Raúl Krauthausen

Umweltschutz und Behinderung Nicht ohne meinen Strohhalm!

Raúl Krauthausen
Ein Gastbeitrag von Raúl Krauthausen
Umweltpolitik erschöpft sich zu oft im Beackern populistischer Kleinstthemen – wie etwa dem aktuellen Verbot von Plastikstrohhalmen. Das passiert, wenn behinderte Menschen in ihren Bedarfen ignoriert werden.
Mittlerweile verboten: Plastikstrohhalme

Mittlerweile verboten: Plastikstrohhalme

Foto: Marie Hickman / Stone RF / Getty Images

Für Öko und Klima sind ja irgendwie alle, daher riskiere ich, mich von Beginn an unbeliebt zu machen. Denn ich gehöre zu den Leuten, die auf Plastikstrohhalme nicht verzichten können. Das sind diese Dinger, die zum Beispiel Meeresschildkröten schmerzhaft aus der Nase gezogen werden. Die zu einer Sorte Müll gehören, der sich im Wasser nur langsam zersetzt und dessen Mikroteilchen die Umwelt vergiften.

Zu den sogenannten Hilfsmitteln gehören sie aber auch – genauso wie Brillen, Krücken oder mein Rollstuhl. Um Missverständnissen vorzubeugen: Unser Raubbau am Planeten treibt auch mich um. Klar bin ich für Öko. Nur sind Klima- und Umweltschutz am besten, wenn sie »inklusiv« sind. »Was soll denn nun dieses unnahbare Wort?«, werden Sie vielleicht fragen – klingt nach Gedöns, sperrig, unverständlich. Tatsächlich bedeutet es hier, sich gemeinsam gegen die Klimakatastrophe zu stemmen und dabei auch die Perspektiven und Belange von behinderten Menschen einzubeziehen. Effektive Maßnahmen zu ergreifen, anstatt in wenig hilfreichen und oft sogar schädlichen Aktionismus zu verfallen.

Und damit sind wir wieder bei den Strohhalmen.

Seit diesem Juli sind diese, sowie Einweggeschirr und -besteck, in der EU verboten. Dieser gut gemeinte Aktionismus übersieht leider, dass viele behinderte Menschen auf diese Hilfen angewiesen sind. Für mich ist ein Strohhalm kein Luxus, es geht mir nicht um den perfekten Genuss beim Cocktailschlürfen. Sondern darum, Flüssiges aus einem Behälter in meinen Mund zu befördern. Über die bisherigen Alternativen aus Metall, Papier oder Holz lässt sich zusammenfassend sagen: Praktikabel sind sie noch nicht; sie lassen sich nicht biegen, lösen Allergien aus, trocknen nicht und bringen oft Hygieneprobleme mit sich. Eine Linderung dieser Probleme ist bisher kaum in Sicht, und so machen behinderte Menschen eine Erfahrung, die ihnen nicht neu ist – sie werden entweder ignoriert oder instrumentalisiert. Es zeigt sich einmal mehr: Auch Umweltschutz und der Kampf gegen den Klimawandel sind viel weniger inklusiv, als manche gern glauben.

Für mich ist ein Strohhalm kein Luxus, es geht mir nicht um den perfekten Genuss beim Cocktailschlürfen.

Natürlich müssen wir gegen Plastikmüll vorgehen. Und ich bin mir sicher, dass es bald eine technische und umweltschonende Lösung für Trink- und Esshilfen geben wird. Aber so lange sollte nicht vergessen werden, dass die Nahrungsaufnahme ein Menschenrecht ist, dessen behinderte Menschen immer mehr beraubt werden; wenn sie den Kaffee nicht ohne Halm bestellen oder zu Hause den Teller nicht abwaschen können und auf Einweggeschirr zurückgreifen müssen. Echter Umweltschutz nimmt viele Perspektiven ein, nicht nur die von Menschen, die ohne Behinderung leben. Schließlich soll Umweltschutz kein Wohlfühlevent für Privilegierte sein, nicht wahr?

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Bis zur Bundestagswahl nehmen wir uns nacheinander große Fragen aus Politik und Gesellschaft vor – und laden zum Diskutieren und Mitmachen ein. Dieser Artikel beschäftigt sich mit der Frage: Welche Gesellschaft wollen wir? 

