Umfrage unter Deutschtürken "Dann ist es vorbei mit der Demokratie"

Ein deutscher Journalist in Haft, ein Präsident, der Nazi-Vergleiche anstellt: Wir haben Deutschtürken zu den Spannungen zwischen beiden Ländern befragt - und aufgeschrieben, was sie denken. Eine Straßenumfrage.

Umfrage/ Erdogan
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Umfrage/ Erdogan

Von (Protokolle) und Carina Wendland (Fotos)


Der Ton der türkischen Regierung gegenüber Deutschland verschärft sich immer mehr. Nach den Absagen mehrerer Wahlkampfauftritte türkischer Politiker in deutschen Städten zeigte sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan empört - und verglich das Vorgehen deutscher Behörden mit dem der Nationalsozialisten.

Zudem hat die Verhaftung von Deniz Yücel zu diplomatischen Verwerfungen geführt. Dem deutschtürkischen Journalisten werden Terrorpropaganda für die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK und die Gülen-Bewegung sowie Volksverhetzung vorgeworfen. Grundlage der Vorwürfe sind offenbar Artikel, die Yücel in der "Welt" veröffentlicht hat. Seine Anwälte haben Widerspruch gegen den Haftbefehl eingelegt. Auch das Auswärtigen Amt dementierte umgehend. Die Spionagevorwürfe seien schlicht "abwegig".

Auch bei den hier lebenden türkischstämmigen Menschen führt die politische Verstimmung zwischen den beiden Ländern zu Lagerbildung. In einer Straßenumfrage sprach der SPIEGEL mit Türken, Deutschtürken und Kurden. Neben ausgewogenen Stimmen sahen manche Befragte Erdogans Politik im positiven Licht, manche kritisierten den Präsidenten aber auch mit scharfen Worten. Oftmals wollten sich Befragte gar nicht zum Thema äußern - aus Angst vor Konsequenzen für Familienangehörige in der Türkei.

Bünyamin Öztürk, 51, Besitzer eines Gemüsehandels

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Seit 1979 bin ich in Deutschland, bin hier zur Schule gegangen, habe meinen Beruf hier gelernt und mich selbstständig gemacht. Seit 27 Jahren habe ich hier meinen Laden, beschäftige zwölf Leute und zahle viel Steuern. Zumindest meine Eltern wurden aber von den Deutschen als Menschen zweiter oder dritter Klasse gesehen, als sie hierher kamen. In einem Artikel hieß es kürzlich an die Deutschtürken: Was haben wir euch nicht gegeben, dass ihr Erdogan immer noch wählt? Ich habe ihn nicht gewählt, aber meine Antwort darauf ist: Die erste Generation, die hier nach Deutschland kam, hätte erst mal drei Monate zur Schule gehen sollen, um Deutsch zu lernen. Stattdessen ging mein Vater am ersten Tag arbeiten. Wie soll Integration funktionieren ohne Sprache?

In der Familie streiten wir aber nicht über Politik. Uns interessiert unser Geschäft hier, wie wir mit unseren Nachbarn klarkommen und was wir für die Lage hier tun können. Im Gegensatz zu meinem Bruder bin ich immer noch nur Türke. Ich will meine türkische Staatsbürgerschaft nicht verlieren.

Als ich hierher kam, war ich elf Jahre alt, jetzt bin ich 51. Ich bin hier großgeworden und fühle mich hier viel wohler als in der Türkei. Meine Familie ist hier, mein Geschäft ist hier, hier verdiene ich meine Brötchen. Ich leiste für Deutschland etwas, für mich und für die Bevölkerung. Mit meinen Nachbarn hier bin ich sehr gut befreundet, in der Türkei habe ich nicht wirklich Freunde. Da bin ich zwei Wochen im Jahr im Urlaub.

Ich dürfte zwar über Erdogans Verfassungsreform abstimmen, das werde ich aber nicht machen. Es interessiert mich eigentlich schon, denn es geht darum, wo es mit der Türkei hingeht. So wie ich das sehe, sieht es etwas schlechter aus. Ich will ja nicht, dass mich nur ein Mensch regiert und nur er Entscheidungen trifft. Das will ich auch hier in Deutschland nicht. Den Ausbau des Präsidialsystems sehe ich daher kritisch. Würde ich wählen gehen, würde ich Nein sagen. Ich fühle mich als Türke, aber meine Heimat ist hier.

