Überschwemmungsgebiet Schlamm und Wasser so weit das Auge reicht

Das Auto von der Flut weggetragen, die Einbauküche im Schlamm versunken, Fische und Quallen im Wohnzimmer und im Garten vier angeschwemmt Boote. Zwei Tage nach dem Hurrikan gleicht die schwer betroffene US-Kleinstadt Biloxi einer Geisterstadt.


Zerstörung in Biloxi: Wagen im Swimming Pool
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Zerstörung in Biloxi: Wagen im Swimming Pool

Biloxi/New Orleans - Mit entgeisterter Miene blickt Donnee Jones auf den Trümmerhaufen in einem Schlammsee, der einmal ihr Haus war. "Alles ist weg", sagt sie immer wieder, als ob sie es einfach nicht fassen kann. Die 50-Jährige gehört zu den Tausenden von Bewohnern der Kleinstadt Biloxi im US-Bundesstaat Mississippi, die nach dem Toben des Hurrikans "Katrina" nur noch besitzen, was sie auf dem Leib tragen. Ihr Auto wurde von der Flut hinweggetragen, die Einbauküche ist im Schlamm versunken, in ihrem Garten dümpeln nun vier angeschwemmte Boote.

Dennoch hat Jones Glück im Unglück - im Gegensatz zu zahlreichen anderen Einwohnern ist sie mit dem Leben davongekommen. Wie viele Todesopfer der wohl verheerendste Wirbelsturm in der Geschichte der USA gefordert hat, war heute weiter ungewiss. Die Behörden richten sich mittlerweile auf "Hunderten von Opfern" ein, davon viele in Biloxi. "Wir sind noch auf der Suche nach Toten", sagt Vincent Creel von der Stadtverwaltung.

Zwei Tage nach dem Sturm gleicht die auf einer Halbinsel gelegene, rund 55.000 Einwohner zählende Gemeinde einer verwüsteten Geisterstadt. Es gibt weder Strom, noch Trinkwasser und Kanalisation. Handys sind ohne Empfang, Straßen überflutet, Häuser und Brücken eingestürzt, Straßenlaternen, Verkehrsschilder, Ampeln und Bäume umgeknickt. Die Überlebenden sind aufgefordert, sich nicht in Gefahr zu begeben und in Unterschlüpfen zu bleiben. Dennoch sind viele notgedrungen unterwegs - sie suchen verzweifelt nach Nahrung und Trinkwasser.

"So was habe ich noch nie gesehen"

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Hurrikan-Katastrophe: Flutchaos in den Südstaaten

Auf dem Parkplatz eines Supermarkts, der zur Hälfe in einen See verwandelt wurde, verteilen freiwillige Helfer einige Lebensmittel. Viele Familien mit Kindern warten geduldig in der gleißenden Sonne, die von einem wieder blauen Himmel strahlt, auf eine Tasse Kaffee oder einen Hot-Dog. Alle haben Horror-Geschichten zu erzählen. Wie etwa ein Mann, der mitten in Biloxi von den Fluten weggerissen wurde und sich gerade noch retten konnte. Oder wie die Familie, die in ihrem überschwemmten Wohnzimmer Quallen und Fische fand.

Der 53 Jahre alte Edwin Huff berichtet, wie sein Wohnwagen von der Flutwelle weggeschwemmt wurde, kurz nachdem er sich auf einen Hügel gerettet hatte. Immerhin konnte er noch seine geliebte Harley-Davidson retten. "Ich habe schon so viel Wirbelstürme erlebt und mir im Vorfeld nicht viel Sorgen gemacht", gibt er zu. "Aber so was habe ich noch nie gesehen." Die 48 Jahre alte Jay Gannett stimmt ihm zu. "Das war wie ein Tsunami, schlimmer als der legendäre Sturm Camille von 1969", meint die Amerikanerin, die bis auf weiteres arbeitslos ist: "Katrina" hat das Kasino zerstört, in dem sie beschäftigt war.

Ähnlich sieht es in New Orleans aus. Die Stadt im Bundesstaat Louisiana wurde zu 80 Prozent überflutet. Die Behörden befürchten nach mehreren Dammbrüchen neue Überschwemmungen. Wie zum Trotz haben aber einige wenige Bars und Restaurants heute schon wieder geöffnet. Im ehemals schicken "Vieux Carré", wo sich normalerweise Tausende von Touristen durch die alten Straßen drängen, verarbeiten die Gäste der einzigen geöffneten Kneipe die Katastrophe auf ihre Weise: Mit gegrillten Meeresfrüchten und warmen Bier sitzen sie im "Oceana Grill" - und feiern vielleicht auch einfach, dass sie noch am Leben sind.

Catherine Hours und Mira Oberman, AFP



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