US-Gerichtsurteil Rockys fragwürdiger Millionen-Triumph

Vier Jahre, nachdem der Boxverband WBC ihm seinen WM-Titel aberkannte, hat eine US-Jury Graciano Rocchigiani 31 Millionen Dollar zugesprochen. Doch der Boxverband will und kann offenbar nicht zahlen - und das ist nicht der einzige Haken.


Graciano Rocchigiani: Selbst wenn die Millionen überwiesen werden, bleibt wohl wenig davon übrig
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Graciano Rocchigiani: Selbst wenn die Millionen überwiesen werden, bleibt wohl wenig davon übrig

New York - Nach neun Verhandlungstagen hatten die sieben Geschworenen nur vier Stunden lang beraten, bis sie dem 38-jährigen Berliner die Millionensumme zusprachen. Der WBC wird allerdings in die Berufung gehen. Der Verband behauptet, lediglich ein Vermögen von rund 264.000 Dollar zu besitzen. Mit dem Urteil werde der Geschäftsbetrieb praktisch lahm gelegt, befürchten Anwälte des Verbandes. Selbst das Wort Konkurs machte während des Verfahrens die Runde.

Rocchigiani sitzt derzeit in Berlin eine zwölfmonatige Haftstrafe ab, weil er einen Polizisten attackiert hatte. Zuvor war er bereits mehrfach wegen des Fahrens ohne Führerschein und Trunkenheit am Steuer verurteilt worden. Für die Dauer des New Yorker Prozesses erhielt er Hafturlaub.

Die Anwälte des gestrauchelten Box-Profis, Peter Schlam und Richard Dolan hatten zu Beginn des Verfahrens als Schadensersatz 14 Millionen Mark sowie als zusätzliche Strafe für die WBC noch einmal 28 Millionen Mark gefordert. Die Geschworenen hielten letztere Forderung offenbar für zu niedrig und erhöhten die Strafe auf 20 Millionen Dollar. Die Schadenersatzforderung erkannten sie in voller Höhe an. Da Zinsen hinzugerechnet wurden, steigt die Gesamtsumme auf 31 Millionen Dollar.

Rocchigiani nahm das Urteil mit großer Genugtuung auf. "Ich bin überrascht und froh, dass die WBC einen Denkzettel erhalten hat. Ich glaube, das ist für den kompletten Berufsboxsport eine gute Sache gewesen. Es wurde endlich mal gezeigt, dass man mit den Boxern nicht alles machen kann".

Rocky hatte den WBC verklagt, weil ihm der Verband den 1998 gegen den US-Amerikaner Michael Nunn mit einem Punktsieg erkämpften WM-Titel in der Gewichtsklasse Halbschwergewicht ohne Begründung aberkannte und ihn nur als "Interims-Champion" einstufte. Der WBC hatte den in den USA weit besser zu vermarktenden Roy Jones Junior wieder zum Titelträger erkoren. Bereits im März 2001 hatte das Gericht die Ansprüche Rocchigianis gegenüber dem WBC grundsätzlich anerkannt.

"Die Boxwelt hat sich heute verändert. Herr Rocchigiani ist der erste Boxer, der jemals dem autokratischen Verhalten der WBC den Kampf angesagt hat. Es ist absolut klar, dass die WBC niemals wieder in der selben Art und Weise arbeiten kann", konstatierte Anwalt Dolan nach dem Urteil.

Sollte Rocchigiani die 31 Millionen Dollar tatsächlich kassieren, ginge ein guter Teil des Geldes an seine Noch-Frau und Ex-Managerin Christine sowie rund ein Viertel als Honorar an die Anwälte. Nach dem Urteil wurde er von seiner derzeitigen Freundin Eileen Kunert empfangen. Bis Montag darf nun in New York gefeiert werden.

Nach seiner Rückehr nach Berlin wird sich der Boxer gegen neue Vorwürfe verteidigen müssen: In einem weiteren Ermittlungsverfahren wirft ihm die Staatsanwaltschaft Körperverletzung und Widerstand gegen Polizeibeamte vor.



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