Hüseyin Öztürk, 49, Mitarbeiter eines Gemüsehandels

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Im Streit zwischen Deutschland und der Türkei haben beide Seiten etwas zu viel gesprochen. Deutschland hat damit angefangen mit der Absage des Auftritts des türkischen Ministers in Gaggenau. Bisher war es in Deutschland immer möglich, dass türkische Politiker und auch Erdogan auftreten konnten. Warum ist das jetzt manchmal verboten? Ich finde nicht gut, dass es da unterschiedliche Regelungen gibt.

Den Nazi-Vergleich von Erdogan finde ich zu viel. Das ist zu hart. Dass Erdogan durch die Volksabstimmung mehr Rechte als Präsident haben soll, ist eine sehr gute Idee. Südliche Länder sind nicht zu hundert Prozent Demokratien. Die Parteien haben immer Probleme mit der Koalitionsbildung. Das wird dadurch beseitigt.

Durch Erdogan gibt es viel mehr Demokratie in der Türkei. Das Land ist fast 100 Jahre alt. Wenn das Volk ein Präsidialsystem will, dann soll es das haben. Deniz Yücel ist meiner Meinung nach ein Spion. Warum ist Deutschland denn so interessiert daran, dass er freigelassen wird? Da ist irgendwas. Er hat öfter Reportagen mit der PKK gemacht und ist über die Türkei in den Nordirak gegangen. Er wurde mehrfach gewarnt, das nicht zu tun. Dann wurde er erwischt.

Ich bin mit elf Jahren nach Deutschland gekommen und habe die doppelte Staatsbürgerschaft. Ich fühle mich hier sicher und wohl, aber manchmal nicht wirklich anerkannt. Dennoch ist hier meine Heimat. In der Familie diskutieren wir nicht viel, obwohl meine Kinder und mein Vater schon ihre eigene Meinung haben. Ich werde ganz sicher bei der Volksabstimmung mitmachen. Meine Kinder nicht, die haben nur die deutsche Staatsbürgerschaft.

Ali Cengiz, 38, Mitarbeiter Ali Baba-Imbiss

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Ich bin Kurde, komme aus der Provinz Adiyaman im Südosten der Türkei und lebe seit fünf Jahren in Deutschland. In meiner Heimat gibt es viele Probleme, aber darüber wird dort in den Medien nicht berichtet. In der Türkei will nur Erdogan reden, die anderen sollen nichts sagen. Er macht alles alleine. Aber einer alleine kann nicht alles machen. Türken, Kurden, Aleviten sollten zusammenarbeiten.

Was Erdogan am Wochenende über Deutschland gesagt hat, das gefällt mir: Damit hat er sich selbst geschadet. Ich hoffe, dass er nicht hierher kommt, um Propaganda zu machen. Der hat das Land kaputt gemacht. Ich habe auch türkische Freunde, mit manchen gibt es Streit, wenn man mit ihnen darüber redet. Aber nicht mit allen. Gerade könnte ich mir nicht vorstellen, wieder in die Türkei zu gehen, aber wenn Erdogan weg ist, vielleicht.

Amine Güler, 26, Kassiererin im Lebensmittelmarkt

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Ich bin in Deutschland geboren und hier zur Schule gegangen, habe aber nur die türkische Staatsbürgerschaft. Hier in Deutschland werden die Muslime oft schlechtgemacht. Zum Beispiel das Thema Zwangsehe. Keiner von uns hat durch Zwang von Vater und Mutter geheiratet. Ich war mit meinem Mann fünf oder sechs Jahre zusammen, das wussten meine Eltern auch. Dann haben wir geheiratet.

Zu Hause hat auch meine Mutter das Sagen, nicht mein Vater. Als kleines Kind hat mir mein Vater immer gesagt: "Frag nicht mich, frag deine Mutter. Die weiß das bestimmt besser."

