Unterlassungsklage gegen Fußballer Jérôme Boateng »Der Maßstab ist die Menschenwürde«

Vor dem Landgericht Berlin haben die Anwälte von Jérôme Boateng und der Mutter des verstorbenen Models Kasia Lenhardt verhandelt. Die Vorsitzende Richterin äußerte sich zu Beginn zu postmortalen Persönlichkeitsrechten.
Verhandlungsauftakt im Berliner Landgericht

Verhandlungsauftakt im Berliner Landgericht

Foto: Britta Pedersen / dpa

Im Sitzungssaal 100 des Berliner Landgerichts saßen sich am heutigen Dienstag die anwaltlichen Vertreter der Mutter von Kasia Lenhardt  und des Fußballers Jérôme Boateng in schwarzen Roben gegenüber. Gegenstand des Verfahrens: Die Äußerungen, die der ehemalige Nationalspieler im Februar 2021, wenige Tage vor dem Suizid der 25-jährigen Berlinerin, in der »Bild«-Zeitung getätigt hatte.

Zu Beginn des Verfahrens erklärte die Vorsitzende Richterin Katharina Saar, dass mit dem Tod eines Menschen nicht all dessen Persönlichkeitsrechte erlöschen. Ein kleiner Teil bliebe bestehen. Diesen allerdings geltend zu machen, dafür seien die Hürden für die nächsten Angehörigen höher als für die Betroffenen zu Lebzeiten. Werde das Lebensbild nachträglich gravierend verzerrt, betreffe das die postmortalen Persönlichkeitsrechte, sagte Saar. Das sei das, was die 27. Zivilkammer hier zu klären habe. »Der Maßstab ist die Menschenwürde«, sagte Saar.

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Kasias Mutter Adrianna Lenhardt möchte, dass das »Bild«-Interview und korrespondierende Berichte aus dem Internet verschwinden. Anders als Boateng bezeichnet sie die Aussagen als unwahr. Sie wolle vermeiden, so ihr Anwalt Markus Hennig, dass ihr Enkelsohn und die minderjährigen Halbgeschwister weiter diesem »Schmutz im Internet« ausgesetzt werden. Darum hat sie Boateng auf Unterlassung verklagt. Laut Hennig sei eine Löschung der Inhalte damit leichter zu erwirken. Eine außergerichtliche Einigung zwischen den Parteien ist bislang gescheitert.

Urteil frühestens im Juni

Laut seiner Anwältin Stephanie Vendt bedauert Boateng das Interview. Er habe kein Interesse daran, mit der Familie zu streiten. Lenhardts Anwalt Hennig wies darauf hin, dass das Verfahren vermeidbar gewesen wäre, hätte Boateng eine freiwillige Unterlassungserklärung abgegeben.

Lenhardt hat in ihrer Klage sechs Punkte aus dem Interview vorgebracht. Nur die letzten beiden, so das Gericht, hätten das Potenzial das Lebensbild der Verstorbenen grob zu verzerren. Es geht um Lügen, gefälschte Social Media Accounts und massive Alkoholprobleme. Das Bild, das Boateng dort zeichne, so die Richterin, werte Lenhardt insgesamt ab. Es sei aber nur dann eine Entstellung, wenn dieses grob von dem tatsächlichen Lebensbild abweiche. Dieses jedoch habe die Klägerseite bislang nicht ausreichend dargelegt.

Richterin Saar räumte der Klägerseite vier Wochen ein, um das nachzuholen. Mit einem Urteil ist frühestens im Juni zu rechnen.

nga/win