Untergang der Estonia Taucher entdecken Loch am Schiffsrumpf

Der Untergang der Ostsee-Estonia, bei dem 852 Menschen starben, muss eventuell neu untersucht werden. Ein Filmteam beschuldigt die Behörden, die Öffentlichkeit falsch informiert zu haben.


Wegen eines Schadens an der Bugklappe soll die Estonia gesunken sein
REUTERS

Wegen eines Schadens an der Bugklappe soll die Estonia gesunken sein

Hamburg - "Es gibt Anzeichen dafür, dass es ein Loch auf der Steuerbordseite der Fähre gibt", sagte der amerikanische Millionär Gregg Bemis. Bemis hatte von Bord eines gecharterten Schiffes aus Taucher zu dem Wrack in 85 Meter Tiefe geschickt. Videoaufnahmen zeigten eine dunkle Linie an der Steuerbordseite des Schiffes, die auf eine Deformation des Metalls schließen lasse, sagte Bemis.

Zudem lasse ein unnatürlicher Sandhaufen entlang dieser Linie darauf schließen, dass nachträglich versucht worden sei, ein Loch zu verdecken. Die Aufnahen sollen laut Bemis von Experten ausgewertet werden. Sie sollten auch gefundene Metallstücke untersuchen. An ihnen lasse sich auch jetzt noch feststellen, ob es eine Explosion an Bord gegeben habe. Der finnische Leiter der offiziellen Untersuchungskommission, Kiri Lehtola, sagte, die Kommission habe kein Loch in der Fähre entdeckt. Selbst wenn es ein solches Loch gebe, hätte dies nicht zu der Katastrophe führen können.

Nach Aussage der Filmredakteurin Jutta Rabe befinden sich unweit des Schiffes zahlreiche Leichen ertrunkener Passagiere. Die deutsche Journalistin, die die Untersuchungen mit einem Kamerateam begleitete, sprach von "absolut skandalösen Zuständen. Die Behörden behaupten nach wie vor, eine Bergung der Leichen sei nicht möglich, da sie sich im Schiffsrumpf befänden, aber das ist nicht wahr." Videoaufnahmen belegten das Gegenteil. Das Filmmaterial sei bei einem Notar hinterlegt und werde der Öffentlichkeit nicht gezeigt, versicherte sie.

"Es regt uns Angehörige schrecklich auf, zu erfahren, dass während der ganzen Jahre Leichen außerhalb des Schiffes trieben", sagte Bertil Calamnius, der bei dem Unglück seine Tochter verlor. Ein Mitglied der Untersuchungskommission, Tuomo Karppinen, sagte, Taucher hätten nach dem Untergang keine Leichen gefunden. Es sei aber möglich, dass inzwischen einige abgetrieben seien. Dies sei traurig für die Angehörigen, habe aber für die Ermittlungen keine Bedeutung.

Die Untersuchungen des US-Privatermittlers waren in Schweden, Finnland und Estland als Störung der Totenruhe kritisiert worden. Nach Ansicht des 72-jährigen Bemis besteht "eine dringende Notwendigkeit für eine neue Untersuchung". Die offizielle Untersuchungskommission war zu dem Ergebnis gekommen, dass Schäden an den Bugtüren des Schiffes zu dem Untergang geführt haben. Filmaufnahmen der Tauchgänge sollen jetzt im schwedischen Fernsehen gezeigt werden. Ob und wann das Material auch in Deutschland veröffentlicht werde, sei noch nicht klar, sagte Rabe.

Die Estonia war am 28. September 1994 auf dem Weg von Tallinn nach Stockholm gesunken. Bei dem Unglück starben 852 Menschen. Nur 137 Passagiere hatten das schwerste Schiffsunglück in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs überlebt. In der Vergangenheit hatte es entgegen dem offiziellen Untersuchungsbericht immer wieder Spekulationen über einen Anschlag auf die Ostseefähre gegeben. So hatte der britische Gutachter Michael Fellows erklärt, dass mehrere Explosionen den Untergang der Estonia verursacht haben könnten.



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