Unterstützung für "Nargis"-Opfer Uno schickt Helfer in Zyklon-Katastrophenzone

Zerstörte Häuser, blockierte Straßen, mehr als 10.000 Tote: Nach dem verheerenden Zyklon "Nargis" braucht Burma dringend Unterstützung. Die Militärjunta ließ allerdings kostbare Zeit verstreichen - erst jetzt dürfen Helfer ins Land.


Rangun - Fast zwei Tage lang äußerte sich die Militärregierung extrem zurückhaltend zu den Opferzahlen des Zyklons "Nargis" - an diesem Montag dann kam die schockierende Wahrheit ans Licht. Mehr als 10.000 Menschen sind in Burma durch den verheerenden Wirbelsturm gestorben. Die Uno spricht von mehreren hunderttausend Obdachlosen. Es ist eine Katastrophe für den isolierten südostasiatischen Staat.

In kurzen Abständen nach der Veröffentlichung der Opferzahlen trafen Hilfszusagen ein. Deutschland stellte zunächst 500.000 Euro als Soforthilfe für die "Nargis"-Opfer zur Verfügung, die EU-Kommission zwei Millionen Euro. Die Uno schickt ein Expertenteam von Thailand nach Burma, um den anlaufenden Großeinsatz zu koordinieren. Unterstützung soll auch aus den USA und Großbritannien, Thailand und Indien kommen.

"Unser tiefes Beileid gilt den Familien der vielen Getöteten", sagte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD). Unabhängig von der aktuellen Nothilfe setze die Bundesregierung ihren Einsatz für die Menschenrechte in Burma fort.

Das Auswärtige Amt erinnerte daran, dass die Militärregierung nach dem Tsunami Ende 2004 internationale Hilfe noch abgelehnt hatte - ein Hinweis darauf, dass die Lage jetzt dramatischer ist. Die Sprecherin des Uno-Büros für die Koordinierung humanitärer Hilfe (OCHA), Elizabeth Byrs, stellte in Genf fest, die Junta habe diesmal "ihre Bereitschaft zur Entgegennahme internationaler Hilfe gezeigt".

Harsche Töne kamen aus Washington: US-First Lady Laura Bush warf den burmanischen Militärmachthabern Versagen beim Zivilschutz vor. Obwohl die Behörden von der Bedrohung gewusst hätten, hätten die staatlichen burmanischen Medien keine rechtzeitige Warnung ausgegeben, sagte die Frau von US-Präsident George W. Bush am Montag. Viele Menschen in dem südostasiatischen Land hätten erst von ausländischen Sendern wie Radio Free Asia und Voice of America von den Sturmwarnungen erfahren. Die USA seien bereit zu helfen, bekräftigte Laura Bush. Ein Einsatz-Team und Hilfsgüter stünden bereit. Sie forderte Rangun auf, die internationalen Hilfsangeboten umgehend anzunehmen.

Bush forderte indirekt eine Verschiebung des für Sonntag in Birma geplanten Verfassungsreferendums. Sie werde der Regierung in Rangun keine Ratschläge erteilen, aber es wäre "sehr, sehr merkwürdig", wenn das Referendum stattfände.

"Unsere Helfer sind zum Teil selbst vom Zyklon betroffen"

Ein Team von fünf Katastrophenschutz-Experten werde von Bangkok aus in das Unglücksgebiet geschickt, teilte das Uno-Koordinationsbüro in Genf mit. Das Welternährungsprogramm (WFP) werde in Rangun 500 Tonnen Lebensmittel bereitstellen und aus Kambodscha Generatoren nach Burma liefern. In dem Katastrophen-Gebiet leben nach vorläufigen Schätzungen rund 24 Millionen Menschen. Der burmanische Außenminister Nyan Win sagte, 57 Schiffe seien beim Durchzug des Taifuns gesunken.

