US-Todesstrafe Gnade nur für die Jüngsten

In den vergangenen drei Jahrzehnten wurden 22 US-amerikanische Teenager hingerichtet - die meisten starben in Texas, dem Heimatstaat des US-Präsidenten Bush. Das Grundsatzurteil, in dem der Oberste US-Gerichtshof jetzt die Todesstrafe für Minderjährige abschaffte, kommt zu spät.

Aus Los Angeles berichtet




Spritzbesteck für Hinrichtungen: 13 Mörder, die zur Tatzeit Jugendliche waren, wurden in Texas hingerichtet
Foto: Markus Becker / SPIEGEL ONLINE

Spritzbesteck für Hinrichtungen: 13 Mörder, die zur Tatzeit Jugendliche waren, wurden in Texas hingerichtet

Los Angeles - Sein letztes Wort war "Nein". So beantwortete Scott Allen Hain die Frage des Henkers, ob er noch etwas zu sagen habe. Dann blickte er starr geradeaus, während der Gift-Cocktail durch die Kanüle in seine Adern gedrückt wurde. Exakt vier Minuten dauerte es, bis die Wirkung eintrat. Hain blinzelte ein paar Mal, dann atmete er tief und ruhig aus. Um 20.39 Uhr war er tot.

Scott Allen Hain wurde im April 2003 in Oklahoma wegen Doppelmordes hingerichtet. Der Fall machte Schlagzeilen: Hain war noch ein Teenager, gerade mal 17 Jahre alt, als er mit einem älteren Freund ein Pärchen überfiel und brutal umbrachte. Auch er war sein Leben lang misshandelt worden, nicht zuletzt von seinem trunksüchtigen Vater, der ihm schon früh Drogen einflößte. Trotzdem wurde Hain als voll zurechnungsfähiger Erwachsener verurteilt. Selbst ein Hilferuf der Anwälte beim Obersten Gerichtshof in Washington änderte daran nichts: Mit 5 zu 4 Stimmen gaben die Richter grünes Licht für Hains Exekution.

Präsident Bush: In Texas bekannt als "Gouverneur Tod"
REUTERS

Präsident Bush: In Texas bekannt als "Gouverneur Tod"

Es sollte die letzte Hinrichtung eines jugendlichen US-Straftäters sein. Denn jetzt, knapp zwei Jahre später, hat exakt das Gericht diese international geächtete Praxis abgeschafft, das Hain damals als höchste Instanz in den Tod schickte. "Teen-Killer" hinzurichten, so erkannte der Supreme Court gestern in einem ebenso historischen wie befremdlichen Grundsatzspruch, verstoße gegen die "Maßstäbe des Anstands, die den Fortschritt einer reifenden Gesellschaft markieren" - und sei überdies verfassungswidrig. Alle noch ausstehenden Teenager-Todesurteile in den USA wurden darob sofort aufgehoben. Zu spät für Hain.

Aus 5:4 wurde 4:5

Die Einsicht des Gerichts kommt nicht von ungefähr. Seit Jahren schon kämpfen Juristen und internationale Menschenrechtler gegen das, was sie als den "barbarischsten" Aspekt der US-Todesstrafe bezeichnen - die juristisch sanktionierte Tötung von Teenagern, die die Vereinigten Staaten zuletzt in die ehrenwerte Henkersgesellschaft von Ländern wie Iran, Jemen, Kongo und China gebracht hatte.

US-Supreme Court in Washington: Gnade für die Jüngsten
AP

US-Supreme Court in Washington: Gnade für die Jüngsten

Doch bisher blieben die "Supremes" ungerührt: Seit Wiedereinführung der Todesstrafe 1976 haben sie die Hinrichtung von 22 jungen Männern erlaubt, die zur Tatzeit minderjährig waren - allein 13 davon in Texas. So ist das gestrige Urteil auch eine Ohrfeige für den US-Präsidenten: Vier dieser texanischen Teenager-Hinrichtungen zeichnete George W. Bush damals persönlich ab, als Gouverneur des Bundesstaates - und exekutionsfreudigster Statthalter der Nation. "Gouverneur Tod" wurde Bush damals genannt.

