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12. Januar 2011, 18:12 Uhr

Überschwemmungen in Australien

"Wir beten, dass die Pegel sinken"

Von und

Ausnahmezustand im Osten Australiens: Teile der Millionenstadt Brisbane stehen unter Wasser. Der Kontrast in der Metropole könnte nicht größer sein. Während die einen um ihr Eigentum kämpfen, liegen die anderen in der Sonne. Zumindest hat die Flut ihren Höchststand erreicht.

Hamburg - Der Stadtteil Westend in Brisbane gleicht einer Geisterstadt. Die Bewohner sind geflohen, das Wichtigste haben sie mitgenommen. Sie flüchten vor dem Wasser.

Die Flut in der australischen Millionenmetropole steigt, die Lage hat sich über Nacht dramatisch verschärft. Serge Loode hat immerhin bislang Glück gehabt. Der gebürtige Düsseldorfer, der als Dozent an der Universität von Queensland arbeitet, und seine australische Ehefrau leben im Stadtteil St. Lucia, auf einem Hügel, mit Blick auf die Innenstadt von Brisbane - und auf der anderen Seite des Brisbane River, direkt gegenüber von Westend.

Damit das Wasser sein Haus flutet, müsste es insgesamt 15 Meter steigen. Serge Loode glaubt sich in Sicherheit. Tatsächlich erreichte der Pegel des Flusses am frühen Donnerstagmorgen (Ortszeit) sein Höchststand - und blieb mit 4,45 Metern unter den schlimmsten Prognosen. Experten hatten mit einem Wert von fünf Metern oder darüber gerechnet, eine vergleichbar hohe Flut hatte im Jahr 1974 schwere Schäden angerichtet.

Doch auch ohne einen neuen Rekordstand ist der sonst eher "gemächliche Fluss", "halb so breit wie der Rhein bei Düsseldorf", inzwischen zu einem "reißenden Strom" geworden. Gerümpel, Häuserwände, Treibgut, Autos, Boote treiben im Wasser. Ein Restaurant, das auf einem Steg stand, sei komplett weggespült worden, so der 35-Jährige.

Das erste Todesopfer in der Stadt war ein vierjähriger Junge, der aus einem Rettungsboot fiel und ertrank, wie lokale Medien meldeten. Insgesamt kamen bereits zwölf Menschen bei dem Hochwasser in Australien ums Leben. Laut Anna Bligh, der Ministerpräsidentin des Bundesstaats Queensland, werden 67 Menschen vermisst. Sie geht davon aus, dass die Zahl der Toten weiter steigen wird.

"Man hat aus der Flut von 1974 gelernt"

Die Behörden rechnen mit den schlimmsten Überschwemmungen, die die drittgrößte Stadt Australiens erlebt hat, fast 20.000 Häuser dürften betroffen sein, schätzt Bürgermeister Campbell Newman. Doch die Australier scheinen gewappnet: "Man hat aus der Flut von 1974 gelernt", sagt Serge Loode. "Das Katastrophenmanagement läuft sehr gut, man bekommt konstant Updates, wann welcher Stadtteil überflutet wird. Die meisten Bewohner konnten sich in Ruhe für den Notfall vorbereiten."

Loode zum Beispiel kaufte am Dienstag nach der Arbeit noch Lebensmittel, Kerzen und Getränke, auch wenn er weiß, dass er auf seinem Hügel in St. Lucia sicher ist und "keine zwei Wochen" festsitzen wird. Aber vielleicht muss er Flüchtlinge aufnehmen. Die Stadtverwaltung riet Einwohnern in den Gefahrenzonen, in höher gelegene Gebiete zu flüchten. Ministerpräsidentin Bligh bat alle, sich gegenseitig zu helfen. "Bei uns ist jeder willkommen", sagt Loode.

Dass er und seine Frau die kommenden 48 Stunden ohne Strom in ihrem Zuhause sitzen werden, nimmt er gelassen. Auch das hatte die Stromgesellschaft rechtzeitig mitgeteilt, da die Transformatoren zu nah am Wasser lägen und zur Sicherheit abgestellt worden seien. "Das ist ein bisschen unangenehm, aber es kam ja nicht überraschend", so Loode.

Eine Badewanne voll mit Trinkwasser

Auch Michael Schütz sitzt in seinem höher gelegenen Haus in der Nähe des Brisbane River im Dunkeln, aber in Sicherheit. "Der Strom wurde abgeschaltet", sagt der 47-Jährige. Das gilt für weite Teile des Stadtgebiets. "Wir haben bei 126.000 Wohnhäusern und anderen Gebäuden den Strom abgestellt. Wir mussten diese Vorsichtsmaßnahme ergreifen, weil das Wasser weiter steigt", sagte ein Sprecher des Energieversorgers Energex im australischen Fernsehen.

Schütz ist Unfallchirurg und lebt seit 2004 mit seiner Familie in Australien. "Die Australier", sagt er, "nehmen die Situation relativ gelassen und entspannt." Und Schütz tut es ihnen gleich. Besorgt klingt er nicht, als er am Telefon vom Abendessen bei Freunden erzählt. Auch in deren Haus gibt es keinen Strom mehr. "Wir haben viele Kerzen aufgestellt", sagt Schütz. Für seine vier Kinder sei die Situation ein Abenteuer.

Ohne Strom funktioniert auch der Kühlschrank nicht. "Wir haben Lebensmittel gekauft, die man auch warm gut lagern kann", sagt Schütz. Er rechnet damit, dass die Lage etwa vier bis fünf Tage andauert. Am Morgen seien die Regale im Supermarkt noch gut gefüllt gewesen, nachmittags nicht mehr. Die Menschen richten sich auf schwierige Tage ein. Vorkehrungen hat auch Schütz getroffen - etwa die Badewanne mit Trinkwasser volllaufen lassen. Die Behörden hatten dazu aufgerufen, sich Vorräte anzulegen.

