Unwetterwarnungen in Deutschland Sturmtief "Petra" sorgt für Schneealarm

Massenhaft Neuschnee wird in dieser Nacht über Deutschland erwartet. In zwölf Bundesländern gibt es Unwetterwarnungen. Auf den Straßen droht Chaos, die Autobahnen in Nordrhein-Westfalen wurden für Lastwagen gesperrt. Der Flughafen in Frankfurt musste vorübergehend schließen.

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Hamburg - Eine gewaltige Schneefront ist am Donnerstag über Deutschland hinweggezogen. Auf der Warnkarte des Deutschen Wetterdienstes (DWD) sind große Teile Deutschlands rot eingefärbt, ausgespart blieben Teile von Bayern, in einigen Ländern des Ostens galt eine niedrigere Warnstufe: Für 12 der 16 Bundesländer gab der DWD nun Unwetterwarnungen heraus.

Sturmtief "Petra" wird aus Nordwesten kommend erneut von Schleswig-Holstein bis nach Bayern massive Schneefälle und Schneeverwehungen bringen. Innerhalb von zwölf Stunden werden zwischen 10 und 15 Zentimeter Neuschnee erwartet. Es sei mit einer Ausdehnung und einer Verlängerung der Warnungen zu rechnen, sagte DWD-Meteorologin Dorothea Paetzold. Windstärken von bis zu 85 Kilometern pro Stunde in Küstennähe und 65 Kilometern pro Stunde im Binnenland sind angekündigt. In den Bergen drohen Sturmböen.

Die Behörden in Nordrhein-Westfalen haben alle Autobahnen im Land für Lastwagen gesperrt. Das teilte das Landesamt für zentrale polizeiliche Dienste am Donnerstag in Duisburg mit. Das Verbot für Laster über 7,5 Tonnen gelte "bis auf weiteres". Bei massiven Schneefällen kam der Verkehr auf mehreren Abschnitten der Autobahnen zeitweise völlig zum Erliegen. "Ursächlich hierfür waren insbesondere querstehende und liegengebliebene Lastkraftwagen", erklärte das Landesamt. Räum- und Streudienste seien nicht mehr durchgekommen.

Von Mittag bis zum Abend wurden in NRW am Donnerstag 811 witterungsbedingte Verkehrsunfälle gezählt. Sieben Menschen wurden schwer verletzt.

Der größte deutschen Flughafen in Frankfurt musste am späten Donnerstagabend für gut eine Stunde geschlossen werden, damit die Rollfelder ungestört gestreut und vom Schnee geräumt werden konnten. Bis zu diesem Zeitpunkt kam es bereits auf zahlreichen Verbindungen zu Verspätungen und Ausfällen, mehr als 230 Flüge wurden annulliert. Um kurz vor Mitternacht lief der Flugverkehr wieder an.

Am Flughafen Hahn bereitete sich das Deutsche Rote Kreuz auf einen Großeinsatz vor. In Sprendlingen würden 300 Feldbetten, Decken und Schlafsäcke bereitgestellt, sagte der Sprecher des Lagezentrums. Der Flughafen habe das Material angefordert, da mit Flugausfällen gerechnet werde. Auch an den Flughäfen Stuttgart, Düsseldorf und Köln/Bonn sollten Feldbetten und eine Höchstbesetzung an Personal zur Verfügung stehen.

Mangelware in den Baumärkten: Streusalz, Schneeschieber, Eiskratzer

Der DWD bezeichnet die bisherigen Schneemengen als durchaus ungewöhnlich. In Sachsen und Thüringen seien "Rekordschneemengen" gefallen, und es soll noch mehr dazukommen. Schnee und Eis könnten also weiterhin Probleme machen: In Baumärkten werden Streusalz, Schneeschieber und Eiskratzer knapp. "In einigen Märkten sind die Regale schon leer", sagte der Sprecher des Bundesverbands Deutscher Heimwerker-, Bau- und Gartenfachmärkte in Köln, Stefan Michell.