Doch es ist keine einstimmige Läuterung, welche die gestrengen Bundesrichter hier bewegt hat. Buchstäbliches Zünglein an der Waage war ein einziger Richter: Anthony Kennedy. Im Fall Hain hatte Kennedy - der 1988 als Protégé des Bush-Idols Ronald Reagan an das höchste US-Gericht berufen worden war - noch mit der konservativen Fraktion der Kammer für die Beibehaltung der Todesstrafe für Teenager votiert. Diesmal jedoch schloss er sich der liberalen Fraktion an - aus 5:4 wurde 4:5.

Trend zur Abschaffung der Todesstrafe?

Ein Beweggrund für seinen späten Wandel, so gab Kennedy zu erkennen, war die weltweite Empörung - obwohl gerade die den Supreme Court so lange kalt gelassen hatte. Das "überwältige Gewicht der internationalen Meinung", hieß es nun in der von Kennedy verfassten Urteilsbegründung, gelte für die Mehrheit der Bundesrichter als "signifikante Bestätigung" ihrer Haltung. Auch wenn die "brutalen Taten" nicht vergessen werden dürften, hätten die Hinrichtungen keinen Sinn - "weder als Vergeltung noch als Abschreckung".

Verurteilter Mörder Simmons: Neun Jahre auf die Aufhebung der Todesstrafe gewartet
AP

Verurteilter Mörder Simmons: Neun Jahre auf die Aufhebung der Todesstrafe gewartet

Darin steckt freilich ein ordentliches Maß an Zynismus. Zwar dämmert den amerikanischen Chef-Juristen nun also, was anderswo ja längst selbstverständlich ist: Kinder und Jugendliche können nicht in gleichem Maße für ihre Handlungen zur Verantwortung gezogen werden wie Erwachsene - so grausam diese Handlungen auch sein mögen. Doch an der Todesstrafe per se zeigen Kennedy & Co., in einem Meisterstück juristischer Wortklauberei, auch weiterhin nicht die geringsten Zweifel.

Dabei ist es nicht das erste Mal, dass der Supreme Court in den letzten Jahren in Sachen Todesstrafe eingegriffen hat. Zuvor hatte er die Hinrichtung von Behinderten verboten und Dutzende Todesurteile aufgehoben, die in schlampiggeführten Prozessen entstanden und oft gegen Unschuldige verhängt worden waren. "Der Trend scheint in Richtung Abschaffung der Todesstrafe zu gehen", sagte der Juraprofessor Rory Little der "New York Times". "Doch es wäre ein Fehler, vorherzusagen, dass diese Entscheidungen unweigerlich auf Abschaffung hinauslaufen. Es könnte auch sein, dass sie alle Ecken und Kanten abschleifen und einen Kern stehen lassen, mit dem jeder zufrieden ist."

Texas führt - wie immer

Gnade also nur für die Jüngsten: "Das Alter von 18 ist der Punkt, an dem die Gesellschaft aus vielen Gründen die Grenze zwischen Kindheit und Erwachsensein zieht", schreibt Kennedy. "Also schlussfolgern wir, dass dies auch das Alter ist, an dem die Grenze für die Eignung zur Todesstrafe liegen sollte."

Richter des Supreme Court: Antonin Scalia, John Paul Stevens, William Rehnquist, Sandra Day O'Connor, Anthony Kennedy (v.l.n.r.). Hintere Reihe (v.l.n.r.): Ruth Ginsburg, David H. Souter, Clarence Thomas, Stephen G. Breyer
AFP

Richter des Supreme Court: Antonin Scalia, John Paul Stevens, William Rehnquist, Sandra Day O'Connor, Anthony Kennedy (v.l.n.r.). Hintere Reihe (v.l.n.r.): Ruth Ginsburg, David H. Souter, Clarence Thomas, Stephen G. Breyer

Mit anderen Worten: Teenager wissen nicht, was sie tun. "Wenn ein Jugendlicher ein schreckliches Verbrechen begeht, kann ihm der Staat zwar einige der grundlegendsten Freiheiten nehmen", befand das Gericht. "Doch der Staat kann nicht sein Leben und sein Potenzial auslöschen, ein reifes Verständnis seiner eigenen Menschlichkeit zu erreichen."

