US-Justiz Deutscher Medienpreis für den Anwalt der Todgeweihten

Der amerikanische Professor David Protess und seine Journalismus-Studenten holen mit ihren Recherchen immer wieder Unschuldige aus dem Gefängnis, drei davon retteten sie vor der Hinrichtung. Heute erhielten sie den Zukunftspreis der Leipziger Medienstiftung.

Von Steven Geyer


Preisträger Protess mit Studenten: Journalistischer Beistand für Todeskandidaten
AP

Preisträger Protess mit Studenten: Journalistischer Beistand für Todeskandidaten

Leipzig - "Ein Steak wäre jetzt gut", antwortete Anthony Porter auf die Frage, was er jetzt vorhabe. Seine Mutter stand daneben und weinte vor Freude. Porter war gerade nach 16 Jahren aus der Todeszelle entlassen worden, weil er unschuldig war. Bewiesen hatten das vier Journalismus-Studenten, die in ihrem Recherchekurs den Fall neu aufgerollt hatten. Das Foto, auf dem Porter den 21-jährigen Tom McCann - einen seiner Retter - umarmt, ging um die Welt.

McCann und drei weitere Studenten hatten mit eigenen Recherchen in dem Doppelmord-Fall aufgedeckt, dass der einzige Belastungszeuge von der Polizei zur Falschaussage gezwungen worden war. Indem sie den vor Gericht beschriebenen Tathergang nachstellten, erkannten sie, dass der Zeuge nie und nimmer etwas von der Tat gesehen haben konnte. Daraufhin fanden sie die Ex-Frau des wahren Mörders, der mit seinem Geständnis den 44 Jahre alten Porter aus Chicagos verfallendem Schwarzenviertel entlastete.

Durch Fälle wie diesen wurde Professor David Protess von der Northwestern University Chicago im ganzen US-Bundesstaat Illinois bekannt. Elf Unschuldige hat er so aus dem Gefängnis geholt, drei davon warteten auf ihre Hinrichtung. Heute bekam Protess den ersten - mit 25.000 Mark dotierten - "Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien" der Leipziger Medienstiftung verliehen, den drei seiner Studenten entgegennahmen.

Mit Drohungen muss der Professor leben

"Es war damals ein großartiges Gefühl, diesen Erfolg zu haben", sagt Tom McCann. "Ich hoffe nur, dass ich damit nicht meinen Höhepunkt überschritten habe." Er ist ein fröhlicher, spontaner Typ und zählte zu Protess' Lieblingsstudenten. Als er in Leipzig nach seiner Meinung zur Todesstrafe gefragt wird, zögert er, bevor er antwortet. "Ich bin dagegen."

"Als Journalist", erklärt er später, "sollte man so objektiv wie möglich sein." Das hat David Protess seinen Studenten eingeschärft. Wichtig sei zuerst, nach der Wahrheit zu suchen. Gute Noten bekommt bei Protess auch, wer Zweifel an der Schuld eines Verurteilten ausräumt. Um so mehr wehrt sich der Professor gegen die Kritik, er missbrauche seine Studenten für ideologische Kreuzzüge gegen die Justiz, um endlich den Pulitzerpreis zu ergattern. Viele, die so denken, sind Staatsanwälte und Polizeibeamte in Chicago. Mit Drohungen gegen ihn und seine Familie muss Protess leben.

Pro Jahr 2000 Hilferufe aus den Knästen

David Protess, 55, der als Reporter 1988 zum ersten Mal einen Unschuldigen aus der Todeszelle recherchierte, lehrt seit 1981 investigativen Journalismus. Inzwischen erhält er jährlich über 2000 Hilferufe aus US-Gefängnissen. Für viele ist er die letzte Hoffnung - obwohl er nur acht neue Fälle pro Jahr von einer Handvoll 21-jähriger College-Kids untersuchen lässt. Dass er selbst die Todesstrafe moralisch verabscheut, trenne er von seinen Recherchen, sagt er. Es gebe jedoch eine "Berufung" für Journalisten, gegen aufgedeckte Ungerechtigkeit lautstark vorzugehen.

So wurde er zum Anwalt der Todgeweihten. Den ersten großen Coup landeten seine Studenten 1996. In einem Mordfall um ein weißes Pärchen hatten sie sich durch Gerichtsakten und Polizeiprotokolle gewühlt, Zeugen ausfindig gemacht, neue Befragungen angestellt. Aus dem Hörsaal zogen sie in die Gerichtsarchive, die Slums der Stadt und besuchten die Verurteilten in der Todeszelle. So fanden sie die tatsächlichen Mörder und den Beweis, dass vier schwarze Männer 18 Jahre lang unschuldig eingesperrt waren. Zwei sollten hingerichtet werden.

