Fotostrecke

Unglück in Russland: Schnellzug entgleist, Dutzende Tote

Foto: RIA NOVOSTI/ REUTERS

Unglück in Russland Bombe soll Zug zum Entgleisen gebracht haben

Auf den Newski-Express ist offenbar ein Anschlag verübt worden. Nach dem schweren Zugunglück in Russland mit bis zu 39 Toten haben die Behörden Terrorermittlungen eingeleitet. Schon einmal hatte es auf der Strecke ein Attentat gegeben.

Moskau - Es scheint so, als würden sich die Ereignisse wiederholen: Auf den Schnellzug Newski-Express zwischen Moskau und St. Petersburg ist offenbar ein Terroranschlag verübt worden - zwei Jahre, nachdem es auf der Strecke schon einmal ein Attentat gegeben hat. Die russische Nachrichtenagentur Interfax meldet unter Berufung auf die Generalstaatsanwaltschaft, die Ermittler gingen inzwischen von einem Attentat aus. Sie hatten zuvor ein Verfahren wegen Terrorismus und unerlaubten Besitzes von Sprengstoffen eingeleitet.

Am Unfallort war nach Angaben der Behörden ein trichterförmiges Loch mit einem Durchmesser von rund einem Meter entdeckt worden. Passagiere hatten zunächst einen Knall gehört, daraufhin seien vier der 14 Waggons von den Gleisen gerutscht. Der Zugführer hatte noch eine Notbremsung eingeleitet.

Der Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB, Alexander Bortnikow, erklärte, die Bombe habe eine Sprengkraft von 7 Kilogramm TNT gehabt. Eine offizielle Untersuchungskommission berichtete außerdem, man habe an der Unglücksstelle Überreste des Sprengkörpers gefunden.

Zahlreiche Menschen waren bei dem Unglück am Freitagabend ums Leben gekommen, die Angaben der russischen Behörden schwanken zwischen 25 und 39 Opfern. Rund hundert der insgesamt gut 650 Passagiere und Bahnmitarbeiter wurden nach Angaben der Rettungskräfte verletzt.

Nach Angaben der russischen Eisenbahngesellschaft (RJD) entgleisten nahe der Stadt Bologoje (siehe Karte links), rund 350 Kilometer von Moskau entfernt, vier Waggons des Newski-Express. Staatliche Ermittler sprachen von drei entgleisten Wagen. Das Unglück ereignete sich um 21.34 Uhr Ortszeit (19.34 Uhr MEZ). Am Samstagvormittag explodierte nach Angaben des russischen Bahnchefs Vladimir Yakunin eine zweite, kleinere Bombe. Dabei wurde niemand verletzt.

Keine Hinweise auf Opfer aus Deutschland

Die Verletzten seien in umliegende Krankenhäuser gebracht worden, erklärte Gesundheitsministerin Tatjana Golikowa. Die rund 500 unverletzten Passagiere des Unglückszugs wurden noch in der Nacht mit dem Hochgeschwindigkeitszug "Sapsan" nach St. Petersburg gebracht. Zwei Regierungsflugzeuge brachten ein mobiles Lazarett sowie Ärzte, Rettungskräfte und Polizisten an die Unglücksstelle.

Die Verbindung zwischen Moskau und St. Petersburg, den beiden größten Städten Russlands, ist vielbefahren (siehe Kasten links). Die Expresszüge sind oft voll besetzt. Viele Touristen, Manager und Regierungsmitarbeiter nutzen die Strecke. Nach Mitteilung des Innenministeriums wurde ein italienischer Staatsbürger bei dem Zugunglück verletzt. Er werde in einer Klinik behandelt, hieß es. Die russische Nachrichtenagentur Itar-Tass berichtet, es hätten sich auch zwei Finnen an Bord des Zuges befunden. Hinweise auf deutsche Reisende gebe es derzeit nicht, erklärte das Auswärtige Amt auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE.

Die USA zeigten sich in einer Erklärung des Weißen Hauses "zutiefst betrübt" über den Verlust von Menschenleben. Auch der Französische Präsident Nicolas Sarkozy ließ sein Beileid übermitteln.

Dmitrij Medwedew

FSB

Im Internet tauchte ein vermeintliches Bekennerschreiben einer rechtsradikalen Organisation auf. Man habe allerdings Zweifel, dass dieses authentisch sei, sagte ein Polizeisprecher. Russlands Präsident hat einen Krisenstab in den Kreml einberufen. Zuvor hatte er den Inlandsgeheimdienst und die Generalstaatsanwaltschaft mit Ermittlungen beauftragt.

Im August 2007 hatte es auf derselben Strecke einen Anschlag mit etwa 60 Verletzten gegeben. Damals waren tschetschenische Rebellen verantwortlich gemacht worden, allerdings wurde die Tat nie aufgeklärt. Russische Sicherheitsbehörden hatten zwei Bewohner der autonomen Republik Inguschien verhaftet. Nach einem früheren Offizier, Pawel Kosolapow, wird noch gefahndet. Er gilt als enger Vertrauter des Tschetschenenführers Schamil Bassajew.

Tschetschenien

Schon 1997 waren bei einer Explosion in der Toilette eines Zuges auf der Strecke zwischen Moskau und St. Petersburg fünf Menschen getötet worden. In Russland werden seit den Kriegen, die Mitte der neunziger Jahre im Kaukasus begannen, immer wieder Terroranschläge verübt. Im Dezember 2003 wurden bei einem Selbstmordanschlag auf einen Pendlerzug in der Nähe von 44 Menschen in den Tod gerissen.

chs/dpa/AP/AFP/Reuters/ddp