USA Heftige Explosion erschüttert New York

Furchtbare Erinnerungen wurden wach: New York ist von einer gewaltigen Explosion erschüttert worden, eine riesige Rauchsäule stieg über Manhattan auf. Eine Dampfleitung war gebrochen, mindestens ein Mensch starb, über 20 wurden verletzt. Bürgermeister Bloomberg schließt einen Terrorakt aus.

New York - Eine gewaltige unterirdische Explosion im New Yorker Dampfleitungssystem hat gestern Abend Hunderte Menschen in die Flucht getrieben. Eine Person starb bei der Detonation nahe dem Grand-Central-Bahnhof Manhattans an einem Herzinfarkt, über 20 Menschen wurden verletzt in Krankenhäuser gebracht, teilten die Behörden mit.

Vom Dach des New Yorker SPIEGEL-Büros an der Fifth Avenue, Ecke 43. Straße, bot sich gegen 18.20 Uhr ein beunruhigender Anblick: Gewaltige Rauchwolken umhüllten das Chrysler-Bildung, die Art-Deco-Spitze des legendären Wolkenkratzers ist nicht mehr zu erkennen.

Unten auf der Fifth Avenue schoben sich Menschenmassen Richtung Westen, weg vom Rauch. Es war Rushhour in Manhattan, Banker mischten sich mit Touristen, Kellnern und Köchen, die in Schürzen aus den umliegenden Restaurants nach draußen eilten. Viele schauten sich verunsichert an. Ein Anschlag? Ein Unfall? Polizisten versuchten, Ordnung zu schaffen.

"Sie haben Grand Central dicht gemacht", sagte einer der Passanten. Grand Central Station ist mit seinen Subway-Linien und Vorortzügen der zentrale Verkehrsknotenpunkt von Manhattan, Hunderttausende strömen täglich durch das Gebäude. Seit dem 11. September wird es streng bewacht, Polizisten und bewaffnete Soldaten sichern den Bahnhof - Terrorangst.

George Plantin ist Kellner bei Cipriani, einem italienischen Restaurant, das auf der westlichen Empore der Haupthalle von Grand Central gelegen ist. "Ich war am Telefon", berichtete er später, "dann hörte ich einen großen Krach, ich dachte, es ist ein Gewitter." Aber seine Gäste wurden unruhig, draußen sei irgendwas los, sagte einer. Plantin stellte das Radio an, aber es gab keine Informationen. Menschen in der Haupthalle gerieten in Panik, Plantin schickt seine Gäste nach draußen.

An der Ecke 43. Straße und Madison Avenue lag ein Geruch von verbranntem Gummi in der Luft. Die Autos am Straßenrand waren mit einer dicken Schicht aus Staub und vielleicht Asche überzogen. "Alle müssen hier weg! Der Zugverkehr ist eingestellt", rief ein Polizist mit einem Megafon in die Menge. Ein großer Zug des New York Police Department raste um die Ecke, die Kommandozentrale, gleich dahinter kam die Feuerwehr mit ihrer mobilen Einsatzzentrale, etliche Krankenwagen, die Heilsarmee, Hubschrauber kreisten über Midtown Manhattan.

Der erste Schreck war groß, die Rettungskräfte reagierten zunächst ebenso. Einen terroristischen Hintergrund schlossen Bürgermeister Michael Bloomberg und die Polizei wenig später allerdings aus. Bloomberg versicherte am Unglücksort: "Es gibt keinen nur irgendwie gearteten Grund zu glauben, dass dies etwas mit Terror oder Kriminalität zu tun hat."

Am späten Abend war in Manhattan von Terrorangst nichts mehr zu spüren. Die Nachricht von der Explosion hatte zwar die Runde gemacht, aber auch, dass es sich vermutlich um eine explodierte Leitung handelte. "Gott sei Dank kein Terroranschlag", sagte Amy Campbell, die mit Freunden am Broadway auf Kneipentour war. "Seit dem 11. September 2001 wissen wir New Yorker um unsere Verletzlichkeit, deshalb ist der Schrecken immer größer als nötig, wenn wir solche Nachrichten hören."

Der Student Jason Myers, der als Nachtportier in einem Hotel arbeitet, sagte, er habe für den Weg zur Arbeit eine halbe Stunde länger benötigt, da der Unglücksort weiträumig abgesperrt ist. "Allerdings ziehen Polizei und Feuerwehr allmählich wieder ab", sagte er.

Während der abendlichen Rushhour hatte der explosionsartige Bruch der unterirdischen Dampfleitung eine gesamte Straßenkreuzung in unmittelbarer Nähe des belebten Bahnhofs Grand Central aufgerissen. Aus dem 60 Zentimeter dicken Rohr schossen im abendlichen Berufsverkehr Dampf, Erde und Steine mit lautem Getöse hoch in die Luft - anfangs sogar höher als das 77 Stockwerke hohe Chrysler-Gebäude. Der Dampf und Rauch in den Häuserschluchten war weithin zu sehen, Menschen reagierten in Erinnerung an das Trauma von 2001 kurzzeitig mit Panik, Chaos brach aus. Von den Verletzten sind zwei in kritischem, zwei weitere in ernstem Zustand.

Die Fontänen wirkten, als schleudere ein gewaltiger Geysir Dampf und Erdbrocken mit lautem Brüllen in die Luft. Der Krater hat einen Durchmesser von mehreren Metern. In unmittelbarer Nähe stand ein verlassener Schulbus; ein Abschleppwagen war in den Krater gerutscht.

Bloomberg: "Wir wollen supervorsichtig sein"

Die Polizei sperrte das Gelände weiträumig ab, Tausende von Menschen konnten nicht zurück in ihre Wohnungen. Zahlreiche U-Bahnlinien wurden eingestellt oder umgeleitet. "Wir wollen supervorsichtig sein", sagte Bürgermeister Bloomberg.

Nach Angaben von Bürgermeister Bloomberg war die Dampfleitung kurz vor 18 Uhr (Ortszeit) geborsten, weil kaltes Wasser - möglicherweise durch eintretendes Regenwasser - in das heiße Rohr gelangt war. Die Leitung stammt aus dem Jahr 1924. Unglücksursache sei eindeutig ein Versagen der Infrastruktur gewesen, betonte Bloomberg. Zugleich räumte er ein: "Es gibt einen Haufen Dinge, die wir noch nicht wissen."

Das mit Dampf betriebene Heizungssystem in New York ist seit langem sanierungsbedürftig und hat immer wieder Lecks. Bis in die Nacht gingen die Einsatzkräfte unter Hochdruck einer möglichen Asbestverseuchung durch die gebrochenen Rohre nach. Fast zwei Stunden benötigten Feuerleute und Techniker, ehe sie die Dampfzufuhr schließen konnten. Bis dahin wurde der gesamte Straßenzug in eine Schlammwüste verwandelt.

Heizungen und Klimaanlagen der Hochhäuser in New York City werden mit einem riesigen unterirdischen Dampfleitungssystem versorgt. Die Dampfrohre bersten hin und wieder, wenn im heißen Rohr Wasser kondensiert. 1989 kamen bei einer derartigen, als "Wasserhammer" bezeichneten Explosion drei Menschen ums Leben.

mit Material von AP/dpa