US-Hilfe für Haiti Wettlauf gegen den Tod

Mit einer gigantischen Mobilmachung eilt das US-Militär den Erdbebenopfern in Haiti zu Hilfe. Doch selbst Elitesoldaten sehen sich von der Katastrophe vor schier unüberwindliche Hürden gestellt - die Zeit wird zu ihrem größten Feind. Die bange Frage lautet: "Sind wir schnell genug?"

Aus Miami berichtet


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US-Hilfe für Haiti: Mit Mensch und Maschine
Doug Fraser ist ein hartgesottener Militär. Allein als Kampfflieger der Air Force hat der Vier-Sterne-General mehr als 2800 Flugstunden auf dem Buckel. Der 56-Jährige war schon auf der ganzen Welt stationiert, in Japan, in Alaska, in Bitburg. An seiner Uniform prangen 15 Orden, allen voran die Defense Distinguished Service Medal, die höchste Auszeichnung des Pentagons in Friedenszeiten. Aber jetzt wirkt Fraser erschöpft - obwohl er das nie zugeben würde.

Ob er nicht frustriert sei, dass die Hilfsaktion des US-Militärs für Haiti nur so mühsam vorankomme? Dass zuallererst Reporter an Ort und Stelle gewesen seien und nicht seine Soldaten? "Das ist eine monumentale Herausforderung", sagt er dazu nur. "Wir werden sie meistern." Doch er sagt das mit stockender Stimme, sein Gesicht ist farblos.

Fraser ist Kommandeur des US-Südkommandos (Southcom), er koordiniert Amerikas Militäreinsatz für Haiti. Dessen Nervenzentrum liegt hier, am Rande der Everglade-Sümpfe fernab der Hölle von Haiti, in einem unscheinbaren Bürohaus, das die Army bald verlassen wird.

Doch auch der fast fertige Neubau, ein 213 Millionen teurer Tech-Bunker wenige hundert Meter weiter, hätte den Ernst der Lage kaum gemildert. Drei Tage nach dem Erdbeben erreichten zwar Teile der gigantischen Haiti-Hilfs-Armada schon ihr Ziel. Aber die Militärs kämpfen weiter mit vielen Hindernissen, während die Uhr für viele verschüttete Opfer abläuft: Ihre Überlebenschancen verringern sich nach 72 Stunden dramatisch - eine Frist, die am Freitag um kurz vor 17 Uhr Ortszeit verstrichen ist.

Bis wahre Hilfe kommt wird es ohnehin noch Tage dauern, die militärische Hardware zur See setzt sich nur schwer in Bewegung. Etwa das Lazarettschiff "USNS Comfort", eine der größten, mobilen Traumastationen der USA. Der 273 Meter lange umgebaute Tanker mit 250 Krankenbetten und 550 Ärzten soll Baltimore am Samstag verlassen, wird Haiti aber frühestens kommenden Freitag erreichen - zehn Tage nach der Katastrophe. US-Außenministerin Hillary Clinton brachte es auf den Punkt. "Es ist ein Rennen gegen die Zeit", sagte sie in Washington, wo im siebten Stock des State Department die zivilen Maßnahmen der Hilfsaktion koordiniert werden.

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Haiti nach dem Beben: Helfer bergen Tausende Tote
Dabei übertrifft die Mobilmachung, zu der Verteidigungsminister Robert Gates alle Mittel freigestellt hat, selbst den US-Aufwand nach dem Jahrhundert-Tsunami von 2004. Damals waren fast 700 US-Soldaten im Einsatz, diesmal waren es bis Freitag schon 4200. Bis Montag sollen dann insgesamt 8500 Mitglieder der Navy, der Army, der Air Force, des Marinekorps und der Küstenwache in Haiti angekommen sein - eine kleine Armee.

Doch damit beginnen ihre Probleme erst.

Die verzwickte Logistik stellt General Frasers Elitetruppen vor fast unlösbare Aufgaben. Haitis Infrastruktur ist fast komplett zerstört, und die Trümmerlandschaft entpuppt sich für die Soldaten als ein Hindernis, das oft schwieriger scheint als das zerklüftete Afghanistan. Diese Erkenntnis dämmerte den Militärs schon in den ersten Stunden nach dem Beben. General Fraser, der das schon zuvor desolate Haiti erst im Sommer besucht hatte, ahnte Übles: "Wir haben gleich erwartet, dass wir ziemliche Probleme haben würden."

