Unglück vor Giglio Zahlenfarce um die "Concordia"-Vermissten

Sind es wirklich 29 oder doch mehr? Widersprüchliche Angaben über die Zahl der Vermissten nach dem "Costa"-Debakel sorgen für Verwirrung. Jetzt berichtet eine italienische Zeitung von einer "geheimen Liste", auf der mehr mögliche Opfer verzeichnet sein sollen als auf der offiziellen.

Guardia Costiera

Katastrophen kreieren Chaos. Was im normalen Leben gilt, verliert in Ausnahmesituationen wie einem Schiffsuntergang an Relevanz. Umso wichtiger ist es, dass die Behörden an Land sich bemühen, zusätzliches Leid zu vermeiden. Sie müssen die Angehörige rechtzeitig und ausführlich über die Situation am Unglücksort informieren, für Transparenz sorgen.

Nach der Havarie des Kreuzfahrtschiffs "Costa Concordia" vor der Insel Giglio ist davon allerdings wenig zu spüren - nur unwillig äußert man sich derzeit zur Zahl der Betroffenen. Seit Tagen beherbergen die Hotels und Pensionen von Orbetello, Porto Santo Stefano und Grosseto Familien, die wahnsinnig sind vor Angst. Die nicht wissen, ob ihre Verwandten oder Freunde noch leben.

Am Dienstag veröffentlichte die Küstenwache ein Video mit Infrarotaufnahmen, auf denen zu sehen ist, wie diszipliniert die Passagiere der "Costa Concordia" sich kurz nach der Kollision mit einem Felsen für die Evakuierung sammeln. In geraden Reihen warten sie geduldig auf dem bereits stark in Schieflage geratenen Schiff, lassen sich einer nach dem anderen in die Rettungsboote hinab.

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Rettungsarbeiten an "Costa Concordia": Sprengen, tauchen, hoffen
4229 Menschen befanden sich an Bord des Kreuzfahrtschiffes als es in Seenot geriet. Offiziell werden am Dienstag noch 29 Menschen vermisst - darunter 14 Deutsche, sechs Italiener, vier Franzosen, zwei US-Bürger sowie ein Ungar, ein Peruaner und ein Inder. Noch kurz zuvor hatten die Behörden von 16 Vermissten gesprochen.

Das Auswärtige Amt in Berlin ging am Dienstag zunächst von zwölf vermissten Deutschen aus - dem italienischen Krisenstab zufolge sind es 14. Unter ihnen sollen fünf Passagiere aus Hessen sein, außerdem je zwei aus Berlin, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen sowie eine Frau aus Bayern. In dem Schiff soll eine 71-Jährige aus Baden-Württemberg sein, wie die Polizei in Esslingen mitteilte. Auch von einer 66 Jahre alten Frau aus Achstetten in Baden-Württemberg gibt es weiter kein Lebenszeichen, wie die Polizei Biberach mitteilte.

Mit Hochdruck gehe man Hinweisen auf Personen nach, deren Verbleib noch nicht geklärt werden konnte, sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes. Der Krisenstab und die deutsche Botschaft in Rom seien um Aufklärung bemüht und weiterhin zur Betreuung von Betroffenen und Angehörigen "rund um die Uhr erreichbar". Bisher rechnet man mit sieben Toten. Der Kreuzfahrtveranstalter hatte in den vergangenen Tagen beharrlich betont, man müsse davon ausgehen, dass viele Passagiere nach dem Unglück überlebt, sich aber weder bei den Behörden noch den Reiseveranstaltern gemeldet hätten, sondern selbständig nach Hause zurückgekehrt seien. Zur Nationalität von Vermissten wollte sich Costa in den vergangenen Tagen überhaupt nicht äußern.

