Uniklinik Mainz Zwei Säuglinge sterben nach verseuchter Infusion

Auf der Intensivstation der Mainzer Universitätsklinik sind zwei Babys gestorben - wahrscheinliche Ursache: eine mit Bakterien verschmutzte Infusionslösung. Fünf weitere Kinder sind in kritischem Zustand, die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Universitätsklinik Mainz: Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin
dpa

Universitätsklinik Mainz: Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin


Mainz - Nach der Versorgung mit einer bakterienverseuchten Infusion sind am Samstag zwei Säuglinge in der Mainzer Uniklinik gestorben. Neun weitere Kinder haben nach offiziellen Angaben ebenfalls die mit Enterobacter-Darmbakterien verschmutzte Lösung bekommen. Fünf von ihnen befinden sich noch in kritischem Zustand, zwei "sogar sehr kritisch", sagte Oberarzt Ralf-Gunter Huth. "Dort befürchten wir Schlimmes."

Die Staatsanwaltschaft Mainz ermittelt wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung - zentral wird "zu klären sein, an welcher Stelle die Kontamination der Nährlösung erfolgt ist", teilte die Behörde mit. Die Polizei hat eine Sonderkommission gegründet, die die Todesfälle untersuchen soll. Den Ermittlern zufolge werden die beiden verstorbenen Kinder in der Gerichtsmedizin Frankfurt untersucht; von einer Einbindung der Gerichtsmedizin in Mainz sei abgesehen worden, um die nötige Neutralität zu unterstreichen. Die Klinik stellte die Krankenunterlagen, Untersuchungsergebnisse und auch die benutzten Präparate sowie Gerätschaften zur Verfügung.

Die beiden Säuglinge hatten Herzfehler und befanden sich wegen dieser schweren Erkrankung auf der Intensivstation, als sie die Infusionen erhielten. Ihr Tod stehe "möglicherweise" im Zusammenhang mit der verunreinigen Lösung, teilte die Klinik offiziell mit - die Äußerungen der Verantwortlichen machen aber klar, dass auch sie die Infusionen als wahrscheinlichen Auslöser sehen. "Wir sind schockiert über die aktuellen Ereignisse", sagte der Vorstandsvorsitzende der Universitätsmedizin Mainz, Norbert Pfeiffer. "Unser tiefes Mitgefühl gilt den Eltern und Angehörigen der verstorbenen Kinder." Die Suche nach der genauen Ursache "innerhalb der gesamten Herstellungskette wird mit Hochdruck vorangetrieben".

Hintergrund
Was sind Enterobacter-Bakterien?
Darmbakterien, von denen die meisten Arten für Gesunde wenig gefährlich sind - für Frühgeborene jedoch lebensbedrohlich werden können. Sie gehören zur normalen Darmflora. Im Mainzer Fall handelt es sich nach Auskunft der behandelnden Mediziner um die Unterarten Enterobacter cloacae und Escherichia Hermannii. mehr auf Wikipedia...
1989: Vier tote Babys in Köln
Die Todesfälle in Mainz erinnern an einen Fall 1989: In einer Kölner Kinderklinik starben damals vier Frühchen wahrscheinlich an bakteriell verseuchter Flüssignahrung. Sechs andere Säuglinge erkrankten, drei blieben behindert. In der Nahrung wurde der Keim "Enterobacter cloacae" festgestellt, der für ältere Menschen in der Regel nicht gefährlich ist. Nach damaligen Berichten kamen nur Hygienefehler der Klinik als Ursache in Betracht. Die Kölner Staatsanwaltschaft ermittelte, ein Beweis jedoch wurde nicht erbracht, das Verfahren schließlich eingestellt.

Es sei wahrscheinlich, dass die Infusionslösungen bei der Herstellung in der Uniklinik mit Enterobacter-Bakterien verunreinigt wurden, teilte die Klinikleitung mit. Eine von 14 Untergruppen sei in zwei Blutproben nachgewiesen worden. Außerdem sei eine zweite Untergruppe entdeckt worden, die aber noch nicht identifiziert wurde, sagte Pfeiffer. Es werde 24 bis 48 Stunden dauern, bis die Untergruppe genauer eingegrenzt werden könne. Alle zuständigen Behörden seien unverzüglich informiert und eingebunden worden.

Die Infusionslösungen würden aus verschiedenen Komponenten externer Hersteller in der hauseigenen Apotheke täglich für die Patienten hergestellt, teilte die Uniklinik Mainz mit. Die Qualität der Lösungen werde täglich durch das Institut für Mikrobiologie und Hygiene überwacht. Dabei sei dann auch die Verkeimung der verabreichten Infusionen festgestellt worden - allerdings nicht mehr rechtzeitig. Die Direktorin der Apotheke der Universitätsmedizin, Irene Krämer, teilte mit, jede Infusion werde individuell für jeden Säugling produziert. Mit diesem Verfahren seien in den vergangenen zehn Jahren mehr als 90.000 Lösungen einwandfrei produziert worden. Sie bestünden aus neun verschiedenen Mitteln wie Glukose, Magnesium und Wasser. Bei der Produktion der verunreinigten Arznei hätten die beteiligten Mitarbeiter nach weniger als 30 Minuten die verwendeten Handschuhe gewechselt. Dennoch könne menschliches Versagen nicht ausgeschlossen werden.

Alle potentiell betroffenen Patienten werden vorsorglich behandelt

Alle womöglich betroffenen Patienten seien nach Aufkommen des Verdachts medizinisch behandelt worden, teilte die Klinik mit. Lösungen des betroffenen Typs würden nicht mehr verwendet. Bis die Fälle geklärt sind, würden Präparate anderer Hersteller benutzt und in einem alternativen Verfahren hergestellt.

