US-TV "Katrina"-Opfer wird zum Medienstar

Eine Woche lang musste der neunjährige Charles Evans auf der Straße leben. Wirbelsturm "Katrina" hat die Familie in New Orleans obdachlos gemacht. Dann haben ihn die Medien entdeckt und zum TV-Star gemacht.

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New Orleans - Charles Evans, so könnte man meinen, ist ein glückliches Kind. Der Neunjährige wird nach Los Angeles geflogen, natürlich sind seine Verwandten dabei, als das Kind mit dem Limousinenservice abgeholt und umhergefahren wird, eine Übernachtung im Hotel ist für die Familie umsonst, und - als Krönung - darf der kleine Charles an der Verleihung der Emmys teilnehmen. Nicht nur im Publikum sitzen, sondern auf der Bühne stehen - vor den ganz Großen des amerikanischen Filmgeschäfts, die für ihn applaudieren. Whoopi Goldberg, Halle Berry und die Schauspielerinnen der Serie "Desperate Housewives" lächeln ihn an - nicht von einem Poster an der Kinderzimmerwand, sondern in Natura. Sie beugen sich zu ihm hinunter, umarmen ihn. Und er, der Glückliche, nimmt all seinen Mut zusammen und drückt den Hollywood-Schönheiten einen Kuss auf die Wange.

In Amerika ist Charles Evans ein Star. Das Fernsehen hat den Jungen am 2. September für sich entdeckt: In einem dreckigen Sponge-Bob-T-Shirt inmitten von Müll und Chaos, das "Katrina" hinterlassen hat. Hungrig war er und übernächtigt: Mehrere Tage und Nächte hatte er auf einem Bürgersteig verbracht, ohne ein Dach über dem Kopf, ohne Schatten.

Die NBC-Journalistin Campbell Brown spürte den Jungen auf, und ließ ihn von seinen Erlebnissen erzählen. Mit großer Gelassenheit, einem leichten Lispeln, der Beurteilungskraft eines Erwachsenen und fast schon staatsmännisch verkündete der Neunjährige: "Wir benötigen hier draußen dringend Hilfe. Es ist so erbärmlich! Jämmerlich! Und eine Schande! Hier draußen gibt es mehr als 3000 Menschen ohne ein Zuhause, ohne ein Dach über dem Kopf! Was werden sie machen? Was werden wir machen? Schaut euch das Elend hier an! Was will man machen, wenn der Hurrikan noch einmal zurückkommt?" Die Schilderungen des kleinen Jungen aus dem neunten Bezirk von New Orleans sehen in den "Nightly News" Millionen Amerikaner.

"Diese wunderbare Unschuld und Offenheit"

Es ist die Geburtsstunde des jüngsten Medienstars, den "Katrinas" Fluten über Nacht aus dem Elend von New Orleans in die Fernseher amerikanischer Wohnstuben gespült haben. Das Leiden der gigantischen Katastrophe hat ein Gesicht bekommen - das eines Kindes. Das Unbegreifliche wird durch das Schicksal eines kleinen Jungen für jedermann nachvollziehbar. Durch Charles Evans, so scheint es, kann die Trauer einer ganzen Nation kanalisiert werden.

Evans wird zum Liebling der TV-Sender. Gut, er ist traumatisiert, aber dennoch wirkt er so natürlich vor der Kamera. Der Grat, auf dem sich die Medien bewegten, ist jedoch denkbar schmal: Die Geschichte des kleinen Jungen ist für eine kurze Zeit von Interesse, um dann mitsamt seiner verstörenden Eindrücke in der Versenkung zu verschwinden. Uninteressant, weil die Geschichte, die er mit seinem kindlichen Gemüt so eindrucksvoll erzählen kann, bereits vollständig erzählt worden ist und niemanden mehr interessiert.

Wenn NBC-Reporterin Brown über ihr erstes Zusammentreffen mit Charles Evans erzählt, hat sie noch immer Tränen in den Augen. "Er führte mich umher und beschrieb mir sehr detailliert all das, was er gesehen und erlebt hatte", sagte sie der "Los Angeles Times". "Er berichtete von den Menschen, die geschrien und um Hilfe gefleht haben und zeigte auf die Leichen, die bereits seit Tagen nicht weggeräumt worden waren. Die ganze Zeit bewahrte er diese wunderbare Unschuld und Offenheit. Ich kann mir nicht erklären, wie er sie sich bewahrt hat, wenn man sich vor Augen führt, was er alles erlebt hat."