So versuche ich mir vorzustellen, welche Schwerpunkte eine neue Bundesregierung setzen könnte. Die Grünen haben nach wie vor gute Chancen, an ihr beteiligt zu sein, und mit ihnen Parteien, die beim Naturschutz eher bremsen. Wie wird also die »Ökopartei« mit der Kohle-SPD, der Auto-CDU, Markt-FDP oder der Linkspartei einen Klimaschutz voranbringen? Meine Befürchtung: Weil man sich an die großen und wichtigen Themen nicht rantraut, könnten die Koalitionsparteien auf weniger relevante Themen ausweichen, die ähnlich funktionieren wie das Verbot des Plastikstrohhalms: Das darin liegende Populismuspotenzial ist nicht bescheiden klein, die dadurch verschreckte Wählergruppe dagegen klein genug?

Beim Umweltschutz besteht die Gefahr, dass verschiedene Gemeinschaften gegeneinander ausgespielt werden.

Beim Umweltschutz besteht die Gefahr, dass verschiedene Gemeinschaften gegeneinander ausgespielt werden. Konservative wenden gegen autofreie Innenstädte gern ein, dass die ein Schlag gegen die Barrierefreiheit wären; dabei sind sie es, die im öffentlichen Personennahverkehr bis heute viele behinderte Passagier*innen ausschließen und sich darauf versteifen, dass barrierefreier Raum und Individualmobilität durch zum Beispiel barrierefreie Taxis in Deutschland kein gesetzlich garantiertes Recht werden, sondern freiwillig und ein großzügig gewährtes Privileg bleiben. Andersherum kenne ich keine Rollstuhlfahrer*innen, die etwas gegen Radwege und geschützte Radspuren haben. Warum sollten sie?

Dennoch vollzieht sich die Verkehrswende mit unbeachteten Stellen für die Belange von behinderten Bürger*innen: Die meisten E-Ladesäulen sind für Rollstuhlfahrende nicht benutzbar, und über die wie Kraut und Rüben herumliegenden E-Roller und E-Scooter wird zwar häufig geschimpft ; sie bleiben aber ein Hindernis für Rollstuhlfahrende, Rollator- oder Kinderwagennutzende. Die Palette der generellen Ignoranz ließe sich erweitern:

Auf etwa die Verfügbarkeit von vorgeschnittenem sowie verpacktem Obst und Gemüse sind viele behinderte Menschen angewiesen – doch durch öffentlichen, nicht behinderten Druck verknappen sich solche Kaufangebote. Der Umwelt zuliebe. Und wer sie trotzdem genießt, erntet manch missbilligenden Blick.

Wie oft musste ich mir vorwerfen lassen, dass ich durch Essensbestellungen bei Lieferdiensten zu viel Müll produziere? Das stimmt zwar, aber meine körperlichen Fähigkeiten zur Nahrungszubereitung sind halt begrenzt. Man sieht mir an, dass ich als Rollstuhlfahrer niemals vorhatte, Dachdecker zu werden. Dennoch ernte ich kontinuierlich und zunehmend skeptische Blicke, wenn ich in einem Lokal nach einem Strohhalm frage: Aber die Umwelt!? Braucht er das wirklich? Ist er auch tatsächlich behindert genug dafür?

Katastrophen wie Hitze, Feuer und Flut treffen behinderte Menschen härter, weil sie in ihren Reaktionsmöglichkeiten eingeschränkter agieren können.

Umweltschutz geht uns alle an – aber dann müssen wir alle berücksichtigt werden, und er sollte sich die großen Probleme vornehmen: Das viele CO₂ in der Luft durch Kohlestrom, Benzinautos und Kreuzfahrtschiffe; all dies ist größer als Strohhalme und verpacktes Essen.

Übrigens sind behinderte Menschen auf eigene Art vom Klimawandel betroffen. Katastrophen wie Hitze, Feuer und Flut treffen sie härter, weil sie in ihren Reaktionsmöglichkeiten eingeschränkter agieren können. In Sinzig ertranken bei der Flut zwölf Einwohner*innen einer Lebenshilfe-Einrichtung , weil sie nicht rechtzeitig evakuiert wurden. Und in den USA starben Menschen, weil durch Feuer und Überschwemmungen der Strom ausfiel – und damit die lebensnotwendigen Beatmungsgeräte oder Klimaanlagen.

