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24. Oktober 2013, 12:47 Uhr

Vermeintliches Sturmgewehr

Polizisten erschießen 13-Jährigen in Kalifornien

Im kalifornischen Santa Rosa haben Polizisten einen Schüler erschossen, der vermeintlich mit einem Sturmgewehr unterwegs war. Tatsächlich trug der 13-Jährige lediglich ein Soft-Air-Gewehr bei sich. Der Vorfall löst erneut Kritik an Polizeigewalt aus.

Santa Rosa - Ein 13-Jähriger ist in der Stadt Santa Rosa im US-Bundesstaat Kalifornien von einem Hilfssheriff erschossen worden, weil er eine Nachbildung eines Sturmgewehrs bei sich trug. Laut Behörden hatte der Polizist die Replik für eine echte Waffe gehalten. Die betroffenen Beamte seien beurlaubt worden, die Polizei von Santa Rosa sowie weitere Behörden haben die Ermittlungen aufgenommen.

Seinem Vater zufolge war Andy Lopez am Dienstagnachmittag auf dem Weg zu einem Freund. Er habe das Soft-Air-Gewehr bei sich getragen, weil jemand es am Wochenende bei ihnen zu Hause vergessen habe, so Rodrigo Lopez.

Laut Polizei waren zwei Hilfssheriffs in der Nachbarschaft der Familie unterwegs, als sie den Jungen entdeckten, der mit einem vermeintlichen Sturmgewehr durch die Gegend lief. Einer der Beamten habe Andy aufgefordert: "Legen Sie das Gewehr auf den Boden." Der Polizist habe demnach nicht bemerkt, dass er es mit einem Kind zu tun hatte.

Der Teenager habe sich umgedreht, schildert Chef-Ermittler Leutnant Paul Henry die Situation. "Und dabei hob er den Lauf in Richtung der Hilfssheriffs." Einer der beiden Männer habe dann mehrere Schüsse auf den 13-Jährigen abgegeben. Der Junge fiel zu Boden, die Hilfssheriffs legten ihm Handschellen an und leisteten Erste Hilfe. Doch zu spät: Andy wurde noch am Tatort für tot erklärt. In seinem Hosenbund fanden die Beamten zudem eine Plastikpistole.

Laut Henry war das Soft-Air-Gewehr nicht als Spielzeug gekennzeichnet. Zum Abfeuern der Munition werden Druckluft oder andere komprimierte Gase benutzt. Manchmal sind sie wie in diesem Fall äußerlich Sturmgewehren nachempfunden. "Es ist eine tragische Angelegenheit", sagte Henry. "Es ist tragisch für die Familie, die Gemeinde und die Hilfssheriffs."

"Warum konnten die Polizisten ihm nicht ins Bein schießen?"

Die Familie und Klassenkameraden des getöteten Jungen zeigten sich bestürzt. "Es ist nicht richtig, was sie meinem Sohn angetan haben", sagte Rodrigo Lopez während einer Mahnwache vor dem Rathaus der Stadt. Familie und Freunde hatten sich dort zum stillen Protest versammelt. Lopez zufolge war Andy an jenem Tag früher aus der Schule gekommen; er sei wegen einer verlängerten Pause ermahnt und nach Hause geschickt worden.

Als der 13-Jährige nicht nach Hause kam, rief sein Vater dessen Freund an und erfuhr, dass Andy niemals bei diesem angekommen war. Der Vater machte sich selbst auf die Suche. Schließlich habe er die Polizeiautos und den Aufruhr bemerkt und festgestellt, dass der leblose Körper auf dem Boden sein Sohn war, sagte Rodrigo Lopez.

Die Polizisten hätten die Nerven verloren, sagten Angehörige des Teenagers laut US-Medien. "Warum konnten die Polizisten ihm nicht ins Bein schießen? Warum mussten sie ihn erschießen?", sagte Alma Galvan, eine Freundin der Familie, dem "San Francisco Chronicle".

Der Vorfall schürt erneut Kritik an der steigenden Zahl von tödlichen Schießereien, an denen Polizisten beteiligt sind. Im kalifornischen Anaheim gab es in den vergangenen drei Jahren eine ganze Serie solcher Vorkommnisse. 2012 kam es deswegen zu Protesten, bereits 2000 hatte es Forderungen nach einem Untersuchungsausschuss gegeben - dieser wurde jedoch nie eingesetzt.

In den USA war es in den vergangenen Tagen mehrfach zu Gewalttaten durch Schüler gekommen. Der Vorfall in Santa Rosa ereignete sich nur einen Tag, nachdem ein Zwölfjähriger in Nevada mit einer halbautomatischen Waffe seinen Lehrer und sich selbst tötete. Darauf wurde ein 14-Jähriger in Massachusetts gefasst, der seine Lehrerin erschossen haben soll.

gam/Reuters/AP/dpa

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