Flutkatastrophe in Deutschland Retter suchen in Unwettergebieten nach Vermissten

Der Starkregen hat aufgehört – doch die Lage in den überfluteten Regionen bleibt extrem angespannt. Von Dutzenden Menschen fehlt noch jede Spur. Mindestens 80 Menschen sind tot.
Fahrzeuge der Bundeswehr rücken in Altenahr an, um die Rettungsdienste zu unterstützen

Fahrzeuge der Bundeswehr rücken in Altenahr an, um die Rettungsdienste zu unterstützen

Foto: Thomas Frey / dpa

Die Aufräum- und Bergungsarbeiten nach der Hochwasserkatastrophe im Westen von Deutschland gehen am Freitag weiter. Noch werden Dutzende Menschen vermisst, nachdem stundenlanger Starkregen aus kleinen Flüssen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz reißende Wassermassen gemacht hatte. Auch die europäischen Nachbarländer sind betroffen. Aus der deutschen Bundes- und Landespolitik gibt es umfangreiche Zusagen für rasche Hilfen. Dabei ist der wirtschaftliche Schaden noch überhaupt nicht absehbar. Der Überblick:

Todesopfer und Vermisste:

Mindestens 80 Menschen kamen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz ums Leben. Rheinland-Pfalz meldete zuletzt mindestens 50 Tote. »Die Befürchtung ist, dass es noch mehr werden«, sagte ein Sprecher des Polizeipräsidiums Koblenz. Die Bergungsarbeiten liefen weiter.

Wie viele Menschen insbesondere in der Region um Bad Neuenahr-Ahrweiler noch vermisst werden, konnte der Sprecher nicht genau sagen. Der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz (SPD) hatte am Donnerstagabend davon gesprochen, dass das Schicksal von 40 bis 60 Menschen weiterhin ungeklärt sei.

Der Kreis Ahrweiler hatte sogar von 1300 noch vermissten Menschen im Kreisgebiet gesprochen. Eine Sprecherin erklärte das auch mit einem teilweise lahmgelegten Mobilfunknetz. Daher gebe es keinen Handyempfang und viele Menschen seien nicht erreichbar.

Schäden im Ort Schuld nahe Bad Neuenahr: Noch immer viele Menschen unauffindbar

Schäden im Ort Schuld nahe Bad Neuenahr: Noch immer viele Menschen unauffindbar

Foto: BERND LAUTER / AFP

In Nordrhein-Westfalen sprach das dortige Innenministerium am Donnerstagabend von 30 Toten und 57 Verletzten.

Die Rettungsarbeiten:

Rettungsarbeiten in Trier (Rheinland-Pfalz)

Rettungsarbeiten in Trier (Rheinland-Pfalz)

Foto: Sebastian Schmitt / dpa

In Nordrhein-Westfalen lief kurz vor Mitternacht die Rurtalsperre über. Dies geschah »mit einer geringen Dynamik«, wie der Wasserverband Eifel-Rur (WVER) mitteilte. Trotzdem sei im Unterlauf der Rur mit Überschwemmungen sowie Überflutungen von Häusern und Kellern zu rechnen. Der Wasserverband warnte, Menschen sollten sich nicht in Flussnähe aufhalten, da die Gefahr bestehe, mitgerissen zu werden. Auch sollten vollgelaufene Keller nicht betreten werden, weil die Gefahr von Stromschlägen bestehe. An besonders von Hochwasser betroffenen Stellen sei auch mit Evakuierungen zu rechnen.

Die Rettungskräfte setzen unterdessen die Suche nach Vermissten fort. Die Bundeswehr hat zur Unterstützung inzwischen rund 900 Soldaten in die Katastrophengebiete in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz geschickt. Im heftig betroffenen Kreis Euskirchen in NRW soll ein Gutachter am Freitag erneut die Steinbachtalsperre unter die Lupe nehmen. Der Wasserstand war am Donnerstagabend durch Abpumpen zwar gesunken. Die Brauchwasser-Talsperre, deren Damm tiefe Furchen aufweist, war von einem Sachverständigen am Vortag als »sehr instabil« eingestuft worden. Deswegen wurden aus Sicherheitsgründen mehrere Ortschaften evakuiert. Betroffen waren rund 4500 Einwohner. Insgesamt waren zuletzt laut Bundesinnenministerium rund 15.000 Rettungskräfte im Einsatz.

