US-Justiz Lynchmord kommt nach 50 Jahren vor Gericht

Der Junge hatte etwas getan, was man nicht tun durfte. Zumindest nicht als Schwarzer: Er hatte einer weißen Frau hinterhergepfiffen. Der Junge wurde gelyncht. Seine Mörder wurden freigesprochen. Doch jetzt rollen FBI und Staatsanwälte das Verbrechen an Emmett Till wieder auf.

Von Roman Heflik


Lynch-Opfer Till: Tödliche Lektion für einen 14-Jährigen
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Lynch-Opfer Till: Tödliche Lektion für einen 14-Jährigen

Die Männer kamen in der Nacht. Sie kamen, um sich zu rächen. Um diesem Schwarzen eine Lektion zu erteilen. Um ihn zu töten. Es war der August des Jahres 1955.

Ihr Opfer hieß Emmett Till, ein 14-jähriger Junge. Till war aus dem fernen Chicago nach Money, Mississippi, angereist, um seinen Onkel und dessen Familie zu besuchen. Dass hier im tiefen Süden der USA noch andere Gesetze herrschten, dass hier Schwarze vielerorts noch als vogelfreie Sklaven-Nachfahren betrachtet wurden, wusste der Besucher nicht. Was für Konsequenzen es in dieser Gegend haben konnte, aus der Rolle des demütigen Schwarzen zu fallen, davon hatte der Junge keine Vorstellung.

Und so hatte sich Emmett Till an diesem Tag wie immer verhalten, so, wie es viele Halbwüchsige seiner Heimatstadt und seines Alters eben taten: fröhlich und ein bisschen respektlos. Als er zum Einkaufen den Laden der Bryants betrat, stieß er beim Anblick der attraktiven weißen Ladeninhaberin, Mistress Bryant, einen bewundernden Pfiff aus.

Bryants Ehemann Roy schäumte vor Wut. Till hatte einen jahrhundertealten Verhaltenskodex gebrochen. Vermutlich in der darauf folgenden Nacht drang Roy Bryant zusammen mit seinem Halbbruder J.W. Millam in das Haus der Familie Till ein und schleppten Emmett aus seinem Bett.

Draußen schlugen die Männer solange auf den Jungen ein, bis sein Gesicht nur noch ein blutiger Klumpen war. Als die Leiche drei Tage später gefunden wurde, glaubten viele, der Junge habe einen Schuss mit einer Schrotflinte ins Gesicht bekommen. Später berichtete Millam, er habe dem Jungen mit einer Pistole in den Kopf geschossen.

In ihrem Blutrausch wickelten die Männer dem sterbenden Kind Stacheldraht um den Hals, befestigten ein Metallgewicht daran und warfen das blutende Bündel in den Tallahatchie River. Drei Tage später fanden Fischer den verstümmelten Körper.

Die beiden Täter wurden zwar von der Polizei verhaftet; ihnen wurde der Prozess gemacht. Doch bereits während der Verhandlung wurde deutlich, dass der Fall die weißen Zuschauer und den weißen Richter eher amüsierte: Im Zuschauerraum wurde geplaudert und gelacht, auf den für die Weißen bestimmten Plätzen wurden wahre Picknicks veranstaltet.

Nach fünf Verhandlungstagen und einstündiger Urteilsberatung kam die rein weiße, männliche Jury zu einem Urteil: unschuldig in beiden Fällen. Dabei hatten die Verteidiger der beiden Mörder die Tat gar nicht abgestritten. Sie hatten erklärt, der Schwarze sei noch nicht tot gewesen, als die Angeklagten ihn in den Fluss geworfen hätten. Grinsend verließen Bryant und Millam das Justizgebäude als freie Männer.

Das offensichtliche Versagen der Justiz, selbst grausamste Verbrechen an Schwarzen zu ahnden, löste massive Proteste im Süden der USA aus. So wird der Prozess um Emmett Till oft als die eigentliche Geburtsstunde der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung bezeichnet, die sich für die Gleichberechtigung der afroamerikanischen Bevölkerung einsetzte. Drei Monate nach dem Mord machte die Schwarze Rosa Parks Schlagzeilen, als sie sich weigerte, von ihrem für Weiße reservierten Bus-Sitz aufzustehen.

Trotz mehrerer Anträge von Tills Mutter sah das US-Justizministerium jahrelang keinen Grund, den Fall oder das Verfahren zu überprüfen. Nach dem Urteilsspruch galten die beiden Halbbrüder als unschuldig und konnten nach dem Gesetz von Mississippi nicht mehr belangt werden - selbst, als Millam sich nach der Verhandlung vor einem Reporter mit seiner Tat brüstete. "Chicago-Boy", habe er dem Kind gesagt, "ich werde an dir ein Exempel statuieren, damit jeder weiß, wo ich und meine Leute stehen."

Nun wird die Akte Emmett Till wieder geöffnet - nach fast fünfzig Jahren. Anlass waren Aussagen des Dokumentarfilmers Keith Beauchamp, er habe Hinweise auf weitere Tatbeteiligte. Bei der Recherche für seinen Film "Die nicht erzählte Geschichte von Emmett Louis Till" habe er zahlreiche Augenzeugen befragt. Von ihnen habe er erfahren, dass sich in jener Augustnacht noch sieben andere Männer an der Tat beteiligt hätten. Einige von ihnen sind immer noch am Leben. Daher müsse das Verfahren neu eröffnet werden.

Unterstützt wurde Beauchamp bei dieser Forderung von dem Senator Charles Schumer und dem Kongressabgeordneten Charles Rangel aus New York - mit Erfolg. Am Montag gab das Justizministerium bekannt, FBI-Agenten und Bundesanwälte würden in Zusammenarbeit mit den örtlichen Ermittlungsbehörden den Fall neu untersuchen. "Wir schulden es Emmett Till und uns selbst, zu sehen, ob nach all den Jahren zusätzliche Justizmaßnahmen möglich sind", verkündete Alexander Costa, Staatsanwalt der Bürgerrechtsabteilung des Justizministeriums.

Die Behörden von Mississippi sind darum bemüht, die Scharte von damals wieder auszuwetzen: "Wir freuen uns, dass dieser ewige Alptraum dank der Zusammenarbeit von Bundes- und Landesbehörden untersucht werden kann", antworte Joyce Chiles, zuständiger Staatsanwalt des Bezirks Mississippi, auf die Anfrage aus Washington.

Diese Kooperation war es, die die Strafverfolgung überhaupt erst möglich gemacht hat: Denn nach US-Bundesrecht sind die Taten längst verjährt - nicht jedoch nach den Gesetzen des Staates Mississippi.

Anders als ihre mutmaßlichen Kumpane müssen die beiden Haupttäter indessen keine Strafe mehr fürchten: Millam starb 1980, sein Halbbruder Roy zehn Jahre später.



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