Umweltkatastrophe in Ungarn Giftschlamm erreicht die Donau

Nach dem schweren Chemie-Unfall in Westungarn hat der giftige Industrieschlamm die Donau erreicht. Ob die Anwohner je in ihre kontaminierten Häuser zurückkehren können, ist unklar. Premierminister Orbán sagte, ein Wiederaufbau der Dörfer ergebe "keinen Sinn".

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Hamburg/Budapest - Bis zur Brust stand Kati Holczer in der roten Brühe, die plötzlich und mit enormer Wucht in ihr Haus gespült war und sie selbst und ihren dreijährigen Sohn Bence in Lebensgefahr gebracht hatte. In Sekundenschnelle stieg das Wasser, Kati Holczer platzierte den kleinen Bence auf einem an ihr vorbei treibenden Sofa, dann rief sie per Handy ihren Mann Balázs an: "Wir werden sterben", sagte sie.

Ihr Hund Mazli, was auf Ungarisch "Glück" bedeutet, war vor dem Haus angekettet und ertrank, der andere Vierbeiner, Luca, wurde von der gewaltigen Schlammwelle mitgerissen. Doch Kati Holczer und ihr Sohn Bence überlebten.

Von ihrem Dorf ist jedoch nur eine rot gefärbte Trümmerlandschaft übrig, seit am Montag das Becken einer Tonerde-Fabrik barst und toxischer Schlamm eine Fläche von 40 Quadratkilometern in Westungarn verseuchte.

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Chemieunglück in Ungarn: "Das Dorf ist tot"
Seit Tagen versuchen Einsatzkräfte in Schutzanzügen, die betroffenen Dörfer zu reinigen - Häuser werden mit Hochdruckreinigern ausgespült, Gips wird in Flüsse gekippt, um die ins Wasser geschwemmten Giftstoffe zu neutralisieren. Doch wie nachhaltig der Erdboden kontaminiert wurde, ist immer noch nicht absehbar.

"Eine der schlimmsten Umweltkatastrophen"

Das Augenmerk der Katastrophenschutzbehörde gilt jedoch vor allem dem Wasserweg, auf dem die rotbraune Brühe Richtung Donau zieht, einem der Hauptverkehrswege Europas.

Ein Sprecher der Katastrophenschutzbehörde bestätigte dem staatlichen Sender MIT, dass belastetes Wasser aus den Nebenflüssen am Donnerstagmorgen die Donau erreicht habe. Laut Wasserbehörde wurden am Zusammenfluss von Raab und Donau pH-Werte zwischen 8,96 und 9,07 festgestellt. Normalerweise habe das Wasser einen pH-Wert von acht.

Das Ökosystem des Flusses Marcal sei durch die hohen alkalischen Werte bereits zerstört, sagte der örtliche Leiter des Katastrophenschutzes, Tibor Dobson, "alle Fische sind tot". Es sei versucht worden, den Laugengehalt durch die Zugabe von Säure und Gips in den Fluss zu verringern, das sei aber "umsonst" gewesen.

Premier: Wiederaufbau der Dörfer ergebe "keinen Sinn"

Eine giftige Schlammlawine aus einem Bauxitwerk hatte sich am Montag über mehrere Ortschaften in Westungarn ergossen. Im Ort Kolontár waren vier Menschen getötet und mehr als 120 verletzt worden, nachdem ein Speicherbecken der Aluminiumhütte Magyar Alumínium (MAL) geborsten und ätzender Bauxitschlamm ausgeflossen war. Der Schlamm ist das Abfallprodukt bei der Herstellung von Tonerde, aus der wiederum Aluminium gewonnen wird.

Die deutsche Sektion der Umweltschutzorganisation WWF machte die Betreiberfirma, aber auch die Europäische Union für die Katastrophe verantwortlich. "Nach Behördenangaben sind die ohnehin viel zu laschen Sicherheitsvorschriften nicht eingehalten worden", erklärte der WWF. Die EU trage eine Mitschuld, denn "die Sicherheitsstandards für die Abfallentsorgung in der Bergbau-Industrie sind viel zu niedrig", kritisierte der Süßwasserexperte Martin Geiger. Die Industrie habe sich erfolgreich hohen Sicherheitsstandards widersetzt. Zur Unterstützung bei den Aufräumarbeiten hat Ungarn inzwischen die EU um Hilfe gebeten.

Greenpeace-Sprecher Herwig Schuster bezeichnete den Austritt des Rotschlamms als "eine der drei schlimmsten Umweltkatastrophen, die Europa in den vergangenen 30 Jahren getroffen haben".

Der ungarische Premierminister Viktor Orbán erklärte bei einem Besuch in der betroffenen Region, ein Wiederaufbau der Dörfer ergebe "keinen Sinn". Orbán hatte Kolontár besucht, wo 34 der insgesamt rund 800 Häuser so schwer beschädigt wurden, dass sie unbewohnbar sind.

"Das ist jetzt ein totes Dorf"

Einwohner Kolontárs machten ihrem Zorn bei einer Versammlung Luft, bei der auch ein Vertreter des Unternehmens MAL anwesend war. "Das ist jetzt ein totes Dorf. Wer kann, wird von hier wegziehen", sagte die Anwohnerin Beata Gasko Monek. "Man sollte gleich die ganze Siedlung mit Bulldozern plattmachen", rief ihr Nachbar Janos Potza aufgebracht. "Es ist sinnlos, die Häuser wieder beziehen zu wollen."

Weder ist momentan geklärt, wie es zu dem Bruch des 300 Meter langen und 450 Meter breiten Beckens kam, noch ob MAL für entstandene Schäden haftbar gemacht werden kann. Laut einem Bericht der Zeitung "Pester Lloyd" werden allein die Kosten der Aufräumarbeiten 35 Millionen Euro betragen, das Unternehmen soll aber nur für den Schadensfall nur mit maximal 35.000 Euro versichert sein. Eine Bestätigung dafür gab es seitens des Unternehmens nicht.

Den Anwohnern wurde zunächst eine Soforthilfe von 350 Euro zugesagt.

Ein MAL-Sprecher kündigte bei der Versammlung in Kolontár an, sein Unternehmen werde sich der Verantwortung stellen - wenn die Ermittlungen ergäben, dass die Schuld für die Katastrophe beim Unternehmen lägen.

pad/Reuters/AP/dpa

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