Deutsche Hilfsorganisationen haben zurzeit noch kein genaues Bild vom Ausmaß der Katastrophe: "Wir unterhalten seit 2001 drei Büros im Land, eines davon in Rangun", sagte Claudia Kamsinki von den Maltesern SPIEGEL ONLINE. Die Organisation hat zur Soforthilfe 10.000 Euro bereitgestellt, momentan ist aber nicht absehbar, in welcher Form diese Hilfe die Menschen vor Ort tatsächlich erreichen kann.

Burma: Der Zyklon traf vor allem das Irawadi-Delta
SPIEGEL ONLINE

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Allein in dem 4000-Einwohner-Ort Pyinzalu im südöstlichen Teil des Irawadi-Deltas haben nach Angaben eines Sprechers der Hilfsorganisation Adra Deutschland nur 400 Menschen überlebt. "Eine etwa 3,60 Meter hohe Flutwelle hat Pyinzalu überschwemmt und für mehrere Stunden unter Wasser gesetzt", berichtete Adra-Sprecher Heinz-Hartmut Wilfert. Unter den Vermissten seien auch 19 einheimische Mitarbeiter der Hilfsorganisation, die weltweit an Projekten der Entwicklungszusammenarbeit und der humanitären Hilfe in Katastrophenfällen beteiligt ist und der "Aktion Deutschland hilft" angehört.

"Unser Büro in Rangun ist selbst so schwer beschädigt, dass unsere Mitarbeiterin, die zum Glück unverletzt ist, in ein Hotel übersiedeln musste", sagt Malteser-Sprecherin Kamsinki. "Die 35 einheimischen Helfer sind zum Teil selbst von dem Zyklon betroffen, momentan ist nicht klar, wann sie wieder einsetzbar sind", so Kamsinki.

"Das ganze Ausmaß wird erst später sichtbar werden"

Das deutsche Büro in Köln könne selbst keinen Kontakt zur Mitarbeiterin vor Ort herstellen, sondern müsse warten, bis die sich telefonisch melde - "das ist momentan zwei Mal am Tag der Fall", sagte Kaminski. "Sie spricht von Tausenden Opfern, die genaue Zahl kennt derzeit niemand. Das ganze Ausmaß wird wohl erst im Laufe der Aufräumarbeiten sichtbar werden."

Die Malteser-Mitarbeiterin in Rangun, Birke Herzbruch, beschreibe die Situation als "dramatisch". Die Bevölkerung im Stadtteil Dawbon und in den ländlichen Slumgebieten von Tantabin unweit von Yangon werde mit Desinfektionstabletten für Wasser versorgt. "Das benötigen die Menschen derzeit besonders, denn auf eine solche Katastrophe war niemand vorbereitet, niemand hatte Vorräte", habe Herzbruch gesagt. Die Menschen in Rangun, die ihre Unterkünfte im Zyklon verloren haben, suchten Schutz in Schulen, Klöstern und in den wenigen Hotels der Stadt.

Orkan, Hurrikan, Zyklon und Taifun
Entstehung
Orkan, Hurrikan, Zyklon und Taifun sind im Grunde das gleiche Wetterphänomen. Bei allen vieren handelt es sich um Wirbelstürme, die entstehen, wenn sich um ein großes Tiefdruckgebiet ein Sturmfeld bildet. Je nach Stärke und Größe kann es erhebliche Verwüstungen anrichten.

Ein Orkan entsteht, wenn kalte Luft vom Nordpol auf warme Luft aus dem Süden trifft. An der Grenze, der sogenannten Polarfront, ziehen die Luftmassen aneinander vorbei. Dabei können Drehbewegungen entstehen, in deren Zentrum der Luftdruck stark abfällt und Tiefdruckwirbel mit starken Winden ausgelöst werden.

Tropische Wirbelstürme entstehen dagegen über aufgeheizten Wassermassen im Ozean. Die aufsteigende Luft erzeugt einen Unterdruck, der Luft aus der Umgebung ansaugt. Dieser Kamineffekt wird durch das warme Wasser weiter befeuert. Die Luftmassen werden durch die sogenannte Corioliskraft, die aus der Erdrotation entsteht, in Drehung versetzt.
Unterscheidung
Von Orkanen sprechen Seefahrer und Meteorologen ab Windstärke zwölf, dem höchsten Wert auf der nach dem britischen Admiral Francis Beaufort benannten Beaufort-Skala. Sie entspricht einer Geschwindigkeit von 117,7 Kilometern pro Stunde oder 64 Knoten. Solche Winde können nicht nur in Tiefdruckgebieten wie etwa "Kyrill", sondern auch örtlich begrenzt in Tornados auftreten.