Hörensagen statt Information

Der beschädigte Flughafen von Port-au-Prince, der wichtigste Anlaufpunkt für eine so gigantische Hilfsaktion, blieb am Freitag ein Engpass, obwohl er inzwischen 90 Flugzeuge pro Tag bewältigen konnte, fast viermal so viele wie sonst. Eine US-Spezialeinheit aus Florida hatte das Flugfeld halbwegs wieder flottgemacht, die Air Force übernahm den Tower, die Army das Kommando am Boden. Trotzdem war die Landebahn so überlastet, dass sie stundenlang gesperrt werden musste. Längst gab es auch kein Flugbenzin mehr - Maschinen mussten die Hin- und Rückreise mit einer Tankfüllung meistern.

Der erste große Cargo-Flug mit Hilfsgütern erreichte Haiti so erst am Freitagnachmittag - drei Tage nach den Erdstößen. Lebensmittel und Medikamente mit Fallschirmen abzuwerfen wagte Fraser nicht: "Wir überlegen noch, ob das Sinn macht." Eine solches Vorgehen könnte mehr Probleme schaffen als lösen, etwa, wenn verzweifelte Opfer über die Care-Pakete herfielen.

Die beste Alternative, der Seehafen von Port-au-Prince, war schon vor dem Beben eine "Herausforderung" (Fraser) und ist seither praktisch unbenutzbar. Der General schickte jetzt ein Unterwasserteam los, um das wahre Ausmaß des Hafenschadens auszuloten. Bis dahin ist eine Schiffsentladung fast unmöglich.

Ein 150 Kilometer entfernter Ausweichhafen in Cap-Haïtien im Norden des Landes hat nur ein Drittel der Kapazität von Port-au-Prince. "Das wird viel schlimmer, als viele meinen", prophezeite daher Richard Dubin, Vizepräsident des Frachtunternehmens Haiti Shipping Lines in Miami, in der "New York Times". Auch der Landweg über die Dominikanische Republik, den viele zivile Hilfsgruppen wagten, bleibt ein Flaschenhals - Reporter berichteten, sie hätten bis zu 18 Stunden gebraucht, um die schmale, überlastete Gebirgsstrecke zurückzulegen.

Und so mussten sich auch General Fraser und seine Krieger am Freitag oft auf Hörensagen stützen. Weder wusste er, wie viele Hilfsgüter Haiti bisher erreicht haben, noch, wie viele Helfer und Reporter es ins Land geschafft haben. "Wir scannen auch die Medien, um die Lage vor Ort zu verstehen", sagt er - und zeigt sich kämpferisch: "Wir überwinden die Hindernisse."

"Sind wir schnell genug?"

Das Pentagon setzt dazu seine geballte Macht ein. Unter den Truppen, die sich nach Haiti aufgemacht haben, befinden sich fast tausend Soldaten der legendären 82nd Airborne Division, Amerikas "globaler Einsatztruppe", die 1944 die Speerspitze der Normandie-Invasion bildete. Hinzu kommt das Schwesterkorps der 18th Airborne, das Ende Januar ohnehin ein Großmanöver geplant hatte. "Selbst wenn wir zuletzt auf Afghanistan und den Irak konzentriert waren", sagte Korpskommandeur General Frank Helmlick jetzt, "müssen wir auch auf das Unbekannte vorbereitet sein."

Der Flugzeugträger "USS Carl Vinson" erreichte Haiti am Freitag und ankerte 18 Kilometer vor Port-au-Prince, mit 51 Betten für verletzte Opfer und 19 Helikoptern, die rund um die Uhr Hilfsgütern einfliegen. Ebenfalls angekommen waren der Zerstörer "USS Higgins" und vier Schiffe der US-Küstenwache, die mehr als 250 US-Bürger evakuierten. Ein Helikopter der Küstenwache brachte ein erstes Katastrophenteam der US-Hilfsagentur USAID von Florida nach Port-au-Prince. Noch unterwegs war am Freitag eine Flotte aus weiteren Kriegsschiffen, angeführt vom amphibischen Angriffsschiff "USS Bataan" mit allein 2200 Marineinfanteristen an Bord.

