Vorgehen. "Das ist derart gewalttätig gewesen, das haben wir so lange nicht erlebt." Für die Eskalation machten sich Polizei und Demo-Organisatoren gegenseitig verantwortlich.

"Äußerst bedauerlich"

Der Kollege Werminghaus habe die Ausschreitungen in Hamburg via Twitter verfolgt, sagte der DPolG-Bundesvorsitzende Rainer Wendt SPIEGEL ONLINE. "Dabei hat ihn besonders empört, in welch zynischer Art und Weise über die verletzten Beamten hergezogen wurde."

Im Zustand äußerster Erregung habe Werminghaus sich dann zu seinem Tweet hinreißen lassen und sich in der Wortwahl vergriffen, so Polizeigewerkschafter Wendt. "Das ist äußerst bedauerlich, die Vokabel 'Abschaum' gehört nicht zum Sprachgebrauch der Deutschen Polizeigewerkschaft." Der Fehler sei mit dem Kollegen erörtert worden und man habe ihn gebeten, das Twittern über die Feiertage einzustellen, sagte Wendt. Werminghaus habe sich einsichtig gezeigt.

Der DPolG-Bundesvorsitzende Wendt forderte alle Kollegen zu mehr Sensibilität im Umgang mit sozialen Medien auf. "Polizisten sollten auch im Netz immer wissen, was sie tun", sagte er.