Während der Begriff Orkan früher zusammenfassend für alle diese Phänomene benutzt wurde, bezeichnet er heute meist nur noch die Windstärke bei Stürmen in Europa. Ein tropischer Wirbelsturm wird dagegen Hurrikan oder Taifun genannt - je nachdem, ob er sich im Atlantik, dem Nordpazifik oder in der Karibik entwickelt und so zum Hurrikan wird oder aber im nordwestlichen Pazifik wütet und dann als Taifun gilt. Im Indischen Ozean wiederum wird ein Wirbelsturm auch Zyklon genannt.

Tropische Wirbelstürme entwickeln höhere Windgeschwindigkeiten als Winterstürme. Letztere besitzen dagegen breitere Sturmfelder und bewegen sich schneller fort, manchmal bis zu 2000 Kilometer pro Tag.
Gefahren
Wirbelstürme können die See zu Wellenhöhen von bis zu 20 Metern aufpeitschen. Im Binnenland sind sie wegen größerer Reibung am Boden dagegen selten, weshalb es dort meist nur zu Orkanböen kommt. Sie können selbst starke Bäume entwurzeln und schwere Verwüstungen verursachen. Der Hurrikan "Katrina" etwa, der im August 2005 New Orleans verwüstete und mehreren tausend Menschen das Leben kostete, wurde aus einem tropischen Tief geboren. In Asien lösen Taifune regelmäßig Katastrophen mit Hunderten Toten aus.

Zu vergleichbar schweren Katastrophen kam es in Europa noch nicht. Aber auch hier richteten Winterorkane schon erhebliche Schäden an und töteten Dutzende Menschen. Ende 1999 etwa zog der Orkan "Lothar" von der Biskaya kommend über Frankreich, die Schweiz und Süddeutschland und richtete einen Schaden in Milliardenhöhe an. Der Sturm traf mittags mit voller Wucht auf den Schwarzwald, mit Spitzengeschwindigkeiten von 272 km/h. Selbst in dem im tiefen Rheingraben gelegenen Karlsruhe wurden Werte von bis zu 151 km/h registriert. Mehr als 60 Menschen wurden europaweit durch den "Jahrhundertsturm" getötet.

Augenzeugen, die von britischen Medien erreicht wurden, schilderten, dass die Stadt Laputta zu bis zu 80 Prozent zerstört worden sei.

Der Sturm war vom Golf von Bengalen aufgezogen und am Freitagabend im Irawadi-Delta aufs Land getroffen. Die Böen erreichten Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 240 Kilometern pro Stunde. Tausende Gebäude wurden zerstört, unzählige Bäume entwurzelt und Stromleitungen zerrissen. Der Flughafen von Rangun blieb geschlossen. Die Regierung erklärte fünf Regionen zu Katastrophengebieten: Neben Rangun und Irawadi waren dies Bago sowie die Bundesstaaten Mon und Karen.

Der ehemalige schwedische Minister Jens Orback, der im Auftrag des Olof-Palme-Instituts die politischen Bedingungen in Burma vor dem für Samstag geplanten Referendum untersucht hatte, berichtete bei seiner Rückkehr von chaotischen Zuständen. Selbst in Rangun habe es bis zu zwölf Stunden gedauert, bevor die Behörden reagiert hätten, sagte er in der thailändischen Hauptstadt Bangkok. Die Menschen hätten sich gegenseitig geholfen, so gut es ging. In Rangun waren viele Mönche zu sehen, die bei der Räumung der Straßen mithalfen. Mehrere Tempel wurden in Notunterkünfte verwandelt.

flo/jdl/AFP/dpa

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