Aber auch die US-Zivilbevölkerung zeigt enormes Engagement. Allein bei einer Telefonaktion, mit der die Amerikaner per SMS je zehn Dollar an das Rote Kreuz der USA spenden könnten, kamen bis Freitag mehr als zehn Millionen Dollar zusammen. Trotzdem fragte sich Hillary Clinton, die am Samstag nach Port-au-Prince fliegen will: "Sind wir schnell genug für die Leute, die ohne Lebensmittel oder Wasser sind oder schwerverletzte Verwandte haben?"

Für Annaika St. Louis jedenfalls kam alle Hilfe zu spät. Die Elfjährige war am Donnerstag vor laufenden Kameras aus den Trümmern gerettet worden. Sie wurde zu einer Erste-Hilfe-Station gebracht, doch den Ärzte fehlte es an der richtigen Ausrüstung, um ihr zerquetschtes Bein richtig zu behandeln. CNN-Reporter Gary Tuchman übermittelte Annaikas letzte Worte an die Welt: "Mutter, lass mich nicht sterben."

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Haiti: Wie kommt die Hilfe zu den Menschen?

insgesamt 1801 Beiträge
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Palmstroem, 16.01.2010
1. Die Frage kommt zu spät
Zitat von sysopDie Erdbebenkatastrophe in Haiti hat die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit wieder auf den gebeutelten Karibikstaat und seine Probleme gelenkt. Haben die USA und Europa es über die Jahre versäumt, hier mehr für politische Stabilität und wirtschaftliche Perspektiven zu tun? Diskutieren Sie mit!
Die Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Brand-Redner 16.01.2010
2. Genau
Zitat von PalmstroemDie Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Wirtschaftliche Not gebiert nun mal keine politische Stabilität. Wer diese haben will, ohne jene zuvor abzuschaffen, verhält sich so ignorant und lächerlich wie ein Baumeister, der das Dach vor den Fundamenten aufsetzen will. Aber in der Politik scheint ja alles möglich. - Gestern las ich, Deutschland wolle Haiti 1,5 Millionen Euro Spenden bzw. Spendengüter zukommen lassen: Was für eine Wahnsinnssumme - das ist ja fast mehr, als im Bundestag jährlich für neue Schreibgarnituren ausgegeben wird, nicht wahr? - Ist das noch Dummheit oder schon Zynismus?
forumgehts? 16.01.2010
3.
Zitat von sysopDie Erdbebenkatastrophe in Haiti hat die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit wieder auf den gebeutelten Karibikstaat und seine Probleme gelenkt. Haben die USA und Europa es über die Jahre versäumt, hier mehr für politische Stabilität und wirtschaftliche Perspektiven zu tun? Diskutieren Sie mit!
Nein, denn wenn ich richtig informiert bin, haben sich bisher nicht einmal die Chinesen für dieses Gebiet interessiert. Und das heisst, dass da nun wirklich nichts zu machen und/oder zu holen ist.
archelys, 16.01.2010
4. Brunnenkinder
Zitat von PalmstroemDie Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Es liegen schon viele Kinder im Brunnen, Herr Palmstroem, und Sie staunen nur. Nun aber sind drei "Präsidenten" im Einsatz. Vielleicht bohren die auf Haiti wieder einen Brunnen, dieses Mal in Schrägbohrung nach Kuba. Da müssen wir wieder sehr aufpassen, dass kein Kind reinfällt...
Rainer Helmbrecht 16.01.2010
5. Titel verweigert!
Zitat von PalmstroemDie Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Eins hätten die USA auf jeden Fall machen können, sie hätten nicht durch Dumpingpreise die Agrarwirtschaft dieses und vieler anderer armen Länder kaputt mache brauchen. Europa ist da auch nicht besser, die durch Subventionierte Produkte die Märkte und die heimischen Produkte kaputt machen und Bauern zu arbeitlslosen Stadtbewohnern verkommen lassen. Selbstlose Hilfe ist eine große Tat, aber durch unreelle Marktmacht, andere ländliche Strukturen zu zerstören ist eine Sauerei. So wie das leer fischen vor den Küsten armer Länder. Wie groß die Schuld ist kann ich nicht beurteilen, aber dass wir Schuld auf uns geladen haben, ist unzweifelhaft. MfG. Rainer
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