Unfall in ZDF-Show Wettkandidat Samuel liegt im künstlichen Koma

Es ist offenbar schlimmer als zunächst gedacht: Samuel K. hat sich bei seinem schweren Unfall während der ZDF-Sendung "Wetten, dass ...?" eine Halswirbelverletzung zugezogen. Der 23-Jährige sei in ein künstliches Koma versetzt worden, sagten die behandelnden Ärzte.
Unfall in ZDF-Show: Wettkandidat Samuel liegt im künstlichen Koma

Unfall in ZDF-Show: Wettkandidat Samuel liegt im künstlichen Koma

Foto: Oliver Berg/ dpa

Düsseldorf - Auch das Rückenmark des verunglückten Samuel K. sei in Mitleidenschaft gezogen worden, sagte der Ärztliche Direktor des Uni-Klinikums Düsseldorf, Wolfgang Raab, am Sonntag auf einer Pressekonferenz in Düsseldorf. Es bestehe keine akute Lebensgefahr, dennoch befinde sich der junge Mann "in einem äußerst kritischem Zustand", so der Mediziner.

K. liege im künstlichen Koma. Inwieweit er wieder gesund werde, könne man derzeit nicht sicher sagen.

Der Direktor der Klinik für Anästhesiologie, Benedikt Pannen, erklärte, K. sei es noch am Samstagabend den Umständen entsprechend gut gegangen. Erst am Sonntagmorgen seien Lähmungserscheinungen aufgetreten. Daraufhin habe man sich zu der Notoperation entschlossen, die insgesamt zweieinhalb Stunden gedauert habe. Konkret habe K. Prellungen am Rückenmark und kleine Knochenbrüche an der Wirbelsäule erlitten, die mit Metall stabilisiert worden seien. Berichten über eine angebliche Hirnblutung widersprach Pannen.

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"Wetten, dass..?"-Unfall: Missglückter Stunt

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K. war am Samstagabend in der ZDF-Sendung "Wetten, dass ...?" beim Sprung über ein fahrendes Auto schwer verletzt worden. Die Sendung wurde daraufhin abgebrochen. Für seinen riskanten Stunt hatte sich Samuel K. Federbeine unter die Füße geschnallt, sogenannte "Powerizer", auf denen der 23-jährige einen Salto über fünf entgegenkommende Autos machen wollte.

ZDF will Konsequenzen aus Unfall ziehen

Am Sonntag kündigte das ZDF in einer Stellungnahme an, Konsequenzen aus dem Unfall ziehen zu wollen und die Wetten in Zukunft sorgfältiger auszuwählen. Für den Auftritt von Samuel K. seien mehrere Vortests durchgeführt worden, betonte ZDF-Unternehmenssprecher Alexander Stock. Dies sei bei schwierigen Wetten üblich, um die Bedingungen vor Ort in der konkreten Wettsituation zu testen. "Aus Sicherheitsgründen wurde in Düsseldorf etwa die dünne Gummimatte gegen eine 1,2 Zentimeter dicke Anlaufbahn getauscht", hieß es.

Der Kandidat habe in enger Absprache mit dem Sender die Wette intensiv und sorgfältig vorbereitet. Das Bühnenlicht sei so eingerichtet gewesen, dass der Wettkandidat während des Sprungs nicht geblendet wurde. Die Autos habe K., der als freier Akrobat, Stuntman und Kunstturner tätig ist, selbst ausgesucht. Das ZDF werde den Ablauf und die Ursachen des Unfalls nun im Detail prüfen, hieß es.

Der Wettkandidat Samuel K. war bei den Proben am Donnerstag und Freitag bei der Landung nach Sprüngen über zwei Autos ins Straucheln gekommen und auf Rücken und Gesäß gefallen, danach jedoch wieder aufgestanden.

Sowohl das Saalpublikum als auch die Gäste der Sendung reagierten mit großem Verständnis auf die Entscheidung des Senders, die Show abzublasen. Wie immer hatte Gottschalk zahlreiche Prominente ins Studio geladen: Robbie Williams hatte sich mit Take That angemeldet, außerdem Phil Collins und Cher, die Hollywood-Schauspieler Cameron Diaz und Christoph Waltz, sowie die Mimen Hardy Krüger und Alexandra Maria Lara.

