Umstrittene Gefängnisruine DDR-Folterknast soll Spaßburg werden

Jahrzehntelang galt die Strafvollzugsanstalt Hoheneck als das schlimmste Frauenzuchthaus der DDR. Wo Frauen unter unmenschlichen Haftbedingungen gelitten haben, soll ein touristisches Erlebniszentrum entstehen. So wollen es der neue Hausherr und die Gemeinde. Doch die früheren Insassen wehren sich.

Von Roman Heflik


Hoheneck im Internet: "Unvergessliches Jailhouse-Feeling"

Hoheneck im Internet: "Unvergessliches Jailhouse-Feeling"

Stollberg - Manchmal träumt sie von ihrer Haftzeit. Dann ist Karin Weber am nächsten Tag ganz still. Weil die Erinnerungen an Hoheneck wieder da sind. "Wir politischen Gefangenen waren auf engstem Raum mit Schwerstkriminellen zusammengesperrt", erzählt sie. "Aber von den Aufsehern bekam man immer nur zu hören: 'Zehn Mörder sind uns lieber als einer von euch!'"

25 Jahre ist es her, dass Weber als politische Gefangene in das berüchtigte Frauengefängnis der DDR kam. Wenn die 60-Jährige von ihrer Zeit in Hoheneck erzählt, zittert ihre Stimme.

Birgit Schlicke erinnert sich noch gut an die unmenschliche Arbeit in der Gefängnisnäherei: "Ständig brachen die Nähnadeln ab, flogen herum und verletzten die Arbeiterinnen. Wer die Norm nicht schaffte, bekam den Psychoterror der Kriminellen zu spüren", berichtet sie. "Bei Arbeitsverweigerung kam man sofort in eine dunkle Isolationszelle im Keller des Gebäudes. Da konnte es im Erzgebirge sehr, sehr kalt werden."

Opfer Birgit Schlicke: "Gefängnis darf keine Spaßburg werden"
SPIEGEL ONLINE

Opfer Birgit Schlicke: "Gefängnis darf keine Spaßburg werden"

Um Hygiene und medizinische Versorgung war es in der Gefängnisfestung katastrophal bestellt. "Wir erhielten keinerlei Medikamente, selbst chronisch Kranke nicht", berichtet eine weitere ehemalige politische Insassin. "Die Ärztin kam ein- bis zweimal täglich, lächelte und meinte: 'Ja, in der U-Haft unzerstörbar. Aber hier kriegen wir das schon hin - von wegen starke Frau.' Und sie ging ohne eine Tablette oder Spritze."

Bereits 1861 war auf den Resten eines Jagdschlosses die königlich-sächsische Weiberzuchtanstalt Hoheneck erbaut worden. Zu DDR-Zeiten waren in dem Zuchthaus bis zu 1600 Frauen inhaftiert - eine Überbelegung von einem Drittel. Vier von zehn Frauen auf Hoheneck waren politische Gefangene. Einige von ihnen hatten gegen das Regime aufbegehrt, andere hatten bloß ausreisen wollen. Nach der Wiedervereinigung wurde die Haftanstalt saniert und diente elf Jahre als Gefängnis, 2001 wurde sie endgültig geschlossen.

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Streit um Gefängnis-Ruine: DDR-Folterknast soll Spaßburg werden

Anschließend stand der wuchtige, dunkle Backsteinbau hoch über der kleinen Erzgebirgsstadt Stollberg leer. Fenster sind zersprungen, Putz bröckelt von den Wänden.

"Im Fackelschein war's in den Zellen gruselig"

Doch Ende Mai bricht plötzlich die Hölle los. Tausende Besucher drängen sich durch die finsteren Zellentrakte. Stundenlang haben sie draußen gewartet, um einen Blick in den berüchtigtsten Folterknast der DDR zu werfen. Dem passend schaurigen Ambiente für diese "mystischen Nachtführungen" wird mit Fackeln, Kerzenlicht und Sphärenmusik aus Lautsprechern nachgeholfen. Eine Lokalzeitung ist begeistert: "Im Fackelschein war's in den Zellen gruselig", lautet die Überschrift.

Haftanstalt Hoheneck: Schikanen, Schläge, Isolationshaft
SPIEGEL ONLINE

Haftanstalt Hoheneck: Schikanen, Schläge, Isolationshaft

Wenn es nach Initiator Bernhard Freiberger ginge, könnten ständig solche Menschenmengen in sein Schloss strömen. Über seine Chemnitzer Artemis GmbH hat der Saarländer im vorigen Jahr vom Freistaat Sachsen die riesige Immobilie erworben, für einen "sehr geringen Preis", wie es aus der Stollberger Stadtverwaltung heißt. Dann präsentierte der neue Eigentümer der überraschten Öffentlichkeit sein Vorhaben: Der Gefängnisbau biete den perfekten Rahmen für eine Nutzung als Hotel, Tagungszentrum und Automobilmuseum.

Für den Gefängnishof malte sich der neue Hausherr eine "Event-Arena" für Musical und Theaterstücke aus. Aber auch Rock-Konzerte könne man sich dort vorstellen. Platz zum Gedenken an die traurige Geschichte dieses Ortes sei ebenfalls geplant, so Freiberger. Dazu hatte er sich gegenüber dem Vorbesitzer, dem Sächsischen Immobilien- und Baumanagement, verpflichtet.

Dann kam dem findigen Unternehmer die Idee, im Mai 2004 die Tore seiner Ex-Strafanstalt zu öffnen. "Männertag im Frauenknast" betitelte er die Aktion. Die Resonanz war enorm. Mehr als 17.000 Neugierige besuchten das Schloss nach Angaben Freibergers, der für die Führungen zehn Euro verlangte.

