US-amerikanischer Taliban-Kämpfer Nur wer noch stehen konnte, überlebte

Bei dem Gefangenenaufstand in der Festung Masar-i-Scharif sind Hunderte Menschen ums Leben gekommen. Doch einige Taliban-Kämpfer haben die tagelangen Kämpfe überlebt. Darunter ist auch ein US-Amerikaner, der an der Seite der Mudschahidin kämpfte.


Überlebender Taliban in Masar-i-Scharif
AP

Überlebender Taliban in Masar-i-Scharif

Der dünne Mann, der barfuß in einer Gruppe Gefangener der Nordallianz sitzt, ist verletzt. Er hat Schusswunden am rechten Bein und am linken Fuß, sein Gesicht ist mit schwarzen Krusten bedeckt. Seine Hände sind auf den Rücken gebunden - so wie bei den anderen Taliban-Kämpfern auch, die den Gefangenenaufstand von Masar-i-Scharif überlebten. Abdul Hamid, 20, ist Amerikaner. Laut Medienangaben soll er John Walker heißen, aus der Region um Washington D.C. stammen.

Gegenüber dem US-Magazin "Newsweek" erzählte Hamid, er sei mit 16 Jahren zum Islam übergetreten, habe später in Pakistan den Koran studiert und auf seinen Reisen Bekanntschaft mit den Taliban und deren Lehren gemacht. Vor rund sechs Monaten habe er sich den afghanischen Taliban angeschlossen, weil es die einzige Regierung sei, die für die Einhaltung islamischer Gesetze sorge. "Sie haben mein Herz erobert."

Zu dem Gefangenenaufstand, bei dem vor einigen Tagen mehrere hundert Taliban-Kämpfer in der Festung Masar-i-Scharif getötet worden waren, sagte Hamid, er habe gedacht, dass sie alle sterben würden. "Ich habe dort zwei Amerikaner gesehen. Sie hatten digitale Kameras, mit denen sie fotografiert und gefilmt haben. Sie waren da, um uns zu verhören." Plötzlich hätte einer der Gefangenen eine Waffe gehabt, den Bewachern die Waffen abgenommen und angefangen zu schießen. "Ich weiß wirklich nicht, wie es passiert ist. Als ich die Schüsse und die Schreie hörte, bin ich sofort losgerannt. Dann wurde ich am Bein getroffen."

Einer der beiden Amerikaner, der CIA-Agent Mike Spann, wurde von den Gefangenen verprügelt, vermutlich erschlagen. Dann schossen Talibankämpfer auf den leblosen Körper. Dem anderen Amerikaner gelang die Flucht.

Das folgende Bombardement der US-Jets sei entsetzlich gewesen. "Fast alle waren verwundet." Die Nordallianz-Truppen hätten Diesel-Kraftstoff in die Keller der Festung gepumpt, in denen sich die Taliban versteckt hatten. Dann zündeten sie das explosive Gemisch an. Trotz der Flammen und des Rauches überlebten rund 100 Männer bis Donnerstag. Als die Nordallianz-Kämpfer die Totgeglaubten bemerkten, feuerten sie Raketen in die unterirdischen Gewölbe. "Die Geschosse explodierten in den Gängen. Überall lagen Leichenteile. Aber wir hatten uns in den Zellen versteckt und überlebten auch das." Am Freitag schließlich hätten die Nordallianz-Kämpfer die Kellerräume geflutet. "Wir verbrachten die Nacht im eiskalten Wasser," sagte Hamid. "Nur wer noch stehen konnte, überlebte. Die anderen sind ertrunken." Am Samstagmorgen hätten sie schließlich aufgegeben.

Was nun mit Abdul Hamid alias John Walker geschehen wird, ist unklar. Möglicherweise muss er sich vor einem US-Militärgericht verantworten.



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