Die Stadt Regensburg kann wegen Streusalz-Mangels seit Mittwoch nur noch einen eingeschränkten Winterdienst fahren. Die Räumfahrzeuge der Stadt hätten in den ersten beiden Dezemberwochen bereits rund tausend Tonnen Streusalz ausgebracht. Damit seien bereits zwei Drittel der Jahresvorräte erschöpft, teilte die Stadtverwaltung mit. Auch im Harz droht Streusalzmangel.

Seit dem Wintereinbruch Ende November passieren jeden Tag zahlreiche Unfälle auf schneeglatten Straßen, einige davon mit schlimmem Ausgang. Im Landkreis Börde in Sachsen-Anhalt starb am Donnerstag eine 23-jährige Autofahrerin, als ein anderer Autofahrer auf schneeglatter Fahrbahn mit zu hoher Geschwindigkeit auf die Gegenfahrbahn geriet und frontal mit ihrem Auto zusammenstieß. Bereits am Mittwoch waren im unterfränkischen Miltenberg ein 16-jähriger Junge und ein Busfahrer ums Leben gekommen, weil der Bus auf glatter Straße ins Schleudern kam und eine Hauswand durchbrach.

In Bayern starb eine 27-Jährige, die mit ihrem Auto auf schneeglatter Straße auf die Gegenfahrbahn geriet und gegen einen Lastwagen fuhr. Der ADAC kritisierte den Leichtsinn vieler Autofahrer. "Sie fahren zu dicht auf und mit zu hoher Geschwindigkeit", sagte ADAC-Sprecher Maximilian Maurer in München. "Wenn die Straße gut gesalzen ist und es mal voran geht, denken die Autofahrer nicht dran, dass sie auch wieder bremsen müssen."

Temperaturen bis minus 24 Grad

In der Nacht zum Donnerstag war es in vielen Regionen knackig kalt. Nach Angaben des Wetterdienstes Meteomedia zeigte das Thermometer in Haidmühle im Bayerischen Wald bis zu minus 24 Grad. Minus 18 Grad wurden am östlichen Stadtrand Berlins gemessen. Auch von Nordrhein-Westfalen über Hessen bis Thüringen und einige Regionen Bayerns erreichten die Werte vielerorts minus 10 bis minus 15 Grad.

In Rheinland-Pfalz drückten die Landtagsabgeordneten aus Angst vor dem Schnee auf die Tube: Sie verabschiedeten in Mainz in Rekordzeit den Haushalt 2011 und die Verankerung der Schuldenbremse in der Landesverfassung. Die Sitzung endete am frühen Nachmittag - rund drei Stunden eher als geplant. Landtagspräsident Joachim Mertes (SPD) sagte: "Das zeigt, dass es eigentlich immer so schnell gehen könnte."

Auch in anderen Ländern Europas herrschte eisiges Winterwetter. In den Bergregionen Italiens gab es Kälterekorde. Auf dem Cimabanche-Pass in den Dolomiten wurden minus 22 Grad gemessen, auf der Punta Helbronner im Aostatal minus 25 Grad. In Mittel- und Süditalien behinderte Schnee den Verkehr. In einigen Regionen Griechenland blieben wegen des Schnees die Schulen geschlossen. Zahlreiche Landstraßen waren nur mit Schneeketten befahrbar, wegen des heftigen Windes fielen Fährverbindungen in der nördlichen Ägäis aus.

In Bulgarien hatten zahlreiche Orte keinen Strom mehr, weil ein Schneesturm die Leitungen beschädigt hatte. Im Süden und Westen blieben etliche Autos auf verschneiten Landstraßen stecken. Auch in Tschechien wurden wichtige Verkehrsverbindungen lahmgelegt. Mehrere Autobahnen waren schon seit Mittwoch gesperrt. In der Nacht fielen die Temperaturen bis auf minus 31 Grad im nordböhmischen Jizerka. Eisenbahnschienen wurden brüchig.

