US-Furcht vor Flüchtlingen Gefangen in der Katastrophenzone

"Baby Jean" hat es geschafft. Das vier Monate alte Waisenmädchen ist in Florida in Sicherheit - nach einer rabiaten Rettungsaktion durch US-Helfer. Tausenden anderen Kindern droht der Tod: Washington fürchtet einen Ansturm von Flüchtlingen und lässt kaum Haitianer ins Land.

Aus Miami berichtet


Es hat keinen Namen, keine Eltern, kein Zuhause. 85 Stunden ist das Beben in Haiti her, da graben Suchtrupps ein vier Monate altes Mädchen aus den Trümmern von Port-au-Prince. Es hat gebrochene Rippen. Es ist schwer verletzt. Aber es lebt.

Damit es den Rettern nicht unter den Händen stirbt, muss das Baby nach Florida ausgeflogen werden. Die US-Hilfsgruppe Medishare bringt es durch alle Einwanderungssperren nach Fort Lauderdale. Jetzt liegt es in Miami im Jackson Memorial Hospital - die Retter haben es "Baby Jean" getauft.

Das Mädchen ist eine Ausnahme. Tausende Kleinkinder wurden durch das Beben in Haiti verletzt, brauchen dringend Ärzte, Medikamente, müssen operiert werden, vielen droht der Tod. Doch nur ein einziges Baby schaffte es bisher in die USA.

Insgesamt wurden bisher wegen der Einwanderungsbestimmungen erst zwei Dutzend verletzte Haitianer ins Land gelassen. Auch ob "Baby Jean" nach seiner Genesung bleiben darf, ist offen. Der Immigrantenstatus des Mädchens ist ungeklärt, wie es in der Behördensprache heißt. Zum Vergleich: Bis Montagnachmittag wurden 2971 US-Bürger ausgeflogen.

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Haiti: USA fürchten Flüchtlingsströme
Die Zahlen offenbaren eine krasse Kluft zwischen der grenzenlosen Hilfsbereitschaft der USA in diesen Tagen und dem Ausländerrecht. "Wir können keinen einzigen haitianischen Patienten in die USA bringen", sagt Chirurg John McDonald der Londoner "Times".

Er versucht mit einem Team der University of Miami, in Haiti Patienten zu betreuen - und prangert die geltenden US-Gesetze an: "Unser Land behandelt die Haitianer wie Dreck. Sie landen, sie werden zurückgeschickt. Wenn Kubaner landen, eröffnen sie Restaurants." Nach den US-Gesetzen werden illegale Einwanderer aus Haiti in der Regel deportiert, anders als zum Beispiel kubanische Flüchtlinge, die Asyl bekommen, so sie es in die USA schaffen.

Die US-Regierung fürchtet tatsächlich einen Flüchtlingsansturm aus Haiti, eine Flotte Tausender "boat people", falls sich die desolate Lage in ihrer Heimat nicht in absehbarer Zeit bessert. Immerhin sind schätzungsweise drei Millionen Haitianer von der Katastrophe betroffen, viele haben alles verloren, und die Zukunft des Landes sieht düster aus.

"Es ist eine sehr gefährliche Überfahrt"

In Südflorida bereiten sich die Verantwortlichen schon auf ein mögliches Flüchtlingschaos vor. Der Schulbezirk Miami richtet sich auf Tausende neue Schüler ein. "Wir werden alle Mittel nutzen, um den Bürgern von Haiti zu helfen", sagt Schulinspektor Alberto Carvalho. In Miami hat die US-Regierung begonnen, ein existierendes Auffanglager für illegale Einwanderer mit 600 Betten freizuräumen. Für den Fall eines Flüchtlingsstroms aus Haiti würde ein Notfallplan aktiviert, der ursprünglich für eine Asylantenwelle aus Kuba gedacht war. Codename: "Operation wachsamer Posten." Als Alternativlager wird der Air-Force-Stützpunkt Homestead südlich von Miami erwogen, der zurzeit als Knotenpunkt für die Luftbrücke nach Haiti fungiert.

Dort hatte US-Heimatschutzministerin Janet Napolitano die Sorge vor einer Flüchtlingskrise am Samstag persönlich angesprochen. "Bitte, falls Haitianer zuschauen: Es könnte einen Impuls geben, die Insel zu verlassen und hierherzukommen", sagte Napolitano - und riet energisch davon ab. "Es ist eine sehr gefährliche Überfahrt. Jedes Mal, wenn Leute es versuchen, sterben Menschen."

