Klimapionier Lüke Recktenwald Seine Zukunft könnte im Meer versinken

Lüke Recktenwald zog vor das Bundesverfassungsgericht, weil der Gesetzgeber zu wenig für den Klimaschutz getan habe – und erhielt teilweise recht. Ein Erfolg für einen 20-Jährigen, der Angst um seine Heimat Langeoog hat.
Erfolgreicher Kläger Lüke Recktenwald: »Hotel und Restaurant meiner Familie bedroht«

Erfolgreicher Kläger Lüke Recktenwald: »Hotel und Restaurant meiner Familie bedroht«

Foto: [M] Privat

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Wenn Lüke Recktenwald aus dem Fenster schaut, blickt er auf Dünen. Dahinter kommt die Nordsee und dann der weite Himmel. Im Herbst machen hier unzählige Zugvögel Rast, riesige Limikolenschwärme, pazifische Ringelgänse, Kiebitze, Rauchschwalben. Das Naturschauspiel lockt zahlreiche Vogelbeobachter nach Langeoog, der Heimat von Recktenwald. Knapp 20 Quadratkilometer ist die Nordseeinsel groß, sie hat 14 Kilometer Sandstrand und rund 1800 Einwohner. Autos gibt es hier nicht, nur Pferdekutschen und eine Inselbahn. Acht Kilometer sind es bis zum niedersächsischen Festland – eine knappe Stunde dauert die Fahrt mit Inselbahn und Fähre nach Bensersiel.

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Anfang November trifft sich die Staatengemeinschaft im schottischen Glasgow zur 26. Uno-Klimakonferenz, der COP26. Auf dem zweiwöchigen Treffen geht es darum, die Ziele der Länder zu erhöhen und gemeinsame Regeln für den Kampf gegen die Klimakrise zu definieren. Lesen Sie hier alle Artikel zum Gipfel.

Lüke Recktenwald ist auf Langeoog aufgewachsen, wie seine Eltern und seine Großeltern. Kajakfahren auf dem Meer, der Sonnenuntergang am Strand, die Ruhe im Winter, der Trubel im Sommer: Der 20-Jährige will auch in Zukunft auf der Insel bleiben. Doch seine Heimat ist in Gefahr. »Die Sturmfluten setzen im Herbst eher ein und sind auch stärker als früher. Sie tragen Strände und Dünen ab«, sagt Recktenwald.

Je weniger Strand es gebe, umso schneller erreichten die Wellen die Dünen. »Und wenn der Meeresspiegel weiter steigt, sind auch das Hotel und Restaurant meiner Familie bedroht.« Die Gebäude stehen auf einer Düne, es gibt keinen Deich, der sie schützen würde und bei einer Sturmflut wäre es möglich, dass sie überschwemmt werden. Ein Familienbetrieb wäre gefährdet, das Lebenswerk mehrerer Generationen.

Wenn die Dünenkette im Norden der Insel durchbräche, sei auch das Trinkwasserreservoir der Insel, die sogenannte Süßwasserlinse, in Gefahr. »Man kann fast zuschauen, wie die Strände immer schmaler werden«, sagte Lükes Vater einmal der »Hamburger Morgenpost«. Als sein Vater noch klein war, sei alle fünf bis zehn Jahre Sand aufgespült worden, um die Dünen zu schützen, sagt Lüke Recktenwald. Inzwischen kämen die Saugbaggerschiffe und Bulldozer fast jährlich, um Sand aus dem Meer hochzupumpen und an Land zu verteilen.

Lükes Eltern klagten vor drei Jahren mit neun weiteren Familien aus Europa, Kenia und Fidschi vor dem Gericht der Europäischen Union für einen besseren Klimaschutz, und als sie ihren Sohn fragten, ob er sich anschließen wolle, sagte er zu.

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Auf juristischem Weg gegen die Klimakrise kämpfen

»Die Klimakrise ist ein Problem von internationaler Tragweite und wir haben jetzt noch die Möglichkeit, etwas daran zu ändern«, argumentiert er. Auch kommende Generationen sollten ein lebenswertes Leben haben, und er wolle die Chance nicht verstreichen lassen, auf juristischem Wege dafür zu kämpfen. Natürlich gebe es Deiche und Dünen, die die Insel schützen, allerdings sei dieser Schutz mit Blick auf den Meeresspiegel endlich.

Die Klage scheiterte endgültig im März dieses Jahres vor dem Europäischen Gerichtshof, aber Lüke Recktenwald hatte sich auch einer anderen Klage angeschlossen. Im vergangenen Jahr legte er mit Unterstützung mehrerer Umweltorganisationen und gemeinsam mit acht anderen jungen Menschen Verfassungsbeschwerde ein, weil der Gesetzgeber in ihren Augen zu wenig für den Klimaschutz unternommen hat.

Im März gab das Bundesverfassungsgericht den Klägern teilweise recht: Das Klimaschutzgesetz muss nachgebessert werden. Ein wegweisender Beschluss, denn das Bundesverfassungsgericht hat den Gesetzgeber dazu verpflichtet, frühzeitig vorzusorgen.

Wird das Klima jetzt unzureichend geschützt, bedeutet das, dass die Generationen von morgen ihrer Freiheit beraubt würden, wenn die Treibhausgasreduzierung zu weit in die Zukunft verlagert würde, argumentierten die Richterinnen und Richter in Karlsruhe. Die Reduktion von Treibhausgasen dürfe nicht länger zulasten junger Menschen hinausgezögert werden.

Nun befürchten manche Juristen und Politiker eine Klagewelle von Bürgerinnen und Bürgern. Praktisch jeder Mensch könne von nun an klagen, falls die Regierenden nicht ausreichend Sorge tragen, dass die Erderwärmung auf 1,5 Grad begrenzt werde, sagte der Rechtsgelehrte Christian Calliess im Sommer dem SPIEGEL.

Lüke Recktenwald nennt das Urteil bahnbrechend, einen Paukenschlag. Er habe sich sehr darüber gefreut, dass es so schnell zu einer »generationengerechten Auslegung des Grundgesetzes kam«. Er hofft nun, dass die neue Regierung ihre Klimaschutz-Versprechen schnell umsetzt.

Nicht nur juristisch kämpfen die Recktenwalds gegen den Klimawandel. Sie versuchen auch im Alltag, so klimafreundlich wie möglich zu leben. Die Eltern betreiben ein Biohotel und Biorestaurant auf der Insel und bieten nur Produkte aus der Region an. Jeden Tag schreiben sie die Speisekarte neu – je nachdem, was die Fischer frisch aus dem Meer gezogen haben.

Lüke Recktenwald verzichtet aufs Fliegen. Er sagt, er müsse nicht in die USA oder nach Australien reisen. In Europa gebe es genug zu entdecken. Das Benzin teurer zu machen, sei der richtige Weg für mehr Klimaschutz – aber man müsse den Menschen dann auch eine Alternative zum Auto bieten und den Nah- und Fernverkehr ausbauen sowie die Radwege.

In diesem Jahr hat Lüke Recktenwald sein Abitur gemacht und bis in den Herbst hinein im Familienbetrieb ausgeholfen. Ende November plant er, nach Österreich zu gehen. In Kufstein will er bis zum Frühling als Saisonkraft in der Gastronomie arbeiten. Er wird das erste Mal Weihnachten fern von seiner Familie feiern. Recktenwald fährt mit dem Zug in den Süden. Zwölf Stunden wird er unterwegs sein, wenn alles nach Fahrplan läuft. Und siebenmal umsteigen.

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