Für die Feiertage deutet sich in den Computermodellen für Deutschland eine Milderung an, sagte die DWD-Meteorologin Dorothea Paetzold. Das wäre das bei Meteorologen bekannte "Weihnachtstauwetter", das im vergangenen Jahr die weiße Pracht rasch hatte schmelzen lassen. Oft gibt es in Deutschland um die Feiertage einen solchen Warmlufteinbruch. Genaue Prognosen seien aber erst vier Tage im Voraus möglich, betonte Paetzold.

jjc/dpa/dapd



insgesamt 41 Beiträge
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tlogor 16.12.2010
1. Unglaublich
10-15 m Schnee, dass gabs noch nie. Eine Unwetterwarnung ist berechtigt. Oder habe ich jetzt die falsche Einheit?
MikeNaeheHamburg 16.12.2010
2. Titel vergessen
Ja nun .. es ist Winter. Hier in Hamburg (mein Nick täuscht) merkt man davon relativ wenig. Schlimm ist es wahrscheinlich (mal wieder) außerhalb, besonders im MVP und Schleswig-Holstein. Manche Umstände sind wohl auch hausgemacht. Seitdem die Bauern auf ihren Feldern vor ein paar Jahren die sog. Knicks (für Nichtnorddeutsche: die Umfriedungen der Felder aus niedrig wachsenden Hölzern) großflächig abgeholzt haben, gibt es erst diese massiven Schneeverwehungen bei ein paar Zentimetern Schnee. Und letzten Winter fragte irgendein Reporter mal jemanden von Straßendienst, warum dann nicht künstliche Zäune aufgestellt würden, die den Schnee von den Straßen abhalten könnten. Die Antwort war sinngemäß: Das machen wir, aber die werden immer geklaut und dann an den Feldrändern als Zaunersatz genutzt ... ohne Worte.
hypermental 16.12.2010
3. Jeden Winter der gleiche Mist...
Jedes Jahr das gleiche: Die Leute verfallen angesichts einiger Schneeflocken in Panik und verlernen jedes mal über den Sommer erneut das Autofahren unter Winterbedingungen...
smergol 16.12.2010
4. Schneechaos???
Exakte Prognose: Hier im Raum Hannover z.B. schneit es seit heute morgen...überhaupt nicht! Und das in den Märkten das Streusalz knapp wird ist auch nicht verwunderlich, denn schon Anfang des Jahres sprach man ( auch SPON ) von einem "Jahrhundertwinter" und, liebe Logistiker und Disponenten, wann käme dann demzufolge der nächste "Jahrhundertwinter"....? Na...? Also keinen Vorwurf an Euch...
Matthias Hofmann 16.12.2010
5. Nichts gelernt. - Es ist wirklich nicht zu fassen!
Zitat von sysopMassenhaft Neuschnee*wird in*dieser Nacht über Deutschland erwartet.*In zwölf Bundesländern gibt es Unwetterwarnungen. Streusalzlager sind leer gekauft, auf den Straßen droht Chaos, die Flughäfen fürchten größeren Problemen. Hilfsorganisationen rechnen mit Großeinsätzen. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,735137,00.html
schon im letzten Jahr haben die Räumdienste Salzmangel beklagt. Es wurde damals Abhilfe versprochen. Offenbar geht alles "seinen gewohnten Gang" und - wie wir soeben vernehmen - ist das Salz Mitte Dezember zu Ende... Wenn man dann erfährt, welchen Kuhhandel Herr Ramsauer mit den Speditionen gemacht hat (von wegen Winterreifen) dann kommt man sich als Normalbürger schon richtig blöd vor, daß man viel Geld für neue Winterreifen ausgegeben hat. Die nützen angesichts der quer stehenden Lastwagen natürlich nichts.
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