Umweltkatastrophe in der Oder »Das ist die Apokalypse«

Fast alles, was in der Oder lebte, starb. Politikerinnen fordern Aufklärung, Forscher suchen Antworten. Der Naturschützer Christian Sahm glaubt, es könnte bis zu 15 Jahre dauern, bis sich der Fluss erholt hat.
Von Hannes Schrader, Lebus bei Frankfurt/Oder
Naturschützer Christian Sahm: »Jeder Gedanke an eine Tierart«

Naturschützer Christian Sahm: »Jeder Gedanke an eine Tierart«

Foto: Hannes Schrader / Der Spiegel

Letztes Jahr, wird Christian Sahm am Ende dieses Ausflugs erzählen, letztes Jahr habe er noch gesagt: »Wenn in Polen keiner mehr in der Oder angelt, haben wir Weltuntergang.«

Jetzt ist es so weit, zumindest, wenn man ihn wörtlich nehmen würde.

Vor einer Woche ging es los, am 9. August. Bei Naturschützern aus der Region Frankfurt an der Oder klingelten plötzlich die Telefone: Fischer waren dran, erzählten, es schwämmen tote Fische auf der Oder. Auch das Telefon von Christian Sahm klingelte. Zuerst, sagt er, habe er sich dabei nichts gedacht – dass bei Niedrigwasser und Hitze Fische im Fluss sterben, könne schon mal vorkommen. Aber dann seien immer mehr Anrufe gekommen. Also setzte er sich in seinen dunkelblauen Dacia Logan, fuhr selbst an die Oder, und da sah er es: Der ganze Fluss war voll mit toten Fischen. Hier angelt erst mal keiner mehr. In Deutschland nicht – und in Polen auch nicht.

Herr Sahm, was haben Sie gedacht, als Sie das gesehen haben? »Das ist die Apokalypse.« Jetzt, eine Woche später, beschäftigt das Fischsterben die Bundesumweltministerin und Dutzende Institutionen – Wasserproben werden in Laboren pipettiert und analysiert, Fischkadaver ausgenommen und untersucht. Politikerinnen fordern Aufklärung, es gibt viel Wut auf die polnischen Behörden, die wohl schon seit Ende Juli Bescheid wussten, dass mit dem Fluss etwas nicht stimmte. Die Ursache des Sterbens ist weiter unklar. Die toten Fische sind ein Politikum, das ist das eine.

Die Oder soll »wirken«

Das andere ist, was nach dem Sterben noch bleibt. Um den Verlust zu verstehen, spricht man am besten mit einem wie Christian Sahm. Er ist Zootierpfleger, ein stämmiger Mann mit kleinen braunen Augen, er sitzt im Umweltbeirat der Stadt Frankfurt/Oder. Er ist 48 Jahre alt. Und ein Oder-Ultra. Ruft man ihn an, schlägt er vor, sofort an den Fluss zu fahren. »Ich will, dass die Oder auf Sie wirkt.« Er nimmt seinen Kescher mit.

Am frühen Montagabend fährt er in seinem Dacia über eine Landstraße entlang der Oderwiesen. Immer wieder bremst er den Wagen plötzlich stark ab, deutet auf einen Strich im Himmel und ruft: »Da, ein Schwarzmilan!« Er spricht mit einer solchen Geschwindigkeit über Vogelarten, dass man als Laie kaum hinterherkommt. Er begeistert sich für Bienenfresser oder Starenschwärme mit mehr als 1000 Vögeln. Ornithologen aus Nordrhein-Westfalen bezeichneten ihn gelegentlich als Spinner, wenn er ihnen erzähle, was für Arten und in welcher Menge er sie hier beobachte. Er sieht das als Kompliment. Dennoch, sagt er, erzähle er nicht immer alles, was er hier sehe. Weil es ohnehin kaum einer glauben würde. »Das hier ist die schönste Region Deutschlands. Die Artenvielfalt sucht ihresgleichen.« Er kenne sich besonders mit Vögeln aus, aber ihn interessiere alles in der Natur.

Sahm parkt den Wagen an einem Zaun, der zum Oderdamm hinaufführt. Er holt den Kescher aus dem Kofferraum, seine zwei wuscheligen Hunde springen aus dem Wagen. Er stapft den Damm hoch, und als er oben ankommt, ruft er: »WOAAAHHH« und breitet die Arme aus. Vor ihm liegen die Oderwiesen, hier wiegt sich das Schilf, stehen einige Bäume vereinzelt auf den Wiesen, dahinter liegt die Oder.

Jetzt sind die Wiesen trocken und begehbar. Wenn der Fluss über die Ufer tritt, stehen sie unter Wasser. Dann leben hier Kraniche, rasten nordische Gänse auf ihrem Weg in den Süden, schwimmen sogar Fische im knietiefen Wasser. »Da schwimmen hier solche Ömmesse, wo du gestern noch spazieren warst!«, ruft Sahm und deutet mit seinen Händen einen Fisch von einem Meter Länge an. »Flappflappflappflapp geht das!« Er wackelt mit der flachen Hand, als wäre sie eine Fischflosse. Sahms kleine braune Augen strahlen. Dann bahnt er sich den Weg durch das trockene Schilf.