Ich bekomme hier öfter zu spüren, dass ich nicht dazu gehöre. Ich werde oft auf der Straße angerempelt, auch von älteren Damen. Das macht traurig und es verletzt auch.

Zu den geplanten Auftritten türkischer Minister in Deutschland habe ich keine Meinung. Ich wusste gar nicht, dass der türkische Außenminister hier in Hamburg auftreten sollte. Den Nazi-Vergleich Erdogans fand ich etwas übertrieben. Aber ich beschäftige mich auch nicht sonderlich mit Politik. Ich bin einfach für Frieden und Gerechtigkeit.

Es gibt in unserer Familie unterschiedliche Meinungen zu Erdogan. Meine Schwester steht sehr hinter ihm, ich nicht so. Wir haben darüber auch schon diskutiert. Sie wird sich nicht umstimmen lassen. Wir streiten aber nicht, sondern akzeptieren unsere Meinungen gegenseitig. Abstimmen werde ich bei der Verfassungsreform aber nicht. Ich bin mir einfach nicht zu einhundert Prozent sicher.

Bülent S., 38, Gastroinhaber, Name geändert

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Ich komme aus der Osttürkei, aus einem Ort, in dem kurdische Aleviten leben. Bis auf meine Schwester lebt meine gesamte Familie noch dort, darum möchte ich meinen Namen nicht sagen. Ich habe Angst um meine Geschwister und ihre Kinder. Vor 17 Jahren bin ich hierher gekommen, weil ich in die türkische Armee eingezogen werden sollte. Meine Schwester war Mitglied in der PKK, wir wären auf unterschiedlichen Seiten gewesen. Darum bin ich abgehauen. Als ich dann hier war, ist meine Schwester umgekommen. Sie war 21.

Viele Türken, die hierher kommen, geben ihren Kindern keine deutsche Staatsbürgerschaft. Das ist total falsch. Mein Sohn hat sofort die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen. Man muss sich integrieren. Ich bin auch Deutscher. Mit meinen türkischen Bekannten spreche ich nicht über Politik. Die wissen, wie ich darüber denke.

Erdogan fordert von Deutschland, Demokratie von ihm zu lernen. Wie es in der Türkei um sie steht, sieht man ja. Journalisten werden verhaftet, kurdische Parlamentarier sind auch im Knast. Die türkische Regierung soll hier keinen Wahlkampf machen.

Wenn Erdogan Unterstützung von westlichen Ländern bekommt wie früher, dann wird er noch mächtiger werden. Dann ist es vorbei mit der Demokratie. Es ist schade, dass es in der Türkei abwärts geht. Was bei dem Putsch passiert ist, das war nicht schön. Aber es hat schon viele Putschversuche dort gegeben, und die haben immer funktioniert. Immer war es nachts, nach zwei Uhr, dieses Mal aber am Abend. Warum? Da bleiben viele Fragen.

Sevcan Güler, 40, Mitarbeiterin Lebensmittelmarkt

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Was Erdogan am Wochenende gesagt hat, dass die Deutschen Nazis seien, das war zu hart. Aber er regiert die Türkei besser als die anderen Politiker beispielsweise in Deutschland oder Amerika. Er hält seine Versprechen, andere tun das nicht. Erdogans Politik ist korrekt.

Viele Soldaten wurden von der PKK getötet. Die kurdische Partei arbeitet ja mit denen zusammen und Erdogan hat gesagt: Schluss. Seitdem passiert auch nicht mehr so viel in der Türkei. Seine Sicherheitspolitik ist sehr gut. Nach dem Putsch möchten die Türken Gerechtigkeit haben. Es ist richtig, dass Zeitungsleute in der Türkei ihre Meinung frei äußern. Das ist ein Menschenrecht. Aber Deniz Yücel hat über eine Frau geschrieben, die mit der PKK zusammengearbeitet hat. Darum ist es schon in Ordnung, dafür ins Gefängnis zu kommen.

