Telefonat des Unglücks-Lokführers "Wie läuft's bei dir?" - "Gut, wir kommen gleich an"

José G. telefonierte, kurz darauf flog sein Zug bei Santiago de Compostela aus den Schienen. Nun soll der Lokführer den Ermittlern mitgeteilt haben, wer ihn anrief: der Zugführer. Eine Woche nach dem Unglück mit 79 Toten sind noch 13 Verletzte in kritischem Zustand.

Lokführer José G.: Einmal in der Woche beim Gericht melden
AFP

Lokführer José G.: Einmal in der Woche beim Gericht melden


Santiago de Compostela - Hat ihn dieser Anruf so abgelenkt, dass José G. den Zug viel zu schnell in eine enge Kurve steuerte? Der Lokführer hat vor dem verheerenden Bahnunglück in Spanien offenbar mit dem Chef-Schaffner telefoniert. G. sei freiwillig im Gericht am Unglücksort in Santiago de Compostela erschienen, um die Identität des Anrufers zu enthüllen, berichteten spanische Medien unter Berufung auf das Oberlandesgericht von Galicien.

Bei dem Unfall kamen vor einer Woche 79 Menschen ums Leben. 13 Verletzte liegen amtlichen Angaben zufolge noch in kritischem Zustand im Krankenhaus. G. hatte am Sonntag bei der Vernehmung durch den Ermittlungsrichter einen "Aussetzer" eingeräumt, das Telefongespräch aber nicht erwähnt. Der Anruf war erst am Dienstag bei der Analyse der sogenannten Blackbox ans Licht gekommen. Der 52-Jährige muss sich wegen fahrlässiger Tötung in 79 Fällen verantworten.

Der Lokführer soll nun mit seiner Anwältin ins Gericht gekommen sein. Dort habe er dem Ermittlungsrichter berichtet, der Zugführer, der als Leiter der Schaffner tätig ist, habe ihn kurz vor der Entgleisung aus einem anderen Teil des Zuges angerufen, hieß es. Auch der Zugführer, der beim Unfall leicht verletzt wurde, habe den Berichten zufolge bei seiner Polizeibefragung nichts vom Anruf erzählt.

"Wie läuft's bei dir?"

Der Inhalt des Gesprächs wurde vom TV-Sender LaSexta enthüllt. Der Lokführer sei unter anderem gefragt worden: "Wie läuft's bei dir?" - und habe geantwortet: "Gut, wir kommen gleich an." Das Gespräch drehte sich den Angaben zufolge auch um die Frage, auf welchem Gleis der Zug in den Bahnhof einfahren solle.

Kurz danach fuhr der Eisenbahner den Erkenntnissen der Behörden zufolge seinen Zug mit 192 Kilometern pro Stunde in einer engen Tempo-80-Kurve ins Unglück. G. versicherte jedoch, er habe das Gespräch noch vor der Entgleisung beendet, hieß es. Gebremst habe er einige Sekunden vor dem Unfall.

Laut einem Zeitungsbericht kann sich der Lokführer selbst nicht erklären, warum er das Tempo nicht rechtzeitig gedrosselt hat. "Ich sage es ihnen ganz ehrlich, dass ich es nicht weiß, ich bin doch nicht so verrückt, nicht zu bremsen", sagte G. der Zeitung "El País" zufolge bei seiner Anhörung. Richter Luis Alaez fragte laut dem veröffentlichten Auszug des Anhörungsprotokolls nach: "Haben sie die Bremse irgendwann betätigt?" Darauf antwortete G. laut "El País", er habe alle Bremsen betätigt, allerdings erst, als das Unglück bereits "unvermeidbar" gewesen sei. In der Kurve habe er dann gewusst, dass der Zug sie nicht unfallfrei durchfahren werde.

Nach den Vorschriften der Eisenbahngesellschaft Renfe dürfen Lokführer während der Fahrt nur vom Bahnkontrollzentrum aus angerufen werden. Die Auswertung der Blackbox ergab zudem, dass G. während des Telefongesprächs wohl auch auf eine Karte oder ein Blatt Papier geschaut hat. Einen technischen Fehler oder Sicherheitsmängel als zusätzliche Ursache des Unfalls schlossen die Regierung und die Chefs der betroffenen Unternehmen aus.

Zurzeit ist G. unter Auflagen frei. Gemäß Richterbeschluss muss er sich einmal in der Woche beim Gericht melden. Ihm wurde auch der Reisepass abgenommen. Zudem darf er zunächst sechs Monate lang keine Züge mehr fahren.

wit/dpa/AFP

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