Gott sei Dank kein Totenteppich mit Vögeln

Je näher er dem Ufer kommt, desto stärker stinkt es nach verwesendem Fisch. Als er ans Ufer tritt, erhebt sich ein Vogelschwarm: »Kiebitze!«, ruft Sahm. Am anderen Ufer recken Silberreiher ihre Hälse. Die Vögel fressen die Kadaver der Fische, die noch hier sind. Die gute Nachricht, sagt Sahm: Bisher hat man keine toten Vögel gefunden – die Fischkadaver scheinen also für sie nicht giftig zu sein. »Sonst hätten wir hier einen Totenteppich mit Tausenden Vögeln.«

Mit seinem Kescher sucht Sahm das Ufer ab. Unter seinen Stiefeln knackt es: Tausende Muschel- und Schneckenschalen liegen hier, überall schwimmt Muschelfleisch. Was man von der See kennt – Muschelschalen am Ufer – kommt hier eigentlich nicht vor. Die Muscheln und Schnecken filtern das Wasser. »Die sind sofort und als Erstes gestorben.« Wahrscheinlich, sagt Sahm, übersteige die Menge der toten Muscheln und Schnecken die der Fische um ein Vielfaches.

Halbgeöffnete, tote Muschel: »Sofort und als Erstes gestorben«

Halbgeöffnete, tote Muschel: »Sofort und als Erstes gestorben«

Foto: Hannes Schrader / Der Spiegel

Ein toter Fluss wie dieser ist still. Nur der Wind raschelt durch das Schilf, und kleinste Fliegen schwirren um die Kadaver.

In den vergangenen Tagen, erzählt Sahm, sei er immer wieder an die Oder gekommen. Er schaute nach, was alles gestorben ist. Besondere Sorge mache ihm der Goldsteinbeißer, eine in Deutschland seltene Art. »Von denen habe ich hier einen toten Fisch pro Meter Fluss gesehen«, sagt er. Er deutet auf den Fluss, auf eine Länge von etwa 100 Metern: »30 bis 40 tote Fische schwammen hier an der Oberfläche«, sagt er. Er habe die Arten nicht gezählt, die sie fanden. Es seien zu viele gewesen.

»Da lebt noch was!« ruft Sahm und stößt seinen Kescher ins Wasser. »Ah, nein. Stirbt gerade«, sagt er. Er holt ein fingerlanges Fischchen aus dem Kescher, es zuckt in seiner Hand, die Schuppen schimmern gold-grau im Licht der Abendsonne. Ein junger Zander, vermutet Sahm. Er legt den Fisch zurück ins Wasser, der rudert hilflos mit den Flossen, treibt davon. Sahm schaut ihm betroffen hinterher.

»Endzeitstimmung«

Viel hänge nun davon ab, wie viel Wasser der Fluss führe, wie stark also das verdünnt werde, was aktuell im Fluss sei. Er glaubt, je nachdem, was die Ursache für die Umweltkatastrophe ist, könnte es bis zu 15 Jahre dauern, bis sich die Oder auf dem Niveau vor der Katastrophe regeneriert hat.

Ein Meter langer Rapfen: »Endzeitstimmung«

Ein Meter langer Rapfen: »Endzeitstimmung«

Foto: Hannes Schrader / Der Spiegel

Sahm stapft an eine andere Stelle des Ufers, hier treibt ein über einen Meter langer Rapfen. Der Kadaver ist unversehrt. »Die Vögel gehen gar nicht ran, weil sie so viel kleine Fische finden, die machen sich die Arbeit gar nicht«, sagt er. Einige Meter weiter schwimmt ein ähnlich großer Rapfen. Sahm stemmt die Hände in die Hüfte, schaut raus aufs Wasser.

»Endzeitstimmung.«

Jeder seiner Gedanken sei jetzt bei einer Tierart. Die Fischotter zum Beispiel. »Die kann man hier normalerweise sehen, die spielen im Wasser, drehen sich auf den Rücken, den Bauch«, sagt Sahm und bewegt sich wie ein Otter, der im Wasser herumtollt. »Was machen die jetzt? Ohne Fische hast du auch keinen Fischotter mehr hier.« Und was werden die Vögel machen, wenn alle Kadaver gefressen oder verwest sind?

Sahm dreht um, schlägt sich durch das Schilf zurück auf den Deich. Da schwirrt es über seinem Kopf, drei kleine Vögel fliegen über ihn hinweg, sie trillern weich und quirlig: »Da, Bienenfresser!« ruft er, »Fotografieren, fotografieren, sofort fotografieren!« Doch da sind die Bienenfresser schon weg, am Horizont verschwunden.

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