Mit Pulitzerpreis ausgezeichnetes Buch Schulbehörde in Tennessee streicht Holocaust-Comic »Maus« aus dem Lehrplan

Der Zeichner Art Spiegelman schilderte in einem Comic, wie seine Eltern Auschwitz überlebten. Es wurde ein Weltbestseller – doch eine Schulbehörde in den USA sorgt sich, es könne Kinder »indoktrinieren«.
Holocaust-Comic Maus: »Wenn ich versuchen würde, die Kinder von jemandem zu indoktrinieren, würde ich es genau so machen«

Holocaust-Comic Maus: »Wenn ich versuchen würde, die Kinder von jemandem zu indoktrinieren, würde ich es genau so machen«

Foto: Thomas Lehne / DER SPIEGEL

Am 10. Januar tagt die Schulbehörde des Bezirks McMinn im US-Bundesstaat Tennessee. Auf der Agenda steht nur ein Punkt: ob das Comicbuch »Maus« des Autors Art Spiegelman weiterhin Teil des Lehrplans sein soll, um Achtklässlerinnen und Achtklässlern den Holocaust nahezubringen.

In »Maus« schildert Spiegelman die Geschichte seiner Eltern, die während des Zweiten Weltkriegs nach Auschwitz-Birkenau verschleppt wurden. Jüdinnen und Juden zeichnete er als Mäuse, die Deutschen als Katzen. Seine Eltern überlebten den Holocaust, ihr ältester Sohn starb.

Spiegelman kam nach dem Kriegsende zur Welt, in dem Comic verarbeitet er seine Familiengeschichte. Das Buch wurde 1992 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet. Doch die Schulbehörde von McMinn hält das Buch für gefährlich.

Erst geht es um acht Wörter und eine Zeichnung – dann um ein Verbot

»Es findet sich einiges an unangemessener Sprache in dem Buch«, eröffnet der für alle Schulen des Bezirks zuständige Leiter, Lee Parkison, die Sitzung.

Im Buch kommen unter anderem die Worte »Gottverdammt« und »Miststück« vor.

»Ich habe mich mit unserem Anwalt ausgetauscht«, sagt Schulleiter Parkison. »Wir haben uns entschieden, die beste Lösung wäre es, die Begriffe zu bearbeiten.«

Das Treffen beginnt mit einer Diskussion über acht Wörter und die Zeichnung einer nackten Frau. Doch die Sitzung endet nicht damit, dass die Worte gestrichen werden. Stattdessen weitet sich die Debatte schnell aus, und letztlich entscheidet das Gremium, das Buch aus dem Lehrplan zu streichen.

Die Behörde hat den Austausch protokolliert . Der Fall zeigt eine Debatte, die in vielen Schulbehörden der USA inzwischen immer wieder vorkommt – rund um die Frage, was »angemessen« ist, und ob Kinder und Jugendliche bestimmten Ideen, Worten und Gedanken ausgesetzt werden sollten.

»Aber wir sprechen hier über Wörter, für die ein Schüler, wenn er sie auf dem Flur sagen würde, eine Strafe bekäme.«

Tony Allman, Schulbehörde des Bezirks McMinn

»Es zeigt Menschen, die gehängt werden, es zeigt Menschen, die Kinder töten. Warum fördert das Bildungssystem so etwas?«, fragt eines der Mitglieder des Gremiums, Tony Allman.