40 Vermisste laut Geheimliste

Die italienische Zeitung "La Stampa" berichtet nun von einer "geheimen Liste", in der angeblich bereits 40 Vermisste aufgeführt seien. Erstellt wurde das Papier dem Blatt zufolge vom Krisenstab unter Leitung des Präfekts Giuseppe Linardi. Unter den dort aufgeführten Vermissten seien zehn Italiener, so der Bericht. Die Staatsanwaltschaft allerdings arbeite mit den Zahlen, die der Kreuzfahrtveranstalter lieferte - 16 Vermisste also.

In der öffentlichen Wahrnehmung zum Hauptschuldigen avanciert ist schon jetzt der Kapitän des Unglückschiffs, Francesco Schettino. Er soll das Schiff zu dicht an die Insel gelenkt und schon während der Evakuierung verlassen haben. Während die Welt über seine Motive rätselt, sitzt er mit zwei Zellengenossen im Gefängnis von Grosseto in Untersuchungshaft. Er ist angeklagt wegen fahrlässiger Tötung, Schiffbruch und vorzeitigem Verlassen des Schiffs, muss bei einer Verurteilung mit bis zu 15 Jahren Haft rechnen. Am Dienstagmittag wurde er vernommen.

Schettinos Anwalt beschreibt den Zustand seines Mandanten als "erschöpft, bestürzt, gramerfüllt und sehr verwirrt". Nach außen hin bewahre der Gefangene Ruhe, hieß es, er gebe sich der Verzweiflung nicht hin, fluche oder weine nicht. Dennoch sei das Personal beauftragt worden, häufig nach Schettino zu sehen. Der Kapitän sei bereits von einem Psychologen aufgesucht worden.

Nachdem die Suche nach Vermissten in der Nacht unterbrochen worden war, setzten die Rettungsmannschaften am Dienstag ihre Arbeit fort. Mit Sprengstoff verschafften sich Taucher der italienischen Marine Zugang zum Rumpf des Unglücksschiffs, um schneller durch die Trümmer zu gelangen. Man habe sowohl über als auch unter Wasser vier Löcher in die Außenwand des havarierten Kreuzfahrtschiffs gesprengt, sagte Marinesprecher Alessandro Busonero dem Fernsehsender Sky TV 24.

Das Wetter, das am Montag die Arbeiten erheblich behindert hatte, soll bis Mittwoch gut bleiben. "Wir wollen das Wetter ausnutzen und versuchen, so weit wie möglich voranzukommen", erklärte ein Sprecher der Küstenwache.

Italiens Umweltminister Corrado Clini sagte, zur raschen Bewältigung des Unfalls und seiner Folgen werde offiziell der Notstand erklärt. Es gehe darum, die etwa 2400 Tonnen Dieseltreibstoff so schnell wie möglich aus den Tanks des Schiffes zu holen. Die Reederei Costa Crociere sei aufgefordert, bis zum Mittwoch einen Plan für das Abpumpen vorzulegen und innerhalb von zehn Tagen dann anzugeben, wie sie das gekenterte Schiff abtransportieren wolle. Clini befürchtet erhebliche Umweltschäden, sollte der Treibstoff auslaufen, zumal das Wrack weiter in die Tiefe abrutschen könnte.

Wie am Dienstag bekannt wurde, soll das Kreuzfahrtschiff "Costa Concordia" schon vor dem Unglück am 13. Januar bereits eine ungewöhnliche Kursänderung vorgenommen. "Wir haben in Frankreich in Toulon statt in Marseille angelegt", sagte Regina Güldner, die seit dem 7. Januar auf dem Schiff war. Als Begründung sei "schlechtes Wetter" angegeben worden. "Aber die Reiseleiter in den Bussen, die die Passagiere von Marseille ins 60 Kilometer entfernte Toulon brachten, haben erzählt, dass das nicht stimmte."

Die Unternehmensberaterin war mit ihrem Mann und zwei Bekannten - alle vier aus Mecklenburg-Vorpommern - auf dem Schiff unterwegs. Alle vier konnten sich retten. Ein Paar aus Berlin, das zusammen mit ihnen an Bord gegangen sei, werde nach ihren Informationen noch vermisst.

ala/dpa/AP

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