Tür zu einer neuen Welt

Ehe sich die Amerikaner und Charles Evans versehen, steht der Junge bei der Emmy-Verleihung in Los Angeles auf der Bühne. Das Sponge-Bob-T-Shirt hat man gegen einen neuen Anzug eingetauscht, den Hunger gegen ein breites Grinsen. Und alle scheinen den kleinen Jungen bestens zu kennen. Am Montag darauf bombardieren Reporter die Familie in seinem Hotelzimmer mit Anrufen. Sie versuchen sogar, über das Unternehmen, das den Jungen und seine Familie durch die Stadt gefahren hat, Kontakt zu ihm aufzunehmen.

Kevin und Valetta Morrow, die Charles bei sich in Mesquite, Texas, aufgenommen haben, nachdem er per Hubschrauber aus New Orleans evakuiert worden war, sind überwältigt - die Aufmerksamkeit brach so unerwartet über sie herein, wie "Katrina" über New Orleans. Plötzlich stehen sie im Zentrum des nationalen Interesses - zur Zeit der größten persönlichen Krise. Die Morrows, Cousin und Cousine von Charles, beginnen, für Interviews und Auftritte des Jungen Geld zu verlangen: Um sich, den Jungen, die eigenen sechs Kinder und die Dutzenden Verwandten, die sie aufgenommen haben, durchbringen zu können. Inzwischen versuchen sie einen Agenten zu finden, der ihnen beim Andrang der Medien zur Seite steht, sie unterstützt.

"Das Blatt hat sich gedreht", zitiert die "Los Angeles Times" Kevin Morrow. "Durch den Auftritt bei den Emmys hat sich eine Tür zu einer völlig neuen Welt geöffnet. Die Familie bestand aus Flüchtlingen, jetzt sind sie berühmt. Viele Menschen sagen Charles, dass er Talent hat. Sie möchten ihn sogar adoptieren." Seine Eltern hat der Junge nie kennen gelernt. Seine 76 Jahre alte Urgroßmutter Ophelia Evans hat den Jungen groß gezogen. Mit der Zeit hat Charles damit begonnen, auch für sie zu sorgen, hat ihr das Insulin gespritzt. Als Reporterin Brown ihn fand, sorgte er sich am meisten darum, für seine Urgroßmutter und seine Großfamilie nach Essen zu suchen.

Die andere Seite

Charles wirkt manchmal wie ein kleines Kind, mal wie ein altkluger Erwachsener, der aus seinem schwierigen Dasein gelernt hat, den sein Leben geprägt hat. Als ihn die Reporter am Montag nach der Übertragung der Emmys am Telefon belagern, fragt er einen Journalisten zunächst nach dessen Nachnamen und dem Unternehmen, für das er arbeite. "Haben sie mich noch nicht gesehen? Ich bin doch ständig im Fernsehen", sagte er. Aber als der Reporter beginnt, Fragen zu stellen, spricht der Junge ein Kauderwelsch. Er sagt, er spreche Spanisch, Französisch und eine indische Stammessprache. Englisch? Nein.

Die Zuschauer von NBC melden sich zu Tausenden, sie wollen erfahren, wie man Charles helfen könne. Dann soll Charles in der Fernsehshow "Today" auftreten, der unterhaltsame Knirps soll Moderatorin Katie Couric ein launiges Interview geben. Doch nachdem Couric mit der Klarheit der Ausdrucksweise des Jungen geprotzt hat, erleben die Zuschauer die andere Seite des Jungen. Wie jedes andere Kind zeigt er sich schüchtern und überwältigt vom Licht der Scheinwerfer, antwortet einsilbig auf die Fragen, die die Moderatorin ihm stellt.

Inzwischen hat NBC eine Stiftung zu seinen Gunsten ins Leben gerufen. Dennoch stellt sich doch die Frage, wie lange das Geld reichen wird. Schwerer wiegt das Trauma, das Evans erlitten hat.

"Er ist nicht nur einfach der süße kleine Junge", sagte Campbell Brown. "Er ist ein Junge, der schwer gelitten hat. Und das nicht nur durch den Hurrikan. Er braucht dringend Stabilität. In dieser Situation, die ich zu einem Großteil verschuldet habe, wird er diese Stabilität nicht finden."



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