Tor zur Gefängnisanlage, Werbeplakat für Zuchthaus-Event: Eine Nacht im Knast
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Überwältigt vom Erfolg legte Freiberger schnell nach. Eine noch spektakulärere Veranstaltung musste her. "Erleben Sie das Gefängnisgefühl eines Insassen auf Hoheneck in originalen Zellen", warb die Artemis GmbH bald danach auf ihrer Website www.hoheneck.com. Gefängnisverpflegung und spektakuläres Nachtprogramm, verbunden mit dem unwiderstehlichen "Jailhouse-Feeling". Kosten werde die Übernachtung mit Frühstück 100 Euro. Damit die Nacht nicht zu langweilig wird, gebe es ab 23 Uhr Musik und Show. Der Termin: die ersten beiden Septemberwochenenden 2004.

Die Aktion hatte zunächst den gewünschten Effekt: Bei Michael Heinz, Freibergers Projektleiter für Hoheneck, standen die Telefone nicht mehr still. Der Fernsehsender RTL wollte gleich mehrere Tage drehen, die BBC rief aus London an, sogar die "Kuweit Times" widmete sich dem Thema.

Die einstigen Gefangenen dagegen reagierten empört. Hunderte hatten das echte "Jailhouse-Feeling" erfahren. Nach Angaben der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte sind die Namen von mehr als 70 Gefangenen dokumentiert, die in der Haft oder an deren Folgen umkamen. Ungezählt dagegen bleibt die Zahl derer, deren Leben in Hoheneck durch Schikanen, Schläge oder Isolationshaft zerstört wurde.

Projektleiter Michael Heinz: Innovative Geschichtsvermittlung?
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Projektleiter Michael Heinz: Innovative Geschichtsvermittlung?

Horst Schüler, Vorsitzender der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft, beschwerte sich in einem offenen Brief beim sächsischen Ministerpräsidenten Georg Milbradt: "Welchen Aufschrei der Empörung würde es wohl geben, wenn etwa im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen oder Buchenwald jemand auf den Gedanken käme, dort ein solch makabres Schauspiel zu veranstalten?" Bernd Pampel, stellvertretender Geschäftsführer der Stiftung Sächsische Gedenkstätten, reagierte entsetzt: Die menschenunwürdigen Zustände würden "auf unerträgliche Weise verharmlost".

Auch vielen Opfern fehlt der Sinn für ein solches Spektakel. "Abartig" findet es Birgit Schlicke. "Dieses Gefängnis darf zu keiner Spaßburg werden", fordert sie. "Wir Opfer erwarten eine angemessene Gedenkstätte." Zwar hatte die sächsische Landesregierung beim Verkauf des Geländes den Opfern ein "würdiges Gedenken" versprochen. Gegen die Event-Pläne des neuen Eigentümers will man jedoch nicht vorgehen. Einen Verstoß gegen den Kaufvertrag könne man nicht feststellen, teilte das Sächsische Immobilien- und Baumanagement mit: Immerhin sollten, wie vereinbart, drei Zellen als kleine Gedenkstätte erhalten bleiben.

Freiberger will die ganze Aufregung um sein Projekt nicht verstehen. Er trage doch auf innovative Weise zur Geschichtsvermittlung bei: "Wir kommen hier an Leute, die vielleicht nie den Weg hierher gefunden hätten." In einem Lagerraum im Gefängnis stapeln sich bereits die Matratzen für die Nacht-Gäste, Artisten und Bands sind bestellt.

Dunkle Andeutungen über die Zukunft des Schlosses

Für Übernachtung vorbereitete, renovierte Einzelzelle: "Ganz spontan"
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Für Übernachtung vorbereitete, renovierte Einzelzelle: "Ganz spontan"

Auf der ersten Sitzung nach der Sommerpause stellt sich der Stollberger Stadtrat geschlossen hinter den Investor. "Wir hätten dort sonst eine Ruine stehen. So haben wir die Chance, dass da Leben entsteht", argumentiert Hauptamtsleiter Reiner Kunz gegenüber SPIEGEL ONLINE. Wie viele andere Städte im Osten leidet auch Stollberg unter der Abwanderung seiner Bürger und einer Arbeitslosenquote von gut 18 Prozent. Von einem Event-Zentrum verspricht sich die Gemeinde Dutzende Jobs, ganz zu schweigen von den Einnahmen durch die Touristen.

Wenige Tage nach dem Gespräch mit SPIEGEL ONLINE wird das Event-Programm im Frauenknast plötzlich deutlich entschärft. Von Gruselatmosphäre ist plötzlich keine Rede mehr, das "Jailhouse-Feeling" ist von der Homepage verschwunden. Die Übernachtungen und Konzerte in Zellentrakten und im Gefängnishof gebe es nun nicht mehr, lässt die Artemis GmbH verlauten, nur die angekündigten Führungen fänden statt.

Ein echter Rückzug ist das jedoch nicht: Auf Nachfrage heißt es, dass Fackelbeleuchtung und Soundeffekte bleiben. Die Bands spielen nun statt auf dem Hof im Rahmen eines Stadtfestes direkt vor dem Gefängnis. Sogar Übernachtungen sind möglich - für nur fünf Euro und "ganz spontan", wie Freiberger sagt. Über die Zukunft des Schlosses ergeht sich der Hausherr trotzdem nur in dunklen Andeutungen. Er selbst sieht sich als Ziel übereifriger Kritiker. Eines sei klar: "Die Einmischungen der Opferverbände haben viel zerstört."



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