Überschwemmungen Die Flüsse rächen sich


Turin/Aosta - Die deutschen und Schweizer Touristen waren zur Trüffelschau ins Piemont gekommen - doch statt lustvollen Schlemmens erlebten sie eine Katastrophe. Dabei kennen Italienfreunde die Gefahr seit langem. Zwei oder drei Tage heftiger Regen - und das Desaster ist programmiert.

"Jeden Herbst" - fast lakonisch lautet am Montag die Anklage der Mailänder Zeitung "Corriere della Sera" nach den Überschwemmungen. "Die Rache des Flusses", titelt "La Repubblica" aus Rom. Seit Jahren verhallen die Warnungen der Umweltschützer ungehört: Zwar gehören Regen und entfesselte Gewässer zum Spiel der Natur, aber erst ungehemmte Flussregulierungen, "wildes Bauen" in unmittelbarer Nähe von Flüssen und an steilen Hängen machen die alljährlichen Hochwasser zum Notstand.

Erst vor kurzem brach eine Flutwelle über einen Campingplatz in Kalabrien herein, 14 Menschen starben. Vor zwei Jahren begrub eine Schlammlawine bei Neapel ein ganzes Dorf unter sich. Die Bilanz: mehr als 150 Tote. Wie viele Todesopfer es dieses Mal im Aostatal und im Piemont geben wird, ist noch völlig offen.

"Die Flussbetten sind immer tiefer geworden, die Dämme immer höher", klagt ein Experte. Das habe bei vielen Menschen ein falsches Gefühl von Sicherheit hervorgerufen. Doch am Ende wehren sich die "vergewaltigten Flüsse". Die Folge: Wenn sie heute über die Ufer treten, dann mit ungleich größerer Gewalt. "Die Kapazität der Gewässer, den Regen aufzunehmen, ist erheblich reduziert", kritisiert Umweltschützer Vincenzo Ferrara.

"Jeder denkt an 1994", klagt ein Mann im verwüsteten Piemont, der mit ansehen musste, wie sein Haus in den schmutzig-braunen Schlammmassen versinkt. Bei der Überschwemmung 1994 ertranken im Piemont 68 Bewohner. Damals sei zwar verboten worden, in weniger als 150 Meter Abstand von Flüssen zu bauen. "Aber wildes Bauen wird in Italien toleriert." Doch die Natur schlägt zurück. Allein in Venetien habe es in den vergangenen hundert Jahren über 2100 Überschwemmungen gegeben, rund 1300 jeweils im Piemont, im Friaul und in der Lombardei.

Auch die von der Katastrophe betroffenen Walliser werden gerne als "Betonklotzer" geschmäht, die sich wenig um Umweltschutz kümmern. Doch niemand in der Schweiz glaubt ernsthaft, dass bessere Schutzmaßnahmen die Erdrutsche von Gondo verhindert hätten. Oberhalb von Gondo, wo vermutlich 13 Menschen starben, gab es eine Befestigung, die den Hang am Abrutschen hindern sollte. Aber keiner hatte die unheimliche Gewalt der Natur vorausgeahnt - die Schlammlawine hatte die Befestigung einfach niedergerissen.

Von Peer Meinert, dpa



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