Millionen hatten sich auf einen Abend mit dem kanadischen Teenie-Idol Justin Bieber gefreut, viele offenbar sehr viel Geld für Restkarten und Schwarzmarkt-Tickets ausgegeben. Das ZDF werde die Eintrittspreise für die Veranstaltung zügig zurücküberweisen, hieß es am Sonntag. Der 16-jährige Bieber entschuldigte sich per Twitter bei seinem Publikum für den ausgefallenen Auftritt, und verwies darauf, dass es "Dinge gibt, die wichtiger sind als eine Show". Er forderte seine Anhänger auf: "Bitte betet für Samuel K. und seine Familie, während wir warten und für ihn Gesundheit und Schutz erhoffen."

Auch andere Superstars zeigten sich verständnisvoll. "Draußen steht Cher", sagte Gottschalk zu seinen Mitarbeitern, die er am Samstagabend nach dem Unfall um sich versammelt hatte. "Mich hat gerade angerufen Christoph Waltz, der Oscar-Gewinner, auf den ich mich wahnsinnig gefreut habe. Die waren natürlich auch nicht sauer", so der Moderator.

"Nervenkitzel, Waghalsigkeit und Quote"

Der ZDF-Verwaltungsratschef und rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck hat nach dem Vorfall eine Quotendebatte im ZDF gefordert. Es stellten sich Fragen, denen das ZDF als öffentlich-rechtlicher Sender nicht ausweichen dürfe, sagte der SPD-Politiker der Zeitung "Die Welt". "Natürlich müssen wir über die Themen sprechen: Wann werden die Grenzen des Verantwortbaren überschritten? Wie viel Risiko darf man eingehen? Und natürlich müssen wir auch über die Themen Nervenkitzel, Waghalsigkeit und Quote reden."

Beck zeigte sich bestürzt über den Unfall. "Unsere Gedanken sind zunächst bei dem jungen Mann und seiner Familie. Wir übersenden ihm unsere Genesungswünsche", sagte er. Beck lobte das Krisenmanagement Thomas Gottschalks und der ZDF-Chefredaktion. Es sei richtig gewesen, die Sendung abzubrechen.

Auch Medienexperten lobten das ZDF für den Umgang mit dem schweren Unglück. "Man musste die Sendung abbrechen", sagte der Leiter des Grimme-Instituts, Uwe Kammann, am Sonntag. Dass der Sender den Unfall nicht noch einmal gezeigt habe, sei "absolut richtig" gewesen, um keinen "Voyeurismus anzuheizen".

Medienexperte Jo Groebel geht davon aus, dass Gottschalk die Show weiter moderieren wird, vorausgesetzt, der Unfall finde ein glimpfliches Ende. Der Moderator sei nicht der Typ, der aussteige, wenn es Probleme gebe. "Es ist schwieriger, in so einer Situation weiterzumachen", sagte er und fügte hinzu: "Aussteigen ist einfach."

Vor einem gefährlichen Buhlen um Fernsehzuschauer warnte die Grünen-Medienpolitikerin Tabea Rößner nach dem Unglück bei "Wetten, dass..?". Die Sprecherin für Medienpolitik der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen appellierte an das Verantwortungsbewusstsein der Fernsehmacher, "im Kampf um bessere Quoten das Maß nicht zu verlieren". Würde und Schutz des Menschen dürften nicht leichtsinnig aufs Spiel gesetzt werden.

Sie wolle "keine Ferndiagnose durchführen", sagte Rößner, "aber der Satz, in der Probe sei ja auch nichts passiert, ist angesichts des eingegangenen Risikos nicht ausreichend." Die Grünen-Politikerin bat den ZDF-Fernsehrat, sich mit der Thematik zu befassen. "Wir brauchen aber auch eine gesellschaftliche Debatte." Die Zuschauer müssten sich fragen, ob sie den Druck des Höher, Schneller, Weiter tatsächlich wollten.

ala/AP/dapd
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