Die Lehrerin Julie Goodin, die nicht Teil des Gremiums ist, antwortet Allman: »Ich war Geschichtslehrerin, und nichts ist schön am Holocaust.« Spiegelman habe das Beste getan, um die Ereignisse zu schildern. »Wir sind fast 80 Jahre vom Holocaust entfernt. Es ist schwierig für diese Generation, sie waren nicht mal geboren, als 9/11 passierte. Für mich war das sein Weg, die Botschaft rüberzubringen.«

»Ich verstehe, dass die Kinder im Fernsehen oder zu Hause Schlimmeres hören«, antwortet Allman. »Aber wir sprechen hier über Wörter, für die ein Schüler, wenn er sie auf dem Flur sagen würde, eine Strafe bekäme. Und jetzt sollen wir ihnen diese Worte beibringen – obwohl sie gegen unsere Regeln verstoßen?«

»Ich könnte mich täuschen, aber dieser Typ, der das Buch gezeichnet hat, hat auch für den ›Playboy‹ gezeichnet.«

Tony Allman, Schulbehörde des Bezirks McMinn

Eine weitere Lehrerin wendet ein: »Menschen wurden an Bäumen erhängt, Menschen begingen Selbstmord und Menschen wurden ermordet, mehr als sechs Millionen Menschen.« Sie halte die Sprache für angemessen, um das Geschehene zu schildern. Auch sie ist nicht Mitglied in dem Gremium.

Allman antwortet, er verstehe, dass der Holocaust entsetzlich und brutal gewesen sei. Doch das Buch komme auch ohne die Profanität aus. »Ich könnte mich täuschen, aber dieser Typ, der das Buch gezeichnet hat, hat auch für den ›Playboy‹ gezeichnet«, sagt er. Spiegelman zeichnete mehrere Cartoons für das Männermagazin.

»Wenn ich ein Kind in der achten Klasse hätte, würde ich das nicht zulassen«, sagt Allman. »Ich würde mein Kind aus der Schule nehmen oder es zu Hause unterrichten. Aber das würde ich nicht zulassen.«

Sorge vor »Indoktrination« der Kinder

Schließlich schlägt ein Mitglied vor, das Buch vom Lehrplan zu streichen. Der Grund: »Das Buch verletzt die Sprachregeln unserer Schulen. Wenn jemand im Schulbus sagen würde: ›Ich bringe dich um‹, würden wir dieses Kind bestrafen. Und dann könnte jemand dieses Buch vorlegen und sagen: ›Diese Begrifflichkeiten hat das Kind in der Schule gelernt‹«.

Ein weiteres Mitglied unterstützt den Vorschlag: »Der gesamte Lehrplan ist entwickelt, um Sexualität zu normalisieren, Nacktheit und profane Sprache zu normalisieren. Wenn ich versuchen würde, die Kinder von jemandem zu indoktrinieren, würde ich es genau so machen. Du packst das Zeug gerade so an den Rand, damit die Eltern es nicht merken, aber die Kinder saugen es auf.«

Nach einer längeren Debatte fragt eine Teilnehmerin: »Wir haben hier den Antrag vorliegen, das Buch komplett aus dem Lehrplan zu streichen. Keine weitere Diskussion?«

Keine weitere Diskussion – das Gremium stimmt ab. Die Entscheidung erfolgt einstimmig: zehn zu null.

Autor Spiegelman nennt die Entscheidung »orwellianisch«

Der Fall macht in den USA nun Schlagzeilen. In einem Interview mit CNBC sagte »Maus«-Autor Spiegelman, er sei verblüfft über die Entscheidung. Er habe durch einen Tweet am Mittwoch  von dem Verbot erfahren. »Mir stand der Mund offen, ich fragte mich nur: ›Was?‹«, sagte Spiegelman dem US-Sender CNBC .

Die Entscheidung der Behörde sei »orwellianisch«, eine Anspielung auf den dystopischen Roman »1984« von George Orwell, in dem ein Überwachungsstaat versucht zu entscheiden, was als wahr und was als unwahr gilt.

In den Schulverwaltungen der USA kommt es immer wieder zu Debatten darum, was im Lehrplan stehen soll, was für Bücher oder Inhalte angemessen sind. Im November beschloss eine Schulbehörde eines Bezirks in Texas, Bücher mit »sexualisiertem Inhalt« aus der Schulbibliothek zu entfernen und verbrennen zu lassen. Nach Protesten von Schülerinnen und Schülern, Eltern und der Lehrerschaft nahm die Behörde die Entscheidung zurück.

has