1980 kamen mit der "Freiheitsflotte Mariel" mehr als 100.000 Kubaner und 25.000 Haitianer nach Florida - der damalige Präsident Jimmy Carter gewährte ihnen Asyl. Nach dem Staatsstreich von 1991 landeten rund 12.000 haitianische Immigranten zunächst auf dem US-Stützpunkt Guantanamo Bay auf Kuba. Auch sie durften später meist einreisen. Seitdem aber sind die Regeln verschärft worden.

Immerhin haben die USA die Abschiebung von bis zu 200.000 illegalen Haitianern ausgesetzt, die sich zur Zeit des Erdbebens schon in den USA befanden. Ihnen wird nun vorerst ein "Schutzstatus" angeboten. Wer jedoch zu spät im rettenden Exil gelandet ist, wird immer noch in die zerstörte Heimat zurückgeschickt.

Mit einer Finte durch die Grenzkontrollen

Auch die Organisation Medishare musste deshalb rabiat vorgehen, um "Baby Jean" überhaupt durch die Grenzkontrollen von Fort Lauderdale zu bekommen. Sie drohten den Behörden, der mit nach Haiti gereiste Ex-Basketball-Star Alonzo Mourning werde das Mädchen in seinen Armen vor den versammelten Fernsehkameras zur Einreisekontrolle tragen - und so einen Skandal provozieren. Das wirkte.

"Baby Jean" ist nun in Sicherheit - was aber soll aus den anderen Kindern in Haiti werden, die Opfer der Katastrophe geworden sind und unter den Folgen besonders leiden?

Da gibt es zum Beispiel Hunderte Kinder, die vor der Katastrophe eigentlich von Paaren in den USA adoptiert werden sollten. Viele von ihnen werden vermisst. Andere wurden gefunden und gerettet - doch ihr formeller Adoptionsprozess ist noch nicht abgeschlossen. Sie dürfen nicht ausreisen. Obwohl Adoptiveltern seit Tagen im US-Fernsehen um Hilfe flehen.

Und dann gibt es da Tausende haitianische Waisenkinder. Das Hilfswerk Terre des Hommes berichtet, dass sie alleine und traumatisiert durch die Straßen irren. In Kinderheimen sei die Lage katastrophal. Die Gefahr sei, dass Kinderhändler und Schlepper die Notsituation ausnutzten.

Das Erzbistum von Miami hofft, diese Kinder möglichst schnell in die USA zu holen - nach dem Vorbild der "Operation Peter Pan" nach der kubanischen Revolution 1959, in der mehr als 14.000 Kinder aufgenommen wurden. Heimatschutzministerin Napolitano dagegen verweist darauf, dass nur Waisen, die für eine Adoption in den USA zugelassen sind, ohne ausreichende Papiere in die USA einreisen dürfen, um dort "die benötigte Hilfe" zu erhalten. Frankreich erwägt eine ähnliche Ausnahmeregelung.

"Wettlauf mit dem Tod"

Den meisten Kindern hilft das nicht. Ihre Situation in Haiti verbessert sich genauso schleppend wie die grundsätzliche Lage im Land - von einem "Wettlauf mit dem Tod" sprach Projektleiter Benoit Leduc von Ärzte ohne Grenzen (MSF) am Montag (Ortszeit), als er auf das Elend in der Katastrophenzone angesprochen wurde. Dass zwei Maschinen der Organisation mit Hilfsmitteln und Arzneien nicht landen durften, sei ein Rückschlag um 48 Stunden. Hunderten Menschen drohe nun ein "vermeidbarer Tod", weil ihnen nicht geholfen werden könne. "Die Situation ist absolut dramatisch", sagt auch MSF-Koordinator Loris De Filippi.

Eines der größten Hoffnungszeichen für die Menschen in Haiti ist die enorme Hilfsbereitschaft der US-Bürger. Eine Spendenshow des CNN-Talkers Larry King, an der zahllose Prominente teilnahmen, brachte am Montag fast neun Millionen Dollar ein. Für Freitag plant Filmstar George Clooney eine ähnliche Aktion. Durch eine SMS-Aktion, für die auch First Lady Michelle Obama mit TV-Spots wirbt, kamen für die Haiti-Hilfe des Roten Kreuzes mehr als 22 Millionen Dollar zusammen. Erfolgreich beim Geldsammeln sind auch die Yéle-Stiftung des aus Haiti stammenden US-Rappers Wyclef Jean, die gemeinsame Stiftung der Ex-Präsidenten George W. Bush und Bill Clinton, die Heilsarmee und das Uno-Kinderhilfswerk Unicef.