DER SPIEGEL

Auch das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) unterstützt die betroffenen Regionen in Deutschland unter anderem mit Satellitenbildern. »Erste Satellitenbilder aus den vom Unwetter betroffenen Gebieten werden seit heute Morgen aufgenommen. Diese Bilder werden, sobald verfügbar, den Beteiligten im Krisenmanagement zur Verfügung gestellt«, sagte Vizepräsident Thomas Herzog dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Das BBK kümmere sich zudem auch um die Koordinierung von Hilfen, beispielsweise von Helikoptern zur Rettung von Menschen oder Zapfstellen zur Abgabe von Trinkwasser.

Die Schäden:

Zerstörte Brücke in Speicher (Rheinland-Pfalz)

Zerstörte Brücke in Speicher (Rheinland-Pfalz)

Foto: Sebastian Schmitt / dpa

Der wirtschaftliche Schaden des Unwetters ließ sich noch nicht beziffern. Da eine ganze Reihe von Straßen und Brücken und auch Bahnlinien betroffen waren, dazu zahlreiche Häuser und auch Handwerksbetriebe zerstört wurden, dürften auch die wirtschaftlichen Auswirkungen massiv sein. Das Land Rheinland-Pfalz stellte als kurzfristige Unterstützung 50 Millionen Euro bereit, um etwa Schäden an Straßen, Brücken und anderen Bauwerken zu beheben.

Die politische Reaktion:

Angela Merkel und US-Präsident Joe Biden in Washington

Angela Merkel und US-Präsident Joe Biden in Washington

Foto: SHAWN THEW / EPA

Das nordrhein-westfälische Kabinett berät am Freitag (10.00 Uhr) in einer Sondersitzung über die Lage und Hilfen für die betroffenen Kommunen. Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) sagte am Donnerstagabend im ZDF, es müssten Wege gefunden werden, sehr schnell wieder Straßen, Brücken und andere Infrastruktur in Gang zu setzen. Das Land werde helfen, nötig sei aber auch »eine große nationale Kraftanstrengung, damit schnell die schlimmsten Dinge beseitigt werden«.

Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) will sich am Freitagmorgen (8.30 Uhr) in Trier über die Situation in ihrer Heimatstadt informieren. Wegen des starken Hochwassers im Mosel-Nebenfluss Kyll waren in Trier und Umgebung am Donnerstag Tausende Menschen in Sicherheit gebracht worden, auch ein Krankenhaus musste evakuiert werden. An allen Behörden in Rheinland-Pfalz werden die Fahnen am Freitag auf halbmast gesetzt.

Auch die Bundesregierung plant Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) zufolge ein Hilfsprogramm. Kanzlerin Merkel versicherte bei ihrem Besuch in den USA mit Blick auf die Betroffenen: »Wir werden sie in dieser schwierigen, schrecklichen Stunde nicht alleine lassen und werden auch helfen, wenn es um den Wiederaufbau geht.« Bundeskanzlerin Angela Merkel ließ sich nach eigenen Angaben fortlaufend über die Lage in den Hochwassergebieten informieren. Sie sicherte den Betroffenen schnelle Hilfe zu.

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Grünenchef Robert Habeck sprach sich für die Auflage eines Hilfsfonds aus. »Ich fände es richtig, wenn wir jetzt sehr schnell einen Hilfsfonds auflegen, wie es 2013 auch nach dem großen Elbhochwasser der Fall war«, sagte er der »Welt«. »Wir müssen den Menschen in einer solchen Notsituation schnell und unbürokratisch unter die Arme greifen, und ein Teil des Geldes dafür muss aus dem Bundeshaushalt kommen.« SPD-Chef Norbert Walter-Borjans sagte der Nachrichtenagentur dpa, die Menschen, die um ihre finanzielle Existenz fürchteten, bräuchten schnell Klarheit. Aufräumarbeiten und Wiederaufbau gelängen nur mit großer Solidarität.

Die Lage in den Nachbarländern:

Foto: ARND WIEGMANN / REUTERS

Ebenfalls mit Hochwasser zu kämpfen haben Nachbarstaaten Deutschlands. In der Schweiz stiegen Flusspegel nach starken Regenfällen stark an. Im Kanton Schaffhausen überschwemmten laut der Nachrichtenagentur Keystone-sda angeschwollene Bäche die Dörfer Schleitheim und Beggingen. Wassermassen flossen durch Straßen, in Keller, rissen Fahrzeuge mit und zerstörten kleinere Brücken. In Belgien wurden entlang der Maas vorbeugend Menschen aus einigen Gemeinden in Sicherheit gebracht, wie die Nachrichtenagentur Belga meldete.

jok/dpa
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