US-Gefängnisse Grausame Haftbedingungen für geistig Behinderte

Sexueller Missbrauch, Schläge, ungerechte Bestrafungen: Eine erschütternde Studie der Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch" dokumentiert die katastrophale Lage geistig behinderter und psychisch kranker Strafgefangener in den USA. Ihnen droht Gefahr von Mitgefangenen und Wärtern gleichermaßen.
Von Yassin Musharbash

Berlin - Nachdem der psychisch kranke Strafgefangene C. X. aus dem US-Bundesstaat New York über sechs Jahre lang an jedem einzelnen Tag der Woche mindestens 23 Stunden in seiner Einzelzelle verbracht hatte, beschloss er im März 2002, seinem Leben ein Ende zu machen. Er schluckte Pillen, viele Pillen. So viele, wie er auftreiben konnte. 150 Stück. Der Selbstmordversuch misslang, C.X. wurde gerettet.

Doch anstelle psychologischer Hilfe erwarteten ihn anschließend Misshandlungen: "Ich wurde in eine dreckige, blutige Zelle gesperrt. Ich wurde von Wärtern vergewaltigt und angegriffen", berichtet er in einem Brief, den er an die US-Menschrechtsorganisation "Human Rights Watch" schrieb. Drei Selbstmordversuche unternahm C. X. allein in diesen 25 Tagen. Hilfe konnte er keine erwarten. Das Personal nahm ihm sogar noch seine Anti-Depressiva ab. "Ich schreibe diesen Brief in der Hoffnung, dass jemand etwas dagegen unternimmt, wie das für die mentale Gesundheit der Gefangenen zuständige Personal die Leute hier behandelt", fügte C. X. seinem Brief an.

Sex gegen Zigaretten und Kaffee

C. X. ist einer von über 300 geistig behinderten und psychisch kranken Strafgefangenen, die in US-Gefängnissen einsitzen und einem Aufruf von "Human Rights Watch" folgten, die Bedingungen ihrer Haft zu beschreiben. Zumeist sind es brutale Zeugnisse, die eingesandt wurden. "Gefängnisse sind gefährliche Orte für geistig behinderte und psychisch kranke Insassen", fasst "Human Rights Watch" die Ergebnisse der am Mittwoch veröffentlichten Studie zusammen. "Mitgefangene behandeln sie schlecht und nutzen sie aus. Das Gefängnispersonal bestraft geistig kranke Straftäter häufig für Symptome ihrer Krankheiten, zum Beispiel für Lautsein oder das Nichtbefolgen von Anweisungen." Sogar für Selbstverstümmelung und Selbstmordversuche sind geistig behinderte Gefangene in US-Gefängnissen schon bestraft worden - wegen "Zerstörung von Staatseigentum".

Der 215-Seiten-Bericht, an dem neben Gefangenen auch Wärter, medizinischen Gefängnisangestellte und Anwälte mitgewirkt haben, zeichnet ein tief schwarzes Bild. Kaum einer der von psychischen Problemen betroffenen Gefangenen hat im Knast Zugang zu angemessener Behandlung. Es fehlen Einrichtungen, es mangelt an probater Ausbildung der Wärter, und die strikten Gefängnisregeln kollidieren mit einigen der üblichen Behandlungsmethoden.

Die Folge: Die kranken Gefangenen werden einfach weggesperrt; dass sie dann von ihren Mitgefangenen oft noch physisch oder sexuell misshandelt werden, interessiert meist niemanden. Ein mental kranker und leicht zurück gebliebener Gefangener in Georgia beispielsweise, so fand "Human Rights Watch" heraus, wurde wiederholt vergewaltigt und tauscht Sex gegen Zigaretten und Kaffee.

"Ich würde lieber im Zoo leben als hier"

Zwischen 200.000 und 300.000 mental kranke Gefangene leben in US-Haftanstalten. Viele von ihnen leiden an ernsthaften Krankheiten wie Schizophrenie oder schweren Depressionen. Der Alltag im Gefängnis erschwert alle Probleme, die diese Gefangenen haben. In vielen Briefen berichten Betroffene von mehrfachen Suizidversuchen. "Ich würde lieber im Zoo leben als hier. So wie ich hier behandelt werde, könnte ich nicht einmal mit einem Hund umgehen", schreibt R. U., der in Nevada seine Strafe absitzt. "Ich würde den Tod dem Leben hier vorziehen", berichtet T. R. aus Arizona. "Im Grunde ist es so, dass sich niemand schert."

Häufig landen dem "Human Rights Watch"-Bericht zufolge solche Menschen im Gefängnis, die bereits in Freiheit medizinische Hilfe benötigt hätten - sie sich aber nicht leisten konnten. Wer nicht reich ist, hat in den USA kaum Aussicht auf eine vernünftige psychologische Behandlung. Immer mehr Psychiatrien sind in den letzten Jahren geschlossen worden, ohne dass Ersatz geschaffen wurde.

Die Gefängnisse seien deshalb bereits zu so etwas wie der nationalen Auffangeinrichtung der USA für psychisch Kranke geworden, erklärt Jamie Fellner, Leiter von "Human Rights Watch" in den USA und Ko-Autor der Studie. "Für diejenigen aber, die ernsthafte Krankheiten haben, kann das Gefängnis der schlimmste denkbare Ort sein." Die Rate psychisch Kranker ist in den Gefängnissen drei Mal so hoch wie in Freiheit.

"Human Rights Watch" fordert angesichts der alarmierenden Ergebnisse der Studie den US-Kongress auf, ein bereits vorgeschlagenes Gesetz umzusetzen, dass darauf abzielt, psychisch Kranke eher in besonderen therapeutischen Einrichtungen als in Gefängnissen unterzubringen. Außerdem sei es notwendig, dass unabhängige Experten das System begutachten. Zwar hätten sich die medizinischen Dienste für psychisch Kranke im Laufe der Jahre verbessert. Aber durch die stetig steigende Zahl Betroffener in den Gefängnissen seien die Kapazitäten vollkommen überlastet. Das ist kein Wunder: Mittlerweile sind in den US-Gefängnissen drei Mal mehr psychisch Kranke untergebracht als in psychiatrischen Einrichtungen.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.