Eine schwedische Studie kam zu dem Schluss, dass Leute mit Herzproblemen, Lungenkrankheiten, Diabetes oder psychischen Erkrankungen bei steigenden Temperaturen ein erhöhtes Sterberisiko tragen. Not-so-Fun-Fact: Das Zukunftskolleg der Universität Konstanz fand heraus, dass die Klimafolgen für Menschen mit Behinderung wenig erforscht sind, und wollte darüber einen Artikel schreiben, doch das Wissenschaftsmagazin »Nature« lehnte ab – mit der Begründung, es gäbe dafür kein Publikum. Die Antwort war hart, aber wenigstens ehrlich.

Leider kennt die Geschichte der Umweltbewegung, meist aufgrund der fehlenden Barrierefreiheit der Aktionsformen sowie der Räume, nicht übermäßig viele behinderte Menschen, die sich in ihr engagierten oder engagieren. Dafür braucht es mehr Aktivist*innen mit solchen Erfahrungen. Leute wie Cécile Lecomte. Sie können die Perspektiven bereichern und ein Grundproblem in Deutschland avisieren: Nicht behinderte Menschen werden oft um ihre Chance gebracht, mit behinderten Personen zusammen zu wohnen, zusammen zu arbeiten und zusammen politisch zu streiten. Es ist auch an uns behinderten Menschen, uns in der Umweltbewegung mehr einzubringen und Platz und Barrierefreiheit einzufordern. Völlig unabhängig von unseren Themen, wir müssen nicht dauerhaft über (unsere) Behinderung reden. Wirklich nicht. Wir sind auch sehr gut in der Lage, andere Interessen zu haben und politisch zu vertreten!

Ein besonders abstruses Beispiel dieses distanzierten Blicks offenbart die Tierschutzorganisation PETA, die auf ihrer Website ihre Definition von Tierrechten  präsentiert: »Menschen, die die Rechte der Tiere unterstützen, sind der Ansicht, dass wir als Menschen kein Recht haben, Tiere für Nahrung, Kleidung, Unterhaltung, Versuche oder andere Zwecke zu benutzen, und dass Tiere eine Berücksichtigung ihrer ureigensten Interessen verdienen, egal ob sie niedlich oder für den Menschen nützlich sind, eine gefährdete Art darstellen oder irgendeinem Menschen überhaupt etwas an ihnen liegt (so wie ein geistig behinderter Mensch Rechte hat, selbst dann, wenn er oder sie nicht niedlich oder nützlich ist und keiner ihn oder sie mag).«

Nun, zum einen beruhigt es mich, dass aus Mitmenschen weder Nahrung noch Kleidung gemacht werden soll. Dass hier indes verstärkt darauf geschaut wird, inwiefern ein Mensch mit sogenannten Lernschwierigkeiten »nicht niedlich« ist, befremdet mich schon. Süß ist das nicht. Aber schließlich hat Peta vor einigen Jahren in den USA gegen Milchkonsum protestiert, indem die Organisation ein Foto von einer Milchspeise plakatierte , diese mit zu einem traurigen Smiley gelegten Cerealien garnierte und dazu den Spruch lancierte: »Got Autism? Studies have shown a link between cow's milk and autism.« Da tat man also, als wäre Autismus eine vermeidbare, zu tilgende und ansteckende Krankheit, für die man auch noch selbst verantwortlich ist. Greta Thunberg, die ihren Autismus als etwas Positives betrachtet, wäre mit dieser Darstellung wenig einverstanden. Und ja, diese Studien waren natürlich völlig haltlos – kurz: Quatsch.

Behinderte Menschen merken, dass die Welt um sie herum von Leuten designt ist, die eine Behinderung kaum kennen.

Umweltschutz ist also nicht ganz einfach. Behinderte Menschen merken, dass die Welt um sie herum von Leuten designt ist, die eine Behinderung kaum kennen. Dass sie strukturell als »weniger« wahrgenommen werden. Genauso wie die Umweltbewegung in Deutschland wichtige und notwendige Veränderungen in der Politik erstritten hat, durch Druck auf der Straße erkämpft hat, so muss auch eine Behindertenrechtsbewegung mit ihren Verbündeten für ihre Belange lauter werden – die mitunter inklusiv ökologisch sind. Sie muss sich gemeinsam mit anderen für Klimaschutz einsetzen. Und einer Grün+wie-auch-immer-Regierung auf die Finger schauen.

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