Ich habe nur die deutsche Staatsbürgerschaft, fühle mich aber, seitdem die syrischen Flüchtlinge hier sind, als Ausländer. Die werden besser behandelt als die Ausländer, die schon länger hier leben. Wir werden nicht so richtig wahrgenommen. Ich bin hier geboren, in der Türkei aufgewachsen und dann mit acht Jahren wieder hierher gekommen.

In unserer Familie sprechen wir auch viel über Politik. Aber wir sind alle einer Meinung. Ich verstehe nicht, warum sich andere Politiker da einmischen. Wenn hier in Deutschland gewählt wird, stehen hier in der Straße auch SPD und CDU.

Wenn ich Urlaub in der Türkei mache, dann vermisse ich Deutschland. Trotzdem habe ich meine türkische Kultur und meine Familie lebt auch in der Türkei. Die Deutschen sollten manchmal zurückdenken. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Türken Deutschland aufgebaut. Trotzdem wurde ich schon in der Bahn mit meinen Kindern als "Scheiß Ausländerin" beschimpft.

Naciye Karayaka , 49, Bäckerin

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Mit Politik habe ich nichts zu tun. Türkei oder Deutschland, die machen, was für sie richtig ist. Ich will weder über Merkel noch über Erdogan reden. Das bringt nichts. Egal, ob etwas richtig ist oder nicht, das Volk hat da ja eh nicht wirklich etwas zu sagen. Das ist genau wie bei der Elternratssitzung. Der Entschluss steht schon, bevor die Leute überhaupt abstimmen.

Ich habe nur die deutsche Staatsbürgerschaft. Für Menschen, die wie ich hier aufgewachsen sind, ist Deutschland zur ersten Heimat geworden. Ich stamme vom Schwarzen Meer. Als ich fünf Jahre alt war, bin ich hierher gekommen. Seitdem bin ich viermal in der Türkei gewesen. Das letzte Mal vor zehn, zwölf Jahren. Ich habe zwar noch Verwandte in der Türkei, aber die meisten leben hier. Meine Kinder sind zu 95 Prozent deutsch. Sie vergessen aber trotzdem ihre kulturellen Wurzeln nicht.

Hier im Geschäft gibt es keine langen Gespräche über politische und gesellschaftliche Themen. Dafür fehlt meist die Zeit. Ich habe nicht das Gefühl, dass Türken in den vergangenen Monaten anders behandelt werden als früher. In meiner Schulzeit hatte ich zwar manchmal das Gefühl, nicht dazuzugehören, aber mittlerweile gar nicht mehr.

Mahir C., 33, Kioskbesitzer, Name geändert

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Ich stamme aus Tunceli, bin Kurde, Alevit und Sozialist. Für uns macht Erdogan nicht so einen großen Unterschied. Es gibt heute nur neue Namen. Früher waren es Kemalisten, jetzt sind es Islamisten. Vor sechs Jahren bin ich nach Deutschland gekommen. Ich habe aber noch eine große Familie in der Türkei. Dort wollte ich Politikwissenschaften studieren, mein älterer Bruder ist verhaftet worden, er wurde beschuldigt, Terrorist zu sein. Auch ich wurde an der Uni bedroht.

Erdogans Äußerungen sind voller Lügen. Das ist Demagogie. Das weiß man, wenn man die Geschichte der Türkei kennt. Dort gab es meiner Meinung nach auch früher keine Demokratie. Die militärischen Putsche früher waren von Europa und USA unterstützt.

Es kann für die Kurden eigentlich nicht schlimmer werden. Im vergangenen Jahr wurde ich in der Türkei auch am Flughafen festgehalten. Routinefragen: Warum warst du so lange nicht mehr da, haben sie mich gefragt. Trotzdem werde ich weiter dorthin reisen.

Oft kommen AKP-Anhänger in meinen Laden, die wählen hier die SPD und in der Türkei die Nationalpartei. Viele meiner türkischen Freunde kennen die türkische Geschichte nicht genau und wissen auch nicht wirklich, was jetzt da los ist. Was genau an Gesetzen geändert wird, an der Verfassung. Ich komme aber trotzdem mit den Leuten klar und spreche immer mit ihnen.

Im Video: Deutsch-türkische Beziehungen - eine Chronik der Ereignisse

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