Die rheinland-pfälzische Wissenschaftsministerin Doris Ahnen (SPD) äußerte sich bestürzt über den Unglücksfall. Die genauen Umstände "dieser tragischen Ereignisse" müssten lückenlos aufgeklärt werden, sagte Ahnen, die Aufsichtsratsvorsitzende der Universitätsmedizin Mainz ist.

Die Universitätsmedizin der Johannes-Gutenberg-Universität umfasst mehr als 60 Kliniken, Institute und Abteilungen sowie zwei Einrichtungen der medizinischen Zentralversorgung, die Apotheke und die Transfusionszentrale. Rund 3500 Studierende der Medizin und Zahnmedizin werden in Mainz kontinuierlich ausgebildet.

ffr/dpa/apn/ddp



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Charles Atane, 22.08.2010
1. Die Aufgabe von Krankenhäusern ist... Profit zu machen *Messer-aufklapp*
Zitat von sysopAuf der Intensivstation der Mainzer Universitätsklinik sind zwei Babys gestorben -*wahrscheinliche Ursache: eine mit Bakterien verschmutzte Infusionslösung. Fünf weitere Kinder sind in kritischem Zustand. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,713150,00.html
Wie jetzt, Mainz in China? Die haben ja Erfahrung im Babies-Vergiften. Aber nein, natürlich Mainz, Deutschland. Wen wundert's, als Münchner sind mir Dreck-in-der-Klinik-Skandale hinreichend geläufig. Und der deutschlandweite, seit Jahren bestehende und unbekämpfte Klinikkeim-Skandal, den es in anderen Ländern nicht gibt, wird auch immer wieder mal mühsam von Magazinen wie Frontal21 ans Licht gezerrt, um dann sogleich von den Verantwortlichen bis hinauf in die Politik schnell wieder unter den Teppich gekehrt zu werden. *UND DAS ALLES BEI UNSEREN GESUNDHEITSKOSTEN!!!*
hwolf@gmx.net 22.08.2010
2. Sauerei
Zitat von sysopAuf der Intensivstation der Mainzer Universitätsklinik sind zwei Babys gestorben -*wahrscheinliche Ursache: eine mit Bakterien verschmutzte Infusionslösung. Fünf weitere Kinder sind in kritischem Zustand. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,713150,00.html
Was die Hygiene betrifft, wird in den Kliniken seit langer Zeit kräftig und verstärkt geschludert. Unterstützt durch die Sparwut verantwortungsloser Verwaltungsdirektoren, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben, aber den Ärzten vorschreiben, welche hygienische Maßnahmen sie genehmigt bekommen, sterben Jahr für Jahr (!) 30.000 bis 40.000 Patienten durch im Krankenhaus wegen mangelnder Hygiene erworbener Infektionen. Und da passiert einfach nichts. Nur bei Verkehrstoten wird laut nach Maßnahmen geschrien - einfach pervers. Ich bedaure zutiefst die Eltern, die ihre sehnsüchtig erwarteten Babies verloren haben und wünsche mir, dass sie mit aller Kraft gegen diese mafiösen Klinikverantwortlichen vorgehen. Es gibt kleine Sterilfilter, die Infektionslösungen direkt bei der Anwendung sicher sterilisieren. Sie sind noch nicht einmal teuer, aber den Pfennigfuchsern ist das offensichtlich egal. Geld vor Leben eben. Aber scheuen Sie sich einmal die Verwaltungstrakts der Kliniken an, da fehlt es an nichts, da regiert Pomp und Protz.
sappelkopp 22.08.2010
3. Nicht das erste Mal...
...denke ich. Wäre ja mal interessant, zu erfahren, wieviele Tote und für den Rest ihres Lebens behinderte Menschen es im Laufe eines Jahres wegen der mangelnden Hygiene in Krankenhäusern gibt. Teure Apparatemedizin zur Verfügung stellen, aber das Handwerkszeug nicht beherrschen! Tolles Personal haben wir in den Krankenhäusern!
J4cky 22.08.2010
4. ...
Zitat von Charles AtaneWie jetzt, Mainz in China? Die haben ja Erfahrung im Babies-Vergiften. Aber nein, natürlich Mainz, Deutschland. Wen wundert's, als Münchner sind mir Dreck-in-der-Klinik-Skandale hinreichend geläufig. Und der deutschlandweite, seit Jahren bestehende und unbekämpfte Klinikkeim-Skandal, den es in anderen Ländern nicht gibt, wird auch immer wieder mal mühsam von Magazinen wie Frontal21 ans Licht gezerrt, um dann sogleich von den Verantwortlichen bis hinauf in die Politik schnell wieder unter den Teppich gekehrt zu werden. *UND DAS ALLES BEI UNSEREN GESUNDHEITSKOSTEN!!!*
Nun ja, wir haben jährlich 17.000 Tote durch Kunstfehler ... http://www.stern.de/tv/sterntv/kunstfehler-fordern-17000-tote-aerzte-wollen-aus-fehlern-lernen-613094.html Es gibt kein Land, welches davor nicht gewappnet ist. Tödliche Keime und Bakterien kommen gar nicht so selten vor.
lamblies, 22.08.2010
5. Unverhofft kommt oft
Zitat von J4ckyNun ja, wir haben jährlich 17.000 Tote durch Kunstfehler ... http://www.stern.de/tv/sterntv/kunstfehler-fordern-17000-tote-aerzte-wollen-aus-fehlern-lernen-613094.html Es gibt kein Land, welches davor nicht gewappnet ist. Tödliche Keime und Bakterien kommen gar nicht so selten vor.
Nicht umsonst gibt es den Fachbereich Krankenhaushygiene: http://www.hygienecouncil.de/exner.html
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