Die einen schleppen Sandsäcke, die anderen sonnen sich

Auch auf das Berufsleben hat die Flut große Auswirkungen. Serge Loode muss die nächsten Tage nicht zur Arbeit. Per Mail wurden alle Mitarbeiter der Universität dazu aufgerufen, dem Campus aus Sicherheitsgründen fernzubleiben.

Nachdem die Leute, die noch aus der Stadt wollten, am Dienstag kilometerlange Staus und Verkehrschaos verursacht hatten, rief Bürgermeister Newman alle auf, deren Häuser nicht in der Gefahrenzone sind, zu Hause zu bleiben. "Nur, wenn Ihre Arbeit für das Überleben der Stadt wichtig ist, brauchen wir Sie jetzt - wenn Sie zum Beispiel dafür sorgen, dass die Supermarktregale voll bleiben oder die Tankstellen versorgt werden."

Michael Schütz dagegen stand am Mittwochmorgen noch im OP-Saal. Doch zurzeit werden nur noch Notfälle behandelt. "Teilweise übernachtet die Belegschaft im Krankenhaus", so der Mediziner. Denn es ist nicht einfach, sich in Brisbane zu bewegen. Viele Straßen im Zentrum sind überflutet, Busse und die meisten Züge fahren nicht mehr.

Einige Bewohner nutzen die Golfplätze der Stadt, um Sandsäcke zum Auftürmen von Schutzwällen zu füllen. Menschen, die in der Nähe des Flusses leben, tragen ihre Möbel auf den Dachboden. Auch in der Kunstgalerie der Stadt werden die wertvollen Ausstellungsstücke in die obersten Stockwerke gebracht. Ein Kollege von Schütz ist Radiologe. Er versucht gerade, seine teuren Geräte zu retten.

Der Australier hält zusammen - und bleibt locker

Tausende Menschen sind bereits in Notunterkünfte oder zu Freunden geflohen. Mit Sirenenalarm werden auch die anderen Einwohner aufgerufen, vom Hochwasser bedrohte Gebäude zu verlassen. Der Zusammenhalt untereinander sei enorm und typisch für die Menschen, die hier lebten, sagt Serge Loode. Die Hilfe innerhalb der Nachbarschaft funktioniere gut, sagt auch Michael Schütz.

Diese Erfahrung hat auch Außenminister Kevin Rudd gemacht. "Ich stand auf der Duke Street, als plötzlich das Wasser kam, und aus dem Nichts tauchten die Leute auf. Wir haben Menschenketten gebildet, um die wichtigsten Sachen aus einem Haus zu retten - und nach ein paar Stunden war es geschafft - das sind sehr bewegende Erfahrungen", so Rudd, früher Regierungschef des Landes.

Die Straßen in Brisbane glichen denen in San Francisco, sagt Serge Loode. "Viele sind sehr steil, entsprechend schnell werden jene im Tal geflutet." So auch die Häuser unterhalb des Hügels, auf dem der 35-Jährige lebt. "Es ist schlimm zu sehen, wie einige Menschen alles verlieren. Da sind sehr tragische Schicksale dabei."

Der Kontrast in der Stadt könnte krasser nicht sein: Während die einen in manchen Vierteln gegen das verheerende Chaos kämpfen, genießen die, die auf dem Trockenen sitzen, den Sommer in vollen Zügen: "Die Straßen vor unserem Haus sind inzwischen trocken, ich sehe Leute am Pool sitzen und sich auf der Wiese sonnen. Das ist eines der beiden Gesichter von Brisbane", berichtet einer, der in einem höher gelegenen Stadtteil wohnt.

In einem Industriegebiet in der Nähe des Flughafens schauen der Weinhändler Tod Williams und seine Frau Nicole dagegen angstvoll auf das steigende Wasser. "Sehen Sie dieses total neue Gebäude da, dort sind für tausende Dollar Dom-Pérignon-Champagner und französische Weine eingelagert", so Williams. Er und seine Mitarbeiter hätten den Champagner und den Wein zum Schutz vor den Fluten mit Plastikfolie eingewickelt und Sandsäcke vor dem Lager aufgeschichtet. "Das ist im Moment alles, was wir tun können."

"Wenn ich die Bilder im Fernsehen sehe, weine ich"

Ähnlich geht es Leanne Porter. Sie lebt in Logan, etwa 30 Autominuten von Brisbane entfernt. Eigentlich fährt sie wochentags immer ins familieneigene Malerei-Fachgeschäft in der City, gemeinsam mit ihrem Mann. Doch Leanne geht seit Tagen nicht zur Arbeit. Als die ersten Flutwarnungen eingingen, entschied sie sich, mit ihren beiden Kindern, zwei und vier Jahre alt, zu Hause zu bleiben. Leannes Mann ist noch in Brisbane, "er wacht über unseren Laden", so Leanne.

Das Geschäft der Porters steht unweit des Breakfast Creek, ein Nebenarm des Brisbane River. "Wenn ich die Bilder im Fernsehen sehe, weine ich", sagt die Australierin. Vor ein paar Stunden habe sie noch mit ihrem Mann telefoniert, "das Wasser steht ihm bis zur Hüfte." Er und seine Mitarbeiter räumen rund um die Uhr Gegenstände und Wertsachen aus den Geschäftsräumen, schlafen im oberen Stockwerk. "Einen Weg nach draußen gibt es im Moment nur über ein Rettungsboot. Wir hoffen immer noch, dass es nicht schlimmer wird - und beten, dass die Pegel sinken", sagt Leanne Porter.

Mitarbeit: Annett Meiritz

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