Damit folgt das Gericht der Mehrheit der US-Bundesstaaten, die die Exekutition von Jugendlichen schon auf eigene Faust untersagt haben. Nur 19 Staaten erlaubten diese Praxis zuletzt noch, und nur zwölf hielten tatsächlich auch noch Todeskandidaten inhaftiert, die als Minderjährige gemordet hatten. Durch die lange Wartezeit auf Urteilsvollstreckung sind die inzwischen zwischen 18 und 43 Jahre alt. Texas liegt dabei, wie immer, in Führung: In den dortigen Todestrakten harrten bis gestern 29 Teen-Killer ihrer Hinrichtung; jetzt bleiben sie also für den Rest ihres Lebens hinter Gittern.

Teen-Täter im Todestrakt

Der eigentliche Fall aber, der das Machtwort des Supreme Courts am Ende provozierte, stammt aus Missouri und geht bis aufs Jahr 1993 zurück. Damals brach der 17-jährige Schüler Christopher Simmons mit zwei weiteren Kids in ein Haus ein. Als die Bewohnerin ihn erkannte, fesselten die Jugendlichen die Frau, verschleppten sie und stießen sie schließlich von einer Brücke in einen Fluss, wo sie ertrank.

US-Todeszelle: "Weder als Vergeltung noch als Abschreckung sinnvoll"
AP

US-Todeszelle: "Weder als Vergeltung noch als Abschreckung sinnvoll"

Simmons wurde kurz darauf gefasst, nachdem er sich mit der Tat gebrüstet hatte. Ein Geschworenengericht verurteilte ihn 1994 zum Tode. Doch damit begann die jurististische Odyssee erst - für Simmons wie für die Hinterbliebenen des Opfers. Neun Jahre später, im August 2003, hob der Oberste Gerichtshof von Missouri das Urteil wieder auf, da es eine "grausame und ungewöhnliche Strafe" darstelle, wie sie, mit eben diesen Worten, der achte Verfassungszusatz verbiete. Daraufhin zog die Staatsanwaltschaft vor den Supreme Court, der sich der Sache nun endlich annahm.

Neben der weltweiten Kritik berücksichtigten die Richter auch die Gutachten zahlreicher Experten und US-Fachorganisationen, darunter des amerikanischen Medizinerverbands AMA. So hatte eine Untersuchung der Universität Yale an 18 Teen-Tätern im Todestrakt von Texas ergeben, dass fast alle als Kinder physisch misshandelt worden waren und dabei schwere Kopfverletzungen erlitten hatten. Als Folge diagnostizierten die Ärzte geistige Behinderung und Gehirnsfunktionsstörungen.

Am liebsten eigenhändig hinrichten

Doch auch ohne diese sprachen sich die meisten vom Supreme Court befragten Gutachter am Ende dagegen aus, Jugendliche zum Tode zu verurteilen. "Die Kapazitäten, die für eine kriminelle Verantwortung relevant sind", sagte der Psychologe Laurence Steinberg von der American Psychological Association, "sind bei 16- und 17-Jährigen noch im Entwicklungsstadium." Der Neurologe Ruben Gur von der University of Pennsylvania führte das noch detaillierter aus: Der Teil des Gehirns, der impulsives Verhalten steuere, "reift nicht vor dem 17. Lebensjahr heran", erklärte er. "Genau der Hirnbereich, den die Justiz beurteilt, kommt erst spät an Bord."

Eine neurologische Antwort auf eine moralische Frage also: "Das bedeutet den Familien der Opfer leider nur wenig", kommentiert CNN-Anchor Aaron Brown kühl. Für Bill Green im texanischen Houston, dessen Sohn Michael Eakin 1998 vom damals 17-jährigen Michael Anthony Lopez erschossen wurde, bedeutet das Urteil die Hölle. Lopez, seit 1999 in der Todeszelle, darf leben. "Jeder Atemzug, den er tut, ist ein Atemzug, den mein Sohn nicht tut", sagte Green gestern bitter, als er vom höchsten Urteil aus Washington erfuhr. Wenn er könnte, fügte er hinzu, würde er Lopez eigenhändig hinrichten: "Da würde ich keine Sekunde zögern."



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