US-Bundesstaat Iowa Wassermassen überfluten viele Städte

Der US-Bundesstaat Iowa erlebt die schlimmsten Überflutungen seit 15 Jahren: Ganze Städte versinken in der schmutzigen Brühe. Experten befürchten Schäden in Milliardenhöhe - und Auswirkungen auf die Nahrungsmittelpreise. Bisher starben mindestens 20 Menschen.


Iowa - Das Wetter diese Woche war schlecht im US-amerikanischen Mittelwesten. Inzwischen verzeichnen dort neun Flüsse Rekordpegelstände, manche Gegenden bekamen in wenigen Stunden dauernden Unwettern mehr Niederschläge ab, als sie sonst im Jahr registrieren. Bereits am Mittwoch kamen durch einen Tornado vier jugendliche Pfadfinder ums Leben. Immer deutlicher zeichnete sich ab, dass diese zweite Juniwoche mit einer Wetterkatastrophe in die Geschichte eingehen würde.

Cedar Rapids am Cedar River mit seinen rund 200.000 Einwohnern versank nahezu im Wasser. Kurz darauf wurden große Teile von Iowa City überschwemmt, die Bürger von Iowas größter Stadt Des Moines wurden Freitagabend gedrängt, ihre Häuser vorsorglich zu verlassen. Immer mehr Gemeinden, denen sich die Hochwasserflutwellen nähern, stehen nun vor der Frage: Sandsäcke stapeln oder evakuieren?

Und das nicht nur in Iowa. Betroffen sind auch die Bundesstaaten Wisconsin, Michigan, Indiana, Minnesota und Illinois. Immer lauter, immer öfter wird gefragt, ob dieses Jahr ein "zweites 1993" werden könne: Damals schwemmten anhaltende Fluten den Besitz zahlloser Menschen hinweg, verursachten Sachschäden in Höhe von mehr als 20 Milliarden Dollar.

"Das sieht aus wie 'Katrina'", sagten Einwohner von Cedar Rapids jetzt in einem Interview.

Mehr als zehntausend Menschen in Notunterkünften

Schon jetzt summieren sich die Schäden. 53 Orte seien weiterhin von "großen Überschwemungen" bedroht, teilte der Nationale Wetterdienst am Freitag mit. Die Überflutungen und steigende Flusspegel würden bereits seit zehn Tagen bekämpft, sagte Bret Voorhees, Sprecher des Heimatschutzministeriums von Iowa. Bislang starben mindestens 20 Menschen durch die Fluten, allein 15 im Bundesstaat Iowa.

Zu den Personenschäden und der Überflutung ausgedehnter Wohngebiete kommen die Kosten, die Stürme und Fluten durch die Störung des Wirtschaftsleben der betroffenen Staaten verursachen.

Rund 500 Flusskilometer des Mississippis, in den sich die meisten der Hochwasserflüsse ergießen, stehen vor der Sperrung des Schiffsverkehrs. Der Fluss aber ist einer der Haupttransportwege für Industriegüter und Nahrungsmittel in der Region. Bereits am Freitag erklärte die amerikanische Katastrophenschutzbehörde Fema 83 der 99 Bezirke von Iowa zum Notstandsgebiet.

Die Behörden sprechen von mindestens 20 Toten, Einzelheiten sind bisher nur wenige bekannt: In einem Fall ertrank ein Pkw-Fahrer in seinem Fahrzeug, als eine Straße überflutet wurde, im anderen wurde ein Landwirt von den Fluten fortgerissen. Mehr als 10.000 Menschen allein aus Cedar Rapids leben zurzeit in Notunterkünften. Erste Schätzungen zufolge belaufen sich für die Gemeinde die Schäden an Gebäuden auf mindestens 700 Millionen Dollar. Für eine echte Inventur der Schäden aber ist es zu früh: Selbst wenn es zu keinerlei Niederschlägen mehr käme, wird es Tage dauern, bis die Pegel sich senken.

Historische Rekordflut

Denn sie stehen auf wahren Rekordhöhen. In Cedar Rapids erreichten sie am Freitag ein Niveau, das mehr als 30 Prozent über dem lag, das im Katastrophenjahr 1993 erreicht wurde. Experten wundert das nicht: Die Flut sei ja längst permanent. Hochwassermarken würden mittlerweile rund ums Jahr fast ständig erreicht.

Nun, heißt es in einem Kommentar der "New York Times" Online, trügen die Fluten weiter zur Erosion bei. Denn Schäden beschränkten sich nicht nur auf Gebäude und Infrastruktur: Die Fluten rissen Mutterboden hinweg, der über den Mississippi im Golf von Mexiko lande - und diese in Teilen bereits tote maritime Zone weiter schädige, weil die dreckige Flut mit Düngern und anderen Chemikalien gesättigt sei.

So komme ein ökologischer Schaden zum ökonomischen, der schon hoch genug ausfallen dürfte: Experten erwarten den Ausfall eines guten Teils der Maisernte - mit möglichen Auswirkungen auf den Preis am Weltmarkt.

Mais aber hat im vergangenen Jahr schon mehr als eine Verdoppelung seines Preises erlebt und damit teils gewalttätige Unruhen in ärmeren Ländern verursacht. Jetzt könnte der Maispreis sogar für die preistreibende Treibstoffindustrie, die das anderenorts lebenswichtige Nahrungsmittel gern zu Diesel verarbeitet, zum Problem werden.

Nach Angaben des Nationalen Wetterdienstes werden für die kommende Woche weitere Regenfälle erwartet. Der Fluss, der große Teile der Stadt Cedar Rapids in Iowa überschwemmt hatte, befinde sich auf einem Rekordpegel von neuneinhalb Metern, der bis Ende der kommenden Woche voraussichtlich nicht sinken werde.

In zehn Landkreisen wurden Einwohner von den Behörden zum Verlassen ihrer Häuser aufgefordert. In Cedar Rapids waren viele Häuser nur noch mit dem Boot erreichbar. Begonnen hatte das Unwetter mit einem Tornado am 25. Mai. Danach hatte es praktisch unentwegt geregnet.

Brian Fagan, Bürgermeister von Cedar Rapids, brachte all das in einem düsteren Satz auf den Punkt: "In der näheren Zukunft", sagte er in einem Interview, "stehen uns harte Zeiten bevor."

pat/AP



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