Beweise unterschlagen und Zeugen gekauft

Reporter Laura Sullivan und Tom McCann: "Wir wurden dauernd behindert"
SPIEGEL ONLINE

Reporter Laura Sullivan und Tom McCann: "Wir wurden dauernd behindert"

"Sie gehörten zu den Menschen, die in Amerika am häufigsten hingerichtet werden", erzählt Laura Sullivan, 27, heute Reporterin der "Baltimore Sun" und damals im Protess-Team zu dem Fall. "Schwarz, arm und vorbestraft. Wenn die Polizei solche Verdächtige hat, versucht sie oft mit allen Mitteln, ihnen das Verbrechen anzuhängen." Der Einfachheit halber. Auch bei späteren Fällen entdeckten die Studenten immer wieder, dass Beweismittel unterschlagen, Zeugen erkauft oder unter Druck gesetzt und Verdächtige zu Geständnissen gezwungen wurden.

"Wir wurden ständig behindert", erinnert sich Lara Flint an ihren Fall von 1995. "Die Staatsanwaltschaft verbot uns sogar, den Verurteilten zu besuchen." Trotzdem deckten Lara und ihr Team Fakten auf, die die Geschworenen nie erfahren hatten: Der zum Tode Verurteilte Girvies Davis war geistig behindert und Analphabet. Wie konnte er also das handschriftliche Geständnis, immerhin das einzige Beweismittel gegen ihn, geschrieben haben?

Geständnis unter Todesdrohungen

Die Studenten fanden heraus, dass Davis unter Todesdrohungen der Polizei eine Liste von Verbrechen unterzeichnete, zu denen sich wenig später andere Täter bekannten. Die Staatsanwaltschaft hatte auch bewirkt, dass die Jury nur aus Weißen bestand, obwohl diese Praxis in Verfahren gegen Schwarze als rassistisch gilt und verboten ist.

Der damalige Gouverneur von Illinois, Jim Edgar lehnte, die Beweismittel jedoch ab. Davis wurde am 17. Mai 1995 mit der Giftspritze getötet. Zwei Stunden zuvor, erzählt Lara, verabschiedete der im Knast vom Alkoholiker zum Prediger gewandelte Davis sich telefonisch von ihr und David Protess. Lara ist heute nach einem Harvard-Studium Anwältin in Washington, D.C., und verteidigt zusätzlich und ehrenamtlich mittellose Todesstrafen-Kandidaten.

Todesstrafe in Illinois ausgesetzt

Der letzte Protess-Fall bewirkte sogar einen politischen Wandel. Als zwei Tage vor dem endgültigen Hinrichtungstermin Anthony Porter auf Grund der Recherchen von David Protess und Tom McCann freigelassen wurde, ging der Gouverneur von Illinois in sich. George Ryan, Republikaner und bis dahin eifriger Verfechter der Todesstrafe, wurde von der Presse aufs Brot geschmiert, dass inzwischen bereits 14-mal nachgewiesen wurde, dass in Illinois eine Verurteilung zum Tode unrechtmäßig war.

Der Gouverneur setzte die Verhängung der Todesstrafe bis auf weiteres aus. "Das ist eine absolut unglaubliche Wendung", kommentiert Laura Sullivan. "Immerhin befürwortet in Amerika fast jeder die Todesstrafe." - "Dagegen zu sein, ist politischer Selbstmord", meint Tom McCann. Ryan werde nun mit Sicherheit nicht wiedergewählt, vielleicht nicht mal aufgestellt.

Strafe mit Wildwest-Charakter

Die Menschen würden eben die Kriminalität fürchten, denkt Laura, und sie denken, die Todesstrafe hilft dagegen. Tom ergänzt, dass "die Geschichte der Strafe zurückreicht bis zur Gründung des Landes. Und sie hat immer noch ein bisschen diesen Wildwest-Charakter: Die Leute unterscheiden in Gut und Böse und wer Böses tut, soll dafür hart bestraft werden."

Rund 3500 Menschen sitzen derzeit in Todeszellen der USA, darunter Minderjährige, geistig Behinderte und viele Mittellose, die sich keine vernünftige Verteidigung leisten konnten. Seit Wiedereinführung der Todesstrafe 1977 wurden über 200 Menschen hingerichtet. Ganze 75 zum Tode Verurteilte wurden in dieser Zeit wegen erwiesener Unschuld wieder entlassen.

Anthony Porter kam nach 16 Jahren heim zu seiner Mutter, sechs Kindern, sieben Enkeln und musste - "wie ein Kleinkind", sagt Tom - neu lernen, wie die Welt funktioniert. Er hatte einen kleinen Job als Maurer, stand wegen Körperverletzung erneut vor Gericht und wird die ärmliche, verdreckte Chicagoer South Side wohl nie verlassen können. Tom McCann arbeitet heute als Reporter bei der renommierten "Chicago Tribune". Er ist mit 23 da, wo er immer hin wollte.



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