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14. April 2010, 12:57 Uhr

Umgang mit Missbrauchsopfern

Jesuitenpater attackiert Bischof Mixa

Erstmals hat ein führender deutscher Katholik Bischof Mixa direkt angegriffen: Der Leiter des Canisius-Kollegs, Jesuitenpater Mertes, rügt den Umgang des Augsburger Kirchenmannes mit den Opfern sexuellen Missbrauchs - und wirft der Kirche vor, "den Bodenkontakt" zu verlieren.

Hamburg/Augsburg - Als erster führender deutscher Katholik übt der Jesuitenpater Klaus Mertes offene Kritik am Augsburger Bischof Walter Mixa: "Wir dürfen Opfer nicht diskreditieren, wie er es tat", sagte Mertes der "Zeit". Er ist Leiter des Berliner Canisius-Kollegs.

Kritisch äußerte sich Mertens im Zusammenhang mit der Welle von Missbrauchsfällen in katholischen Einrichtungen auch über die deutschen Bischöfe: Diejenigen, "die sich selbst als Opfer darstellen, diskreditieren die gesamte Kirche".

Gegen den Bischof Mixa werden Vorwürfe erhoben, er habe als Dorfpfarrer von Schrobenhausen Heimkinder geschlagen. Der Bischof weist dies zurück. Fälle körperlicher Gewalt im Kinderheim Schrobenhausen seien ihm unbekannt, hatte Mixa Anfang April erklärt. Die Personen, die behaupten, Opfer von Gewalt geworden zu sein, kennt er nach eigenen Angaben nicht.

Mixa war zudem kritisiert worden, weil er der 68er-Generation indirekt eine Mitschuld an dem Missbrauchsskandal in der Kirche gab. Wörtlich hatte Mixa Mitte Februar erklärt: "Die sogenannte sexuelle Revolution, in deren Verlauf von besonders progressiven Moralkritikern auch die Legalisierung von sexuellen Kontakten zwischen Erwachsenen und Minderjährigen gefordert wurde, ist daran sicher nicht unschuldig."

Die Kurie als Raumschiff

Mertes bezeichnete die Kurie nun als ein "Raumschiff..., das den Bodenkontakt zu verlieren droht". Vor Papst Benedikt XVI. habe er "großen Respekt", weil der in der Frage des Missbrauchs keine Angst vor der Wahrheit gezeigt habe. "Ich wünsche ihm, dass er in Kritik an der Kirche noch mehr auch Liebe zur Kirche entdecken kann", sagte Mertes. Er fügte hinzu, der Papst sei "schwerhörig dafür, dass Gott auch durch die säkulare Welt zur Kirche spricht."

Der Schulleiter machte außerdem klar, dass ein Missbrauch durch einen Pfarrer als schlimmer zu bewerten sei als etwa Taten eines Sportlehrers. "Da ist die Fallhöhe höher als bei Missbrauch durch einen Sportlehrer, denn der Priester handelt nach katholischem Verständnis in persona Christi. Und damit ist natürlich das Verhältnis zu Christus berührt."

Es geht um Prügelvorwürfe - und um finanzielle Unregelmäßigkeiten

Mixa steht in erster Linie wegen Misshandlungsvorwürfen ehemaliger Schrobenhausener Heimkinder unter Druck. Zur Aufklärung der Vorwürfe hat die Waisenhausstiftung den Rechtsanwalt Sebastian Knott als Sonderermittler eingesetzt. Knott ermittelt nach eigenen Angaben unabhängig von den Vorwürfen körperlicher Gewalt auch zu möglichen finanziellen Unregelmäßigkeiten in den achtziger und neunziger Jahren, bei denen es um die satzungsgemäße Verwendung von Geld gehe.

Die "Augsburger Allgemeine" hatte in diesem Zusammenhang berichtet, als Stadtpfarrer und Kuratoriumsvorsitzender in der Zeit von 1975 bis 1996 habe Mixa Antiquitäten im Wert von 70.000 Mark nicht satzungsgemäß angeschafft. Manche der Gegenstände hätten ihren Platz im Pfarrhaus gehabt.

Das Bistum räumte in einer Erklärung am Montag zwar ein, dass es mehrfach zu "finanztechnisch unklaren Zuordnungen von Ausstattungsgegenständen" gekommen sei. Es sei dabei aber nicht um private Anschaffungen des damaligen Pfarrers Mixa gegangen, sondern um antiquarische Möbel und Ausstattungsgegenstände für die Kirche und den historischen Pfarrhof.

In der Erklärung des Bistums Augsburg hieß es dazu, dass Mixa im Jahr 1996, als er Bischof von Eichstätt wurde, einige der Gegenstände auf Wunsch der Stiftung persönlich übernommen und vollständig bezahlt habe. Die "unrichtigen Zuordnungen" seien bereinigt worden.

"Ich war immer in erster Linie Seelsorger und Priester. Dabei kann es schon sein, dass ich mich nicht akribisch um finanztechnische Fragen gekümmert habe", sagte Mixa den Angaben zufolge. "Das habe ich immer anderen überlassen, die mehr davon verstanden. Das war wahrscheinlich ein Fehler, den ich einräume und im Nachhinein auch bedauere." Mixa betonte, bei den Möbeln, Ausstattungsgegenständen und liturgischen Gegenständen habe es sich nicht um private Dinge gehandelt, sondern um Dinge, die in der Pfarrei eingesetzt wurden.

jjc/dpa

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