Die US-Spenden für Haiti übersteigen schon jetzt die Spendensumme, die nach dem asiatischen Tsunami von 2004 zusammen gekommen war. Einer Schätzung des Philanthropie-Magazins "Chronicle of Philanthropy" zufolge konnten die großen Hilfsorganisationen bis zum Montag mehr als 210 Millionen Dollar sammeln - 112 Millionen Dollar davon allein das Rote Kreuz. In den ersten neun Tagen nach dem Tsunami waren es 163 Millionen Dollar. Größer war die US-Spendenbereitschaft nur nach dem Hurrikan "Katrina" im August 2005, da gaben die Amerikaner fast eine halbe Milliarde Dollar.

Viele spenden auch Hilfsgüter, Kleider, Decken, Medizin, Batterien, Windeln, Babykost. In der haitianischen Botschaft in Washington drängelten sich am Wochenende schon Hunderte Freiwillige, um Sachspenden zu organisieren. Die Frage ist, wie lange das so weitergehen wird - denn das lange Leid nach der Katastrophe hat für Haiti gerade erst begonnen.

US-Vizepräsident Biden schwor in Florida: "Dies wird noch auf unserem Radarschirm sein, lange nachdem es nicht mehr über CNN läuft." Kritiker haben Zweifel daran. Die Autorin und Haiti-Expertin Amy Wilentz ätzte: "Wir mögen sie nur, wenn sie sterben." Die aus Haiti stammende US-Autorin Edwidge Danticat warnte in der "Washington Post": "Wenn die Kameras verschwinden - dann fürchte ich, dass die Leute wegzuschauen beginnen."

insgesamt 1801 Beiträge
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Seite 1
Palmstroem, 16.01.2010
1. Die Frage kommt zu spät
Zitat von sysopDie Erdbebenkatastrophe in Haiti hat die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit wieder auf den gebeutelten Karibikstaat und seine Probleme gelenkt. Haben die USA und Europa es über die Jahre versäumt, hier mehr für politische Stabilität und wirtschaftliche Perspektiven zu tun? Diskutieren Sie mit!
Die Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Brand-Redner 16.01.2010
2. Genau
Zitat von PalmstroemDie Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Wirtschaftliche Not gebiert nun mal keine politische Stabilität. Wer diese haben will, ohne jene zuvor abzuschaffen, verhält sich so ignorant und lächerlich wie ein Baumeister, der das Dach vor den Fundamenten aufsetzen will. Aber in der Politik scheint ja alles möglich. - Gestern las ich, Deutschland wolle Haiti 1,5 Millionen Euro Spenden bzw. Spendengüter zukommen lassen: Was für eine Wahnsinnssumme - das ist ja fast mehr, als im Bundestag jährlich für neue Schreibgarnituren ausgegeben wird, nicht wahr? - Ist das noch Dummheit oder schon Zynismus?
forumgehts? 16.01.2010
3.
Zitat von sysopDie Erdbebenkatastrophe in Haiti hat die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit wieder auf den gebeutelten Karibikstaat und seine Probleme gelenkt. Haben die USA und Europa es über die Jahre versäumt, hier mehr für politische Stabilität und wirtschaftliche Perspektiven zu tun? Diskutieren Sie mit!
Nein, denn wenn ich richtig informiert bin, haben sich bisher nicht einmal die Chinesen für dieses Gebiet interessiert. Und das heisst, dass da nun wirklich nichts zu machen und/oder zu holen ist.
archelys, 16.01.2010
4. Brunnenkinder
Zitat von PalmstroemDie Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Es liegen schon viele Kinder im Brunnen, Herr Palmstroem, und Sie staunen nur. Nun aber sind drei "Präsidenten" im Einsatz. Vielleicht bohren die auf Haiti wieder einen Brunnen, dieses Mal in Schrägbohrung nach Kuba. Da müssen wir wieder sehr aufpassen, dass kein Kind reinfällt...
Rainer Helmbrecht 16.01.2010
5. Titel verweigert!
Zitat von PalmstroemDie Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Eins hätten die USA auf jeden Fall machen können, sie hätten nicht durch Dumpingpreise die Agrarwirtschaft dieses und vieler anderer armen Länder kaputt mache brauchen. Europa ist da auch nicht besser, die durch Subventionierte Produkte die Märkte und die heimischen Produkte kaputt machen und Bauern zu arbeitlslosen Stadtbewohnern verkommen lassen. Selbstlose Hilfe ist eine große Tat, aber durch unreelle Marktmacht, andere ländliche Strukturen zu zerstören ist eine Sauerei. So wie das leer fischen vor den Küsten armer Länder. Wie groß die Schuld ist kann ich nicht beurteilen, aber dass wir Schuld auf uns geladen haben, ist unzweifelhaft. MfG. Rainer
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