Unglück auf der Wolga "Papa, Mama, das Schiff wird jetzt sinken"

Rund 200 Passagiere waren an Bord der "Bulgarien", nur 80 überlebten das Unglück auf der Wolga. Ihre Berichte geben einen Einblick in die dramatischen letzten Minuten vor dem Untergang. Das Schiff war offenbar marode, Sicherheitsregeln wurden nur schlampig eingehalten.

REUTERS

Von , Moskau


Ruslan Sabirow hat das Unglück kommen sehen. "Ich habe gespürt, dass etwas nicht in Ordnung ist", sagte er russischen Reportern nach seiner Rettung. Sabirow war einer der Passagiere des Ausflugsdampfers "Bulgarien". Er wollte an Deck gehen, um nachzusehen, warum das Schiff auf der Wolga in Schieflage geraten war. Vorher zog er seiner Frau noch eine Rettungsweste über. Doch bis aufs Deck schafften es die beiden nicht mehr.

Die "Bulgarien" legte sich plötzlich heftig auf die Seite. Sabirow versuchte, ein Schiffsfenster einzuschlagen, doch erst der Druck des Wassers brachte das Glas zum Bersten. "Auf dem Wasser sah ich ein Floß mit Überlebenden, auf dem bereits Panik ausgebrochen war", erzählt er. Von seiner Ehefrau fehlte jede Spur. Lija war schwanger. "Am 13. Juli sollten wir zum Ultraschall, um zu erfahren, ob wir einen Jungen bekommen oder ein Mädchen."

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Russland: Der Untergang der "Bulgarien"
Bis zu 128 Menschen sind beim schwersten Schiffsunglück in Russland seit drei Jahrzehnten ums Leben gekommen. Jetzt, mehr als 24 Stunden nach dem Untergang der "Bulgarien" auf der Wolga, 720 Kilometer östlich von Moskau, geben die Berichte der Überlebenden Einblicke in die dramatischen letzten Minuten an Bord. Und sie werfen Schlaglichter auf die mutmaßlichen Unglücksursachen, auf veraltete und schlecht gewartete Sowjet-Technik, auf grobe Fahrlässigkeit der Verantwortlichen.

Natalja Makarowa war mit Mann und Tochter in den Kabine, als sich das Schiff zu neigen begann. "Das Kind hat uns zusammen mit meinem Mann das Leben gerettet", sagt Makarowa. "Zwei Minuten vor der Katastrophe kam sie angerannt und sagte: Papa, Mama, das Schiff wird jetzt sinken, zieht die Westen an." Als das Wasser kam, versuchte Makarowa ihre Tochter festzuhalten, doch die beiden wurden getrennt. Die Retter haben kaum noch Hoffnungen, Überlebende zu finden.

Seit Stunden schon sind mehr als hundert Taucher des russischen Katastrophenschutzministeriums im Einsatz. Sie bergen Leichen aus dem Wrack. Es liegt in etwa 20 Metern Tiefe, das Schiff zerbrach in vier Teile. Auslaufender Treibstoff erschwert die Arbeiten. Offenbar erwägen die Behörden, das Schiff komplett zu bergen.

Laut Passagieren lief die "Bulgarien" bereits mit leichter Schlagseite aus

Die Zahl der Passagiere muss unterdessen immer wieder nach oben korrigiert werden. In ersten Meldungen war von 173 Menschen auf der "Bulgarien" die Rede, dann von 185, am Montagmorgen dann von 199. Zuletzt meldeten russische Nachrichtenagenturen unter Berufung auf Katastrophenschutzminister Sergej Schoigu, zum Zeitpunkt der Katastrophe seien wohl 208 Personen auf dem Schiff gewesen, darunter mindestens 59 Kinder. Bislang bestätigte der Katastrophenschutz den Tod von 50 Menschen, Dutzende gelten noch als vermisst.

Die Ursache für den Untergang ist weiter unklar. Passagiere berichten, die "Bulgarien" sei bereits mit leichter Schlagseite ausgelaufen und dann bei schlechtem Wetter während eines scharfen Wendemanövers voll Wasser gelaufen. Laut Ermittlern beschleunigten geöffnete Fenster den Untergang. Augenzeugen sagten russischen Medien, dass die Türen von Notausgängen zugeschweißt oder verstellt waren.

Damit nicht genug: Der Betreiber der "Bulgarien" hatte offenbar keine Lizenz zur Beförderung von Personen, so die russische Staatsanwaltschaft. Zudem war der rechte Hauptmotor des Schiffs nach Angaben von Ermittlern schon beim Auslaufen defekt. Auch Augenzeugen sprechen davon, das Schiff sei marode gewesen.

Immer wieder führt veraltete sowjetische Technik zu schweren Unglücken

Das widerspricht früheren Behördenangaben, das Schiff sei zuletzt am 15. Juni routinemäßig inspiziert und für voll betriebstauglich befunden worden. Auch die Moskauer Regierungszeitung "Rossiskaja Gaseta" hatte noch am Morgen gemeldet, technische Probleme seien nicht die Unglücksursache. Schiffe wie die "Bulgarien" könnten auch "100 Jahre im Dienst sein, wenn sie eine Generalreparatur durchlaufen haben". Das aber war bei dem gesunkenen Schiff offensichtlich nicht der Fall.

"Wenn Vorschriften befolgt werden, darf so etwas einfach nicht passieren", sagte Präsident Dmitrij Medwedew im Staatsfernsehen. Er hat eine Untersuchung des Unfalls angeordnet und fordert eine technische Überprüfung der gesamten russischen Passagierschiff-Flotte. Rund hundert der 1500 Schiffe wie die "Bulgarien" wurden 1955 oder noch früher gebaut.

Es ist wohl kein Zufall, dass sich am Montag ein weiteres Unglück in Russland ereignete. In Sibirien legte ein Flugzeug eine Bruchlandung auf dem Fluss Ob hin, sechs von 33 Passagieren kamen ums Leben. Ein Triebwerk der Maschine vom Typ Antonow hatte Feuer gefangen. Laut Statistiken der Internationalen Flugtransport-Vereinigung Iata ist das Risiko, in Russland und den Staaten der ehemaligen Sowjetunion bei einem Flugzeugabsturz zu sterben, 13-mal höher als im weltweiten Durchschnitt.

Immer wieder ist es alte sowjetische Technik, die den Dienst versagt und Menschen in den Tod reißt - oft gepaart mit der Missachtung von Sicherheitsregeln. So gab auch der Kapitän des gesunkenen Dampfers "Bulgarien" Order zum Auslaufen, obwohl er angeblich vor schlechtem Wetter gewarnt worden war. "Es war schlechtes, stürmisches Wetter", sagt Anna, eine überlebende Passagierin. "Er hätte nicht auslaufen dürfen."

Mit Material von dapd

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eunegin 11.07.2011
1. Geldgeilheit
Nach etlichen Jahren in Russland: schlimmer als Schlamperei bei der Wartung ist die Geldgeilheit vieler Verantwortlicher, die von denen, die darunter zu leiden haben mit russischer Duldsamkeit hingenommen wird. Und das durchzieht leider alle Bereiche - von Schule über Dienstleister bis zu Fluggesellschaften und Staat. Der Normalbürger ist in diesem Land der Gekniffene.
kaiserudo 11.07.2011
2. schlimm
Zitat von sysopMehr als 200 Passagiere waren an Bord der "Bulgarien", nur 80 überlebten das Unglück auf der Wolga. Ihre Berichte geben einen Einblick in die dramatischen letzten Minuten vor dem Untergang. Das Schiff war offenbar marode, Sicherheitsregeln wurden nur schlampig eingehalten. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,773734,00.html
solche sinnlosen tode, mit traurigen details ueber kinder... man hält es kaum aus sowas zu lesen. sehr tragisch.
oli345 11.07.2011
3. Kinder
Zitat von kaiserudosolche sinnlosen tode, mit traurigen details ueber kinder... man hält es kaum aus sowas zu lesen. sehr tragisch.
ob "Kinder" oder "erwachsene Menschen", da ist jetzt nicht so viel Unterschied. Ich warte auf die Meldung die verkündet "Flugzeug über abgestürzt, keine Überlebende, zum Glück nur Erwachsene!"
J-Créme 11.07.2011
4. Zynische Gleichgültigkeit
Mit zynischer Gleichgültigkeit schicken Menschen, die nur an ihren Profit denken, andere Menschen in den Tod. Solche völlig verantwortungslosen Leute gibt es überall, aber Russland ist eines der Länder, wo auch amtlicherseits offenbar nicht immer das Nötige - und sogar leicht Mögliche - getan wird, um Menschenleben vor solcher Art Unglücken, die vermeidbar sind, zu schützen.
willi_der_letzte 12.07.2011
5.
Zitat von sysopMehr als 200 Passagiere waren an Bord der "Bulgarien", nur 80 überlebten das Unglück auf der Wolga. Ihre Berichte geben einen Einblick in die dramatischen letzten Minuten vor dem Untergang. Das Schiff war offenbar marode, Sicherheitsregeln wurden nur schlampig eingehalten. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,773734,00.html
Kann der Autor vielleicht mal erklären, wieso es an der "sowjetischen Technik" liegt, wenn Schiffe oder Flugzeuge aus purem Gewinnstreben nicht gewartet werden? Das würde auch "westliche Technik" keine 20 Jahre überstehen. So lange ist die Sowjetunion nämlich schon Geschichte, falls es der werte Autor nicht bemerkt haben sollte. Es hat wohl eher etwas mit dem zu tun was danach gekommen ist, als mit der Sowjetunion. Da gab es auch reichlich Schlamperei, aber das hat mit den jetzigen Unfällen recht wenig zu tun. Aber es passt halt so schön ins schlichte Weltbild, gelle. Im Zweifel waren es immer die Kommunisten.
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