Unruhen in Iran "Neda starb in meinen Armen"

Wer ist der Mann, der sich um die sterbende iranische Demonstrantin Neda kümmerte? Das Video ihres Todes erschütterte Menschen weltweit. Schriftsteller Paulo Coelho erkannte in dem Arzt seinen Freund - und erfuhr nach bangen Stunden von dessen dramatischem Schicksal.

Hamburg - Paulo Coelho liebt das Internet. Stundenlang verbringt der brasilianische Bestsellerschriftsteller täglich dort, sagt er, liest Nachrichten und Geschichten, schreibt seine Gedanken in seinen Blog , veröffentlicht dort, nicht gerade zur Freude seines Verlegers, auch einige seiner Bücher zum kostenlosen Herunterladen.

Vergeblicher Rettungsversuch: Hedschasi (r.) leistet Erste Hilfe

Vergeblicher Rettungsversuch: Hedschasi (r.) leistet Erste Hilfe

Foto: AFP

Und so stößt Coelho am späten Sonntagabend auch auf das Video von Neda Agha-Soltan, der Musikstudentin, die in Teheran gegen die Regierung des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad protestierte, gegen Unregelmäßigkeiten bei seiner Wiederwahl und gegen die Gewalt, mit der die iranischen Milizen gegen die Demonstranten vorgingen. Er erschrickt über die grausamen Bilder, wie die junge Frau, von einem Schuss getroffen, zusammensackt, in die Kamera schaut, Blut quillt aus ihrem Mund, aus der Nase, zwei Männer versuchen ihr zu helfen.

Es sind Bilder, die um die Welt gehen. Neda wird zur Ikone des iranischen Protests, zum Symbol des Widerstands.

Coelho sieht etwas in dem Film, das ihn beunruhigt: Dieser Mann in dem weißen Hemd, der neben der Sterbenden kniet und versucht ihr zu helfen - kennt er den nicht? Ist das nicht sein Freund Arash, Mediziner, der mit seiner Familie in Großbritannien lebt? Was um Himmels willen macht der zu dieser Zeit in Iran?

Coelho schreibt ihm am Sonntagabend eine etwas kryptische E-Mail, er will seinen Freund nicht unnötig in Gefahr bringen:

Lieber Arash,

ich muss wissen, wo du bist, wenn das, was ich sehe/lese, wahr ist. Dann kann ich selbst einen Standpunkt einnehmen - natürlich abhängig von deinem Rat.

In Liebe, Paulo

Arash antwortet ihm wenige Stunden später:

Lieber Paulo,

ich bin jetzt in Teheran. Das Video von Nedas Mord wurde von meinem Freund gemacht, du kannst mich in dem Film erkennen. Ich war der Arzt, der versuchte, sie zu retten, und dabei scheiterte. Sie starb in meinen Armen. Ich schreibe diese Zeilen mit Tränen in den Augen. Bitte erwähne nicht meinen Namen. Ich melde mich bald mit mehr Details.

Coelho veröffentlicht in seinem Blog den E-Mail-Verkehr und das Video von der sterbenden Neda. Weil sich unter der Mobilnummer seines Freundes Arash ein angeblicher CNN-Journalist meldet, ist Coelho besorgt.

Am Montagnachmittag schreibt er seinem Freund erneut eine Nachricht: Er mache sich große Sorgen um seine Sicherheit. "Du MUSST diese E-Mail beantworten und mir sagen, dass es dir gut geht", fordert er ihn auf. Außerdem solle er den Namen des gemeinsamen Freundes nennen, bei dem sie Silvester 2001 gefeiert hätten, um sicher zu gehen, dass er es tatsächlich mit Arash zu tun hat.

Sollte Arash nicht antworten, würde er seinen Namen der Presse zuspielen - "um dich zu beschützen", denn von der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden, sei zu diesem Zeitpunkt der einzig wirksame Schutz, schreibt Coelho.

Der Mediziner antwortet Dienstagnacht, es gehe ihm derzeit gut und er halte sich nicht im Haus seiner Familie auf. Er nennt ihm den Namen des gemeinsamen Freundes: Frederick. Er schreibt ihm in einer weiteren Nachricht, dass er am Mittwochmorgen versuchen werde, Iran in Richtung Großbritannien zu verlassen. "Falls ich nicht um 14 Uhr in London ankomme, ist mir etwas zugestoßen", schreibt Arash. "Bitte warte bis dahin." Für den Fall, dass ihm etwas passiere, teilt er Coelho noch die Telefonnummer und die E-Mail-Adresse seiner Frau und seines Sohnes mit. "Bitte kümmere dich um sie, sie sind alleine und haben niemand anderen in der Welt." Arash schreibt weiter, es sei ihm eine Ehre gewesen, ihn, Coelho, als Freund gehabt zu haben.

Coelho schreibt in seinem Blog, dass er nun auch eine Anfrage von einem ihm bekannten brasilianischen Journalisten erhalten habe, der frage, ob es sich bei dem Mann in dem Video tatsächlich um Arash handele. Coelho bestätigt das, bittet ihn aber, den Namen vorerst geheim zu halten.

Die erleichternde Nachricht erhält Coelho am Mittwoch: Um 13.55 Uhr schreibt er einen einzigen Satz in seinen Blog: "Arash ist in London gelandet."

Nach einigen Tagen wendet sich Arash selbst an die Öffentlichkeit und gibt seine Identität preis: Arash Hedschasi, 38, Mediziner, wohnhaft in Großbritannien. Er gibt dem britischen Sender BBC ein Interview  und beschreibt seine grausamen Erlebnisse in Teheran. Er habe den Lärm auf der Straße gehört und sei deshalb nach draußen gegangen, habe sich unter die Menschenmenge gemischt, in der sich auch Neda aufhielt. Sie stand nur ein paar Meter von Hedschasi entfernt.

Hedschasi hörte ein Geräusch. "War das ein Schuss?", fragte er einen Freund. Der beruhigte ihn, nein, es würden nur Plastikgeschosse verwendet. Der Arzt drehte sich um und sah, wie Blut aus dem Oberkörper der Frau strömte. "Sie blickte nach unten, sie sackte zusammen und verlor allmählich das Bewusstsein."

Der Arzt leistete Erste Hilfe. "Vermutlich wurde sie an der Aorta und an der Lunge getroffen." Innerhalb weniger als einer Minute sei sie gestorben. Der andere Mann, der neben ihr kniete, fing an zu weinen: "Mein Kind, mein Kind!" Es stellte sich heraus, dass er ihr Musiklehrer war.

Als Hedschasi in sein Teheraner Haus zurückkehrt, schweigt er. Seine Angehörigen wissen, dass etwas passiert ist, Hedschasi wirkt verstört, aber er will nicht reden. Als am Abend die Bilder von der sterbenden Neda im Fernsehen laufen, zeigt Hedschasi auf den Mann im weißen Hemd: "Das bin ich", sagt er. Seine Familie ist schockiert. "Ich hätte auch getötet werden können", sagt er.

Republik Iran

Hedschasi macht die regierungstreuen Bassidsch-Milizen für den Tod von Neda verantwortlich. Man habe einen der Miliz angehörenden Motorradfahrer als Schützen ausgemacht, sagt er. Zuerst habe man gedacht, dass der Schuss von einem Dach gekommen sei. Aber dann hätten die Menschen den Mann auf dem Motorrad entdeckt, ihn gestellt und entwaffnet. "Ich habe gehört, wie er sagte: 'Ich wollte sie nicht töten'", sagt Hedschasi in dem Interview. Die umstehenden Menschen hätten dem Mann den Ausweis abgenommen, ihn fotografiert und ihn dann aber laufen lassen, weil sie nicht wussten, was sie sonst mit ihm tun sollten.

Er habe sich entschieden, an die Öffentlichkeit zu gehen, weil er nicht wolle, dass Neda umsonst gestorben sei, sagt Hedschasi. An der Echtheit des Videos, bis heute nicht zweifelsfrei bewiesen, waren Zweifel aufgekommen. Diese habe Hedschasi zerstreuen wollen. Zudem hatten ultrakonservative iranische Zeitungen berichtet, eine Untersuchung der Tatwaffe habe ergeben, dass es sich um Schmuggelware handele. Ein Blatt beschuldigte sogar einen inzwischen des Landes verwiesenen BBC-Journalisten, den Mord für seine Dokumentation in Auftrag gegeben zu haben.

Hedschasi sagt, er nehme das Risiko in Kauf, dass er jetzt nicht mehr nach Iran reisen kann. Er sei aus beruflichen Gründen in Teheran gewesen - er betreibt dort einen Verlag -, sei aber aus Angst vor einer Festnahme vorzeitig nach London zurückgekehrt. "Neda war nur eine Person auf der Straße, die gegen die Ungerechtigkeit in ihrem Land protestierte - und dafür wurde sie umgebracht", beklagt er. Als Neda starb, habe er das Gefühl gehabt, dass sie fragte: warum? Hedschasi antwortete in seiner Hilflosigkeit nur: "Hab keine Angst, hab keine Angst."

Paulo Coelho, sein berühmter Freund, will, dass die Welt an das Drama von Neda, das auch das Drama seines Freundes Arash geworden ist, glaubt.

Das Interview veröffentlichte er deshalb in seinem Blog .

Anmerkung der Redaktion: In diesem Text war ein Foto eingebaut, das nicht die getötete Iranerin Neda Agha-Soltan zeigt. SPIEGEL ONLINE hat das betroffene Bild gelöscht, bemüht sich, den Fall aufzuklären